50 Jahre plaudernde Maschinen

https://blog.wdr.de/digitalistan/50-jahre-plaudernde-maschinen/

50 Jahre plaudernde Maschinen

Kommentare zum Artikel: 0

Wir haben uns daran gewöhnt, einfach auf unserem Smartphone einen Button zu drücken und mit unserem Mobilgerät reden zu können. Siri, Cortana und Google Now mühen sich redlich, uns zu verstehen. Zwar steckt die Spracherkennung noch in den Kinderschuhen, aber es ist durchaus schon so etwas wie ein Dialog möglich. An die Reife des Bordcomputers des Raumschiff Enterprise oder eines HAL 9000 kommen die Assistenten zwar noch lange nicht heran, aber ein Anfang ist gemacht. Dabei wurde der Grundstein für diese Art der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine bereits vor 50 Jahren gelegt – mit einer experimentellen Software.

Der Computerexperte Joseph Weizenbaum sitzt im Computermuseum Paderborn

Der Computerexperte Joseph Weizenbaum sitzt im Computermuseum Paderborn

Vor 50 Jahren den Grundstein gelegt

Es war Professor Dr. Joseph Weizenbaum, der im Januar 1966 eine Software namens Eliza an den Start gebracht hat. Die Software sollte die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen einem Menschen und einem Computer über natürliche Sprache aufzeigen. Zum ersten Mal konnte man mit einer Software „reden“ und musste keine Lochkarten stanzen. Natürlich konnte man damals noch keine Sätze sprechen, sondern musste eintippen, was man zu sagen hatte. Aber die Software hat versucht, mit dem Mensch an der Tastatur einen Dialog zu führen. Hier kann man Eliza in deutsch ausprobieren – und hier im Original.

Benannt hat der in Deutschland geborene Prof. Weizenbaum, der am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) Computewissenschaften gelehrt hat, seine Software nach dem Schauspiel „Pygmalion“. In der Geschichte von George Bernard Shaw lernt das Blumenmädchen Eliza dank der Unterweisung von Professor Higgins richtig zu sprechen. Eliza sollte dem Computer das Sprechen beibringen. Dabei hat Weizenbaum eine Parodie auf ein Gespräch mit einem Psychologen im Sinn gehabt – und auch so programmiert. Eliza fragt im Stile eines Psychologen – und will so ein Gespräch im Gang halten. Eliza weiß auf alles etwas zu erwidern, und das so geschickt, dass das Gespräch nie in Stocken gerät. Antworten gibt es praktisch nie – aber immer interessiert wirkende Nachfragen.

GNU Emacs ELIZA example.png

Eliza hatte durchschlagenden Erfolg

Es ging bei Eliza also nicht darum, tatsächlich Fragen zu beantworten – so wie es Cortana, Siri oder Google Now dank Internet heute ganz ordentlich hinbekommen. So etwas wäre damals noch völlig undenkbar gewesen. Für Weizenbaum war Eliza vielmehr eine Spielerei. Eine Fingerübung. Er wollte alle necken, die Eliza benutzten. Eigentlich, so dachte Professor Weizenbaum, hätte jedem nach wenigen Augenblicken klar sein müssen, dass ihr Gesprächspartner kein intelligentes Wesen ist. Doch die Reaktionen fielen komplett anders aus: Viele Leute nahmen Eliza ernst und schütteten dem Programm ihr Herz aus – weil sie dachten, mit einem Psychologen oder wenigstens einem Menschen zu kommunizieren.

Damit ist Eliza ist gewissermaßen die Mutter aller Chatbos – und auch Social Bots. Der Erfolg von Eliza war Weizenbaum suspekt und hat ihn zu einem Computerkritiker werden lassen. Heutige Assistenten sind Lichtjahre von den Möglichkeiten von Eliza entfernt. Heute wissen die Menschen, dass sie mit einer Maschine sprechen. Sie reden anders, sie erwarten andere Ergebnisse. Aber die Grundidee für eine Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, die auf natürlicher Sprache basiert, ist tatsächlich schon 50 Jahre alt.

Wie es mit der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine weiter geht? Vielleicht, wie es im Kinofilm „Her“ mit Scarlett Johansson skizziert wird. Hier plauder der einsame Wolf Theodore mit einem Betriebssystem, das mit weiblicher Stimme spricht. Und das derart einfühlsam, dass sich der Held glatt verliebt. Auch das basierend auf einer Täuschung – wie vor 50 Jahren.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top