Amazons Lautsprecher, der eine Wanze ist

https://blog.wdr.de/digitalistan/amazon_echo/

Amazons Lautsprecher, der eine Wanze ist

Kommentare zum Artikel: 4

Amazon-Chef Jeff Bezos kann es einfach nicht lassen. Anstatt sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren, den Versand und Verkauf von Produkten, ob nun physisch oder digital, baut er mehr oder weniger ausgefallene Geräte und versucht diese, an den Mann und an die Frau zu bringen. In der Regel allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Nur der eBook-Reader Kindle erfreut sich großer Popularität, die meisten anderen Geräte sind verkaufstechnisch gesehen ein Desaster, etwa Amazons Smartphone Fire Phone. Jetzt hat Amazon einen Hightech-Lautsprecher vorgestellt, der eine Menge können soll, aber auch ein Gefühl von George Orwell versprüht.

azecho.jpg
Amazon Echo überwacht den kompletten Raum

Amazon Echo bekommt alles mit

Denn der rund 200 Dollar teure Lautsprecher ist nicht in erster Linie ein Lautsprecher, sondern eine Abhörstation mit Anbindung ans Internet. Amazon Echo – so heißt das tiefschwarze Objekt, das man sich in den Raum stellt und kabellos mit dem Internet verbunden ist – hört immer mit, belauscht jedes gesprochene Wort. Sogar wenn sich Menschen im Raum unterhalten, soll Echo das verstehen können, denn es könne ja eine Anweisung gesprochen werden. Sprachbefehle werden an Amazon-Server zur Analyse geschickt, denn es erfordert eine hohe Rechenleistung, gesprochene Anweisungen, die über simple Befehle wie „Bildschirm aus“ hinausgehen, zu interpretieren und auszuführen.

Echo kann sogar Witze machen

Genau darum geht es: Echo soll komplexe Anweisungen verstehen, irgendwann sogar so komplexe wie der Bordcomputer bei Raumschiff Enterprise. In dem Produktvideo hat man den Eindruck, dass Echo das bereits kann. Wie viele Teelöffel sind ein Esslöffel? Echo antwortet: Drei. Welcher Tag ist heute? Donnerstag. Selbst Witze kann Echo auf Wunsch erzählen. An ähnlichen Systemen arbeiten auch Google, Apple und Microsoft mit Google Now, Apple Siri oder Microsoft Cortana.

applesiri.png
Auch Apple Siri versucht, alle möglichen Fragen zu beantworten

Aktiv wird Amazon Echo erst, wenn ein Aktivierungswort gesprochen wurde, normalerweise ist das „Alexa“ (unter diesem Namen führt Amazon ein Überwachungssystem im Internet, wo zum Beispiel die Aktivitäten aller Webseiten im Netz registriert werden, aber auch das Surfverhalten von Internetusern ausgewertet wird). Man kann aber auch jedes andere, beliebige Stichwort zum Aufwachen vorgeben. Und das macht klar: Echo hört in der Tat mit – sonst könnte das System nicht bemerken, wenn das Zauberwort gesprochen wird. Was im Hintergrund an Daten übertragen wird, lässt sich nicht feststellen.

Versteht Echo wirklich jedes Wort?

In dem Promovideo versteht Echo jedes Wort. Ich bezweifle stark, dass die wirkliche Erkennung auch nur annähernd so gut gelingt, denn das ist nicht Stand der Technik. Echo spielt auf Wunsch Musik (hier kann Amazon verdienen, denn Musik lässt sich verkaufen), liest Wikipedia-Artikel vor, kann Wörter buchstabieren und Fragen beantworten. Das alles sieht erst mal interessant und auch reizvoll aus. Um das große Thema Datensicherheit macht das Promovideo einen großen Bogen. Es wird komplett ausgespart. Ich finde nicht, dass man die Menschen heute, anderthalb Jahre nach NSA, derart für dumm verkaufen kann.

Die Box wird zunächst nur in den USA verkauft – für den deutschen Markt ist sie noch nicht angekündigt. Das dürfte auch etwas dauern, denn die Spracherkennung auf aufwendig und eine schwierige Sache. Außerdem stellen wir hier in Deutschland unangenehme, aber berechtigte Fragen. Etwa zur Datensicherheit. Da bleibt Amazon jede Antwort schuldig.

http://www.youtube.com/watch?v=KkOCeAtKHIc
Promovideo von Amazon: Das soll Echo alles können

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

4 Kommentare

  1. Ich denke diese Problematik gibt es nicht erst seit Amazon Echo. In manch einem Handbuch eines SmartTVs stehen Dinge wie: „Bitte führen Sie keine wichtigen Gespräche in der Nähe ihres Fernsehers“

  2. Echt super interessant der Artikel.
    Hätte nicht gedacht, dass der Echo mehr als Abhörstation für Amazon fungiert. Da muss man sich ja schon Gedanken zu seiner Privatsphäre machen.
    Andererseits sind die versteckten Easter Eggs vom Amazon Echo echt cool und ich würde den Lautsprecher gerne mal testen.
    Lg Piet

  3. Hallo Jörg,

    ich bin auf deinen interessanten Artikel gestoßen. Finde ihn sehr hilfreich. Vor allem aber deine Erläuterungen dazu welche Gefahr hinter dieser Wanze steckt, finde ich mehr als gelungen und sehr empfehlenswert. Danke dafür. Hat mich echt inspiriert.

    Liebe Grüße
    Timea

  4. Ein solch kleiner Lautsprecher ist mir bis jetzt noch nicht unter die Augen gekommen. Meine Anlage ist noch aus de 90er Jahren und dementsprechend auch relativ groß. Es ist bemerkenswert, dass die Qualität immer besser und die Geräte stets kleiner werde.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top