Warum ich den Begriff „Fakenews“ nicht mehr nutzen werde

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Warum ich den Begriff „Fakenews“ nicht mehr nutzen werde

Kommentare zum Artikel: 13

Es wird kaum noch möglich sein, den Begriff „Fakenews“ zu stoppen. Er beherrscht seit Wochen die Diskussion, jeder weiß, was damit gemeint ist, er klingt definitiv besser als die „problematischen Inhalte“, über die ich vor einem Jahr schrieb. Trotzdem: Ich werde versuchen, den Begriff „Fakenews“ in Zukunft zu vermeiden. Denn er wird zum Problem.

Das liegt nicht nur daran, dass unter „Fakenews“ alles und nichts fällt. Die Dimensionen von „Fakenews“ könnten sein: Propaganda, Lügen, Clickbait, Hoaxes, Spam, Irrtümer, Satire, Tatsachenverdrehungen, fehlender Kontext, Gerüchte, unklare Formulierungen, Halbwahrheiten, falsche Zusammenhänge, Recherchefehler.

Natürlich geht es zurzeit vor allem um Propaganda mit Erfundenem. Im Präsidentschaftswahlkampf in den USA kamen Meldungen auf, Papst Franziskus unterstütze Donald Trump oder dessen Gegenkandidatin Hillary Clinton sei in Machenschaften eines Kinderpornorings verwickelt. Zwischen Deutschland und Russland führte der Fall Lisa zu diplomatischen Verwicklungen. Und die Politikerin Renate Künast stellte Strafanzeige wegen eines falschen Zitats nach der Festnahme eines mordverdächtigen Flüchtlings in Freiburg.

„Your organization is terrible. I’m not going to give you a question. You are fake news.“ – mit dieser unwürdigen Vorstellung beschimpft der künftige US-Präsident Donald Trump den CNN-Reporter Jim Acosta.

Doch gerade weil „Fakenews“ alles und nichts sind, lässt sich der Begriff wunderbar nutzen, um damit nicht mehr nur Falschmeldungen, Propaganda und Lügen zu brandmarken. Genutzt wird er auch für Inhalte, die nicht ins eigene Weltbild passen. Kommt der zukünftige US-Präsident Donald Trump mit kritischer Berichterstattung nicht klar, nennt er sie „Fakenews“ – so gesehen auf seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl, auf der er den CNN-Reporter Jim Acosta zusammenstauchte.

Die frühere CDU-Abgeordnete Vera Lengsfeld wiederum schmeißt mit dem Begriff auf ihrer Website in den vergangenen Tagen nur so um sich – welch Treppenwitz bei jemanden, der zuletzt mit falschen Behauptungen über die Kollegen des stern in der Talkshow „Maischberger“ auffiel, danach mit einer – auf ihrer eigenen Website mittlerweile wieder verschwundenen – Richtigstellung reagierte und so den stern besänftigte, der juristische Schritte in Erwägung gezogen hatte.

Margaret Sullivan zählt für die Washington Post ein paar weitere Beispiele auf: Zahlen, die belegen, dass „Obamacare“ auch Vorteile hat? „Fakenews“! Ein CNN-Bericht darüber, dass Donald Trumps Tochter die Rolle der First Lady übernehmen könnte? Aus Sicht des Vorschwörungstheoretikers Alex Jones: „Fakenews“! Der Korrespondent von ABC News im Weißen Haus? Natürlich: ein „Fakenews-Propagandist“! Auch eine Nutzerin hier in Digitalistan zählt in den Kommentaren Berichte auf, die ihr nicht passen, stempelt sie als „Fakenews“ ab und stellt damit die Glaubwürdigkeit klassischer Medien in Frage.

„Erstelle Fakenews. Vergifte die Öffentlichkeit damit. Bezeichne echte News als Fakenews. Nenne alle Medien, die gegen dich sind, Fakenews.“

Als die Debatte um „Fakenews“ im vergangenen Herbst so richtig Fahrt aufgenommen hat, hat mich Daniel M. in den Kommentaren hier in Digitalistan dazu aufgefordert, damit aufzuhören, „waschechte Propaganda verharmlosend als ‚Fakenews‘ zu bezeichnen“. Mittlerweile glaube ich auch, dass der Begriff „Fakenews“ immer stärker zu einem Problem wird. Denn er wirft alles in einen Topf: klare Lügen oder bewusste Täuschung auf der einen Seite, alltägliche Fehler oder legitime Haltungen auf der anderen Seite.

Es ist besser, die Dinge wieder beim Namen zu nennen – was uns auch helfen könnte, die eigentlich wichtigen Debatten zu führen. Lügen sind also Lügen, Propaganda ist Propaganda, und Fehler sind eben Fehler – oder unsauberer Journalismus unsauberer Journalismus. Den Begriff „Fakenews“ dagegen versuche ich in Zukunft – so gut es geht – zu vermeiden.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

13 Kommentare

  1. Martin Däniken am

    Es gibt zwei Fraktionen:
    1. die die sagen,regt euch nicht auf sind doch nur Worte-es gibt noch das richtige Leben
    2.die die wissen Worte sind Waffen!
    Natürlich ist das ein sehr grobes Raster
    Aber die 1.ten werden zu den2.ten wenn sie persönlich betroffen sind.
    Und Fakenews nenne ich inzwischen Märchenstunde!

    • @Eric B.: Bei der Huffington Post darf jeder publizieren, auch andere Onlinemedien haben eine breitere Autorenriege mit einer noch breiteren Quellenbasis. Ich frage mich deshalb, ob die Sortierung nach Ländern da so sinnvoll ist. Und die Frage ist ja auch nicht immer, wie viele Gerüchte in Umlauf sind, sondern auch, wie „wirksam“ sie sind – siehe den Fall Lisa.

    • @Eric B.:
      So weit brauchen Sie geografisch gar nicht zu springen: lesen Sie doch mal „Der Aufmacher: Der Mann, der bei Bild Hans Esser“, von Günter Wallraff. Ist zwar über 40 Jahre alt, aber immer noch aktuell, was deren Arbeitsweise angeht. Und besorgen Sie sich eine gebrauchte Erstausgabe, die nachfolgenden Ausgaben wurden von Springer nämlich erfolgreich per Gerichtsbeschluss zensiert! Problem hierzulande ist nur, dass sich an die Bild NIEMAND der Journalistengilde so richtig „ran“ traut (Stichwort: „Career Suicide“); wohl auch, weil F. Springer und A. Merkel (deren Mann, J. Sauer, übrigens seit 2011 Kuratoriumsmitglied der Friede Springer Stiftung ist) sehr eng befreundet sind. Und so wird beispielsweise auch Seehofer NICHT Bundesinnenminister; obwohl dies letzten Dezember noch von jenem Blatt (selbstverständlich aus Insiderkreisquellen) vermeldet wurde. „Das ist eine totale Falschmeldung“, sagte Seehofer der „Augsburger Allgemeinen“. „Hätten wir solche Falschmeldungen schon unter Strafe gestellt, dann müsste ich jetzt sofort Strafanzeige erstatten.“.

  2. Mac Mondamin am

    Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen. Oder von François VI. Herzog de La Rochefoucauld: Es ist mit gewissen guten Eigenschaften wie mit den Sinnen: Die, welche ihrer gänzlich beraubt sind, können sie weder gewahren noch begreifen.
    Bei einer Podiumsdiskussion kritisierte ich einige Sachverhalte eines Unternehmens.
    Anschliessend stürzte sich ein WDR-Reporter auf mich. Als ich mehr Partei für das Unternehmen ergriff und den WDR kritisierte wurden meine Aussagen nicht gesendet. meiertoni3@t-online.de

  3. J. Verwold am

    Inflationärer Gebrauch von Begriffen wie „fakenews“ führt in der digitalen Welt extrem schnell zu Missverständnissen und Missbrauch, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Die Dinge beim Namen zu nennen kann ich nur unterstützen, gerade in einer Zeit, wo z.B. angehende profitorientierte Weltenlenker ernsthaft versuchen, über 140-Zeichen-Statements Politik zu betreiben, bzw. Ängste zu schüren und Menschen in ihrem Sinne zu manipulieren. Nichts gegen Twitter, aber mein Gott, wenn ich mir überlege, was es in der „Prä-Social-Media Zeit“ für ein (wahrscheinlich sinnloser) Aufwand gewesen wäre, vergleichbare Äußerungen über Papier- oder Funk/Fernseh-Medien zu verbreiten… Aussichtslos! Und das zu Recht!
    Beschreiben Sie die Dinge so, wie sie sind! Das war und ist die Stärke der öffentlich-rechtlichen Medien!

  4. Euphemismus am

    Ich fuerchte, Ihre (berechtigte) Kritik an der Verwendung des Begriffes ist aussichtslos, da er sich schon zu sehr im Alltags(sprach)gebrauch etabliert hat. Genauso, wie es beim Begriff (ich weiss, jetzt werden sicherlich einige aufstoehnen) „HomoPHOBIE“ geschah; eine Phobie ist med. gesehen ja erst mal nur eine Angst. Diese mag Grundlage fuer eine Abneigung Homosexueller sein, weitaus haeufiger steht aber HomoFEINDLICHKEIT bzw. -HASS hinter Ablehnung und Gewaltaten.
    H.-phobie ist im Grunde also nur ein Euphemismus, genauso wie, wie Sie es ja bereits schrieben, Fake-News, um der Gesellschaft einen „zivilisierteren“ Anstrich zu geben und die Weltsicht zu vereinfachen.
    Passt aber irgendwie zum heutigen Gesamtbild:
    AfD, aber auch gewisse Politiker etablierter Parteien, gestalten das Welt- und Gesellschaftsbild (bewusst) vereinfacht, um damit Stimmung zu machen und letzendlich politisch (und gesellschaftlich) unpopulaere Entscheidungen nach ihren Wuenschen zu beeinflussen. (Wobei „die Medien“ auch ihren Teil dazubeitragen!)

  5. P. Gedoehns am

    Auch wenn dies ein anderes Thema ist, zu dem man sehr viel schreiben könnte, bin ich der Meinung, dass man englische Begriffe wie etwa Fakenews möglichst aus dem deutschen Sprachgebrauch streichen und durch ein passendes deutsches Wort ersetzen sollte. Warum muss wohl ein ausländisches Unternehmen eine deutsche Bedienungsanleitung mitliefern, wenn es ein Produkt inkl. CE-Kennzeichen auf dem deutschen Markt vertreiben will? Richtig, um Missverständnisse zu vermeiden.
    Ich denke, wir sollten unsere Muttersprache erhalten und wie Franzosen, Italiener, Türken und Polen kein schlechtes Gewissen haben, sie auch anzuwenden. Wir brauchen keinen Coffee to go, keinen Sales-Manager, Home-Office, Facilty-Manager, Streetworker oder Shopping-Center und auch keine Fakenews. Der jeweils deutsche Begriffe wäre passender und würde immer verstanden.

      • @Dennis Horn: Nunja, das wäre auch ein guter Grund, den Begriff zu meiden. Im Übrigen stimme ich Ihnen zu: Eine genauere Differenzierung ist angebracht: Ist es eine absichtliche Falschmeldung, ein Missverständnis, ein Gerücht, entstanden aus fehlenden Informationen, oder schlicht Satire, und somit gar nicht ernst gemeint? Derzeit biegt sich jeder seine Fakenews, wie er grade will, auch Tatsachen werden gerne mal als Fakenews diskreditiert. Insofern ist man besser dran, wenn man seine Informationen aus mehreren, voneinander unabhängigen Quellen bezieht und daraus die Tatsachen als „glaubhaften Mittelwert“ subjektiv extrahiert. Die Wahrheit liegt irgendwo dort draußen…

  6. Paul Meiner am

    Herr Horn, ich finde ja abschreiben in der Medienzunft noch schlimmer als erfundene Nachrichten. Aber da scheinen sie sich ja nicht drüber auf zu regen! Die finde ich ja noch erbärmlicher, als erfundene Nachrichten.

    • Dennis Horn am

      @Paul Meiner: Spielen Sie auf etwas Konkretes an? Ansonsten ist „Abschreiben in der Medienzunft“ hier einfach nicht das Thema. Dass es auch andere Probleme gibt, lässt sich fast überall anbringen – ein wunderbares Totschlagargument für jede Diskussion.

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