25 Jahre Webcam

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25 Jahre Webcam

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Am Anfang war eine Kaffeemaschine. Ein 128 mal 128 Pixel großes Bild in Graustufen, live übertragen aus der Uni Cambridge, auf dem der Füllstand der Kaffeemaschine vor dem alten Rechnerlabor zu sehen war. Die Leute an der Uni konnten so einen Blick auf den Füllstand der Kaffeemaschine werfen, um sich unnötige Wege zu ersparen.

Das war im November 1991, zu Zeiten, als das World Wide Web noch kein Thema war. Die Kamera wurde deshalb im internen Netz der Uni betrieben; wer einen Blick auf das Bild werfen wollte, musste dafür die X-Window-Anwendung xcoffee starten. 1993 wurde das Kamerasystem dann ans Internet angeschlossen und weltweit bekannt – bis es 2001 abgeschaltet wurde. Die Kaffeemaschine ging über eBay an die Kollegen von SPIEGEL ONLINE, mittlerweile steht sie im Deutschen Technikmuseum in Berlin.

Die Webcam. Wie ich diese Erfindung liebe. Vor allem dann, wenn mein Fernweh explodiert und das Alpenpanorama auf 3sat nicht reicht, um es zu stillen. Der Strand in Domburg. Das Meer und die Berge rund um Vancouver. Die Promenade von St. Peter-Ording. Oder wenn es mal ganz weit weg sein muss: der Blick von der Internationalen Raumstation ISS auf die Erde – als permanenter Videolivestream.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg geht mit seiner Webcam vorsichtig um – am Notebook links hinter ihm ist zu sehen, dass er sie abgeklebt hat.

Die Webcam. Wie diese Erfindung mir gleichzeitig Bauschmerzen bereitet. Ich habe schon viele Radiosendungen moderieren müssen, bei denen durchgehend eine Webcam auf mich gerichtet war. Zur Spitze des Chatroulette-Hypes 2010 habe ich Bilder sehen müssen, die ich niemals sehen wollte. Und dann wäre da noch die Angst, über die im eigenen Gerät eingebaute Webcam ausspioniert werden zu können.

Tatsächlich deuten die Snowden-Enthüllungen darauf hin: Mit einem Plug-in namens „Gumfish“ konnte die US-amerikanische NSA zusammen mit anderen Geheimdiensten auf die Kameras infizierter Rechner zugreifen. Auch die Sicherheitsfirma Kaspersky hat eine Software mit ähnlichen Funktionen entdeckt. Dass die Webcam also inaktiv ist, auch wenn das kleine Lichtsignal neben ihr nicht leuchtet, ist nicht gesichert. Viele Nutzer kleben ihre Kameras deshalb mittlerweile einfach ab.

Per Kamera an andere Flecken der Welt zu schalten, ist dank Skype, Hangouts oder FaceTime heute Alltag. Und in Zukunft? Wahrscheinlich wird Virtual Reality der Nachfolger für die Weltreise per Webcam: sich gefühlt direkt an die Orte zu versetzen, statt sie nur auf einem einfachen Bild zu sehen, ist schon heute möglich – und ein noch viel intensiveres Gefühl als die oft matschigen Webcam-Bilder, die uns nun seit 25 Jahren im Netz begleiten. Trotzdem: Happy Birthday, Webcam!

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

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