Botswatch – den Social Bots an den Kragen

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Botswatch – den Social Bots an den Kragen

Kommentare zum Artikel: 16

Fakenews, Big Data, Social Bots – nur drei der Themen aus der Techwelt, die zurzeit vielen Menschen Sorgen bereiten, vor allem mit Blick auf unsere Demokratie: Wie viele Menschen nehmen Fakenews für bare Münze? Ist es möglich, Big-Data-Methoden zu nutzen, um Wahlentscheidungen damit zu beeinflussen? Und lassen sich Social Bots dafür einsetzen, die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen?

Social Bots sind Profile in sozialen Netzwerken, allen voran in Facebook und Twitter, hinter denen keine echten Personen stecken, sondern kleine Programme. Ihre Aufgabe: automatisiert posten und zum Teil sogar in Kontakt mit anderen Nutzern treten – oft ohne zu offenbaren, dass gar kein Mensch, sondern ein Algorithmus dahintersteckt. Propaganda-Bots also, wenn es um die Debatten geht, die wir zurzeit führen.

Social Bots gehören übrigens schon lange zu sozialen Netzwerken dazu – selbst die tagesschau setzt sie ein, um neue Artikel auf tagesschau.de auch bei Twitter bekannt zu machen. Es wäre also falsch, sie unter Generalverdacht zu stellen. Beim Wahlkampf in den USA haben Propaganda-Bots zwar eine wichtige Rolle eingenommen. Für uns als Nutzer ist es außerdem vor allem bei Twitter schwierig, Bots zu enttarnen. Dass Propaganda-Bots aber überhaupt einen Effekt haben, ist bisher nicht belegt.

Aktive Accounts und Social Bots

Aktive Accounts oder Social Bots? Etwa jeder zehnte Account, der sich bei Twitter zur Rede von Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag geäußert hat, könnte laut Botswatch in die Kategorie „Social Bot“ fallen.

Trotz allem: Die Vorstellung, dass von künstlicher Intelligenz gesteuerte Accounts dazu genutzt werden, im Wahlkampf Propaganda zu streuen, ist natürlich Grund genug, mit Transparenz dagegenzuhalten. Dabei könnte auch das ehrenamtliche Projekt „Botswatch“ eine Idee sein, das an diesem Wochenende an den Start gegangen ist.

Die Macher von Botswatch haben sich vorgenommen, politisch relevante Ereignisse von Parteitagen bis Talkshows unter die Lupe zu nehmen. Ziel ist es dabei, zu analysieren, wie viele und welche Social Bots sich an der Debatte in Twitter beteiligt haben – und was die Botschaften waren, die sie dabei unter die Nutzerschaft bringen wollten.

Die bisherigen Analysen der Rede von Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag oder der Talkshows von Anne Will und Maybrit Illner zum Beispiel zeigen einen Social-Bot-Anteil von rund zehn Prozent – wobei automatisch alle Accounts als Social Bots gelten, die durchschnittlich 50 oder mehr Tweets am Tag posten und/oder 50-mal oder öfter am Tag auf „Gefällt mir“ geklickt haben. Damit richten sich die Macher von Botswatch nach der Definition eines Teams von Wissenschaftlern der Oxford University, das den Einsatz von Social Bots im US-Wahlkampf unter die Lupe genommen hat.

Hart aber Fair

Wie viele Social Bots twittern während einer Talkshow wie „Hart aber Fair“? – Botswatch will dazu in Zukunft die Analysen liefern und richtet sich mit diesen Daten unter anderem an Journalisten.

Dieses System will Botswatch-Gründerin Tabea Wilke weiter optimieren: „Solltest du als Privatperson mehr als 50-mal am Tag twittern und auf ‚Gefällt mir‘ klicken, würdest du im Moment auch als Social Bot eingestuft.“ Diese Kriterien seien aber nur ein Anfang: „Wir haben viel komplexere Skripte und auch selbst Bots entwickelt, die Bots entdecken können. Dazu gehört unter anderem die Identifizierung von Dubletten von unterschiedlichen Accounts, gleicher Syntax und so weiter.“

Wilke selbst ist übrigens Mitglied in der CDU und im cnetz, einem Netzpolitikverein, der CDU und CSU nahesteht. Sie betont aber die Unabhängigkeit des Projektes: „Wir urteilen nicht über Bots und bewerten sie auch nicht, sondern wir verstehen uns als Datenlieferant, als technisches Tool, das auf Social Bots blickt.“

Langfristig gehe es vor allem darum, Journalisten Daten zur Verfügung zu stellen, mit denen sie „ihre Berichterstattung ‚über das Internet‘ abgleichen können“ – und das halte ich für eine gute Idee, denn es kommt nach wie vor zu oft vor, dass die vorherrschende Meinung bei Twitter mit der vorherrschenden Meinung in der Bevölkerung verwechselt wird. Botswatch könnte ein Ansatz sein, dabei für mehr Transparenz zu sorgen.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

16 Kommentare

  1. „Botswatch – den Social Bots an den Kragen“

    Titel und Inhalt des Betrags sind leider völlig überzogen. Und zwar aus mindestens drei Gründen

    1) Das durchaus verwandte, intensivst untersuchte Problem des SPAM-FIlterns ist auch nicht gelöst. Oder kann mir jemand einen SPAM-Filter nennen, der effektiv dem SPAM an den Kragen geht?

    2) Ich erkenne die wohlmeinenen Absicht hinter dem skizizzierten Projekt – aber die Veröffentlichung von social bot Vermutungen hat bei allen Transparenzgewinnen auch einen Nachteil, den man benennen sollte: Entwickler von social bots können damit prima ihr Systeme so parametrisieren, dass sie knapp unter dem Radar solcher Sytemen agieren. Also: auch bot-Entwickler werden davon profitieren.

    3) Die Leistungen eines solchen Sytems sind immer nur Abschätzungen. Wie lautet das Mantra noch mal: Einen perfekten Schutz gibt es nicht. Es gibt bei Phänomenen der realen Welt auch i.d.R keine perfekte Klassifikation.

    Selbstverständlich kann die Alternative nicht Nichstun bedeuten! Man sollte aber nüchtern die Möglichkeiten und Grenzen bzw. evtl. sogar Gefahren solcher Systeme betrachten statt sie unkritisch zu bejubeln.

    Vor dem Hintergrund der im Artikel nicht erwähnten Probleme bzw. Grenzen erscheint es mir doch recht merkwürdig, wenn eine parteilich gebundenen Person einen Dienst bereitstellt, mit dem Journalisten ihre Berichterstattung über das Internet „abgleichen“ können.

    • Dennis Horn am

      @M.K.: Zu Ihren Punkten:

      Erstens: Mein Spamfilter bei Gmail funktioniert hervorragend.

      Zweitens: Sie schreiben ja selbst, dass die Alternative des Nichtstuns auch ein Problem wäre. Ich gebe Ihnen in Ihrer Beschreibung recht: Es bleibt ein Katze-Maus-Spiel – aber ich könnte mich nur schwer damit anfreunden, einfach aufzugeben.

      Drittens: Ich habe, wie erwähnt, auch meine Probleme mit der fehlenden Transparenz. Trotz allem finde ich die Idee einen guten Ansatz, und irgendwer muss ja einmal beginnen. Vielleicht sollten wir das Projekt als Diskussionsbeitrag sehen.

  2. Herr Gedöns am

    Würden Politiker eine Politik für Bürger anstatt machen und wären Politiker echte „Typen“ wie damals Strauss, Schmidt und Genscher und wäre eine klare Linie einer Partei erkennbar, müsste man sich keine Gedanken über Fakenews, BigData und Social Bots machen. Jeder wüsste für sich, weshalb er wann wen wählt. Mir wird leider immer mehr vermittelt, dass ich in Augen der Politiker nur eine Stimme darstelle, die die Herrschaften in ihre gut bezahlten Pöstchen hieven soll.

    Ich befürchte, dass man Angst vor einer Blickwinkelerweiterung der Wähler hat und deshalb russische und andere kritische Medien fürchtet und zwischen „guten“ und „bösen“ Medien unterscheidet.

    Ich werde jedenfalls keine etablierte Partei wählen, sondern eine kleine Splitterpartei, die von mir aus Partei der „Lustigen Holzhacker“ heißen kann. So verschenke ich meine Stimme nicht und die Etablierten, zu denen ich jegliches Vertrauen verloren habe, bekommt sie auch nicht.

    • @Herr Gedöns: Um das noch einmal klarzustellen: Es geht hier nicht um „Blickwinkelerweiterung“, sondern um Falschmeldungen, Lügen und Propaganda.

      • Herr Gedöns am

        @Herr Horn: Falschmedungen und Hasskommentare auf Fb. sind die eine Sache. Ist das Weglassen von Details und ständige Wiederholen von bestimmten Nachrichten denn immer der richtige Weg? Ich lese jedenfalls offizielle, wie auch alternative Medien und hinterfrage beide Seiten nach „cui bono“ und bilde mir meine Meinung. Ich bin mir fast sicher, dass die CDU auch gerne Alternativ-Medien als Fake bezeichnen und verbieten würde.

        • @Herr Gedöns: Weglassen von Details ist aus meiner Sicht dann ein falscher Weg, wenn es sich um Details handelt, die im Einzelfall tatsächlich wichtig sind und zum Beispiel zu einer nötigen Differenzierung beitragen. Wiederholungen von Nachrichten gehen einem Publikum, das Nachrichtenangebote häufig nutzt, auf den Keks, einem anderen Publikum möglicherweise nicht. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Social Bots nicht mehr so viel zu tun.

  3. “ das ehrenamtliche Projekt ‚Botswatch ‚“

    Ehrenamtlich? Dahinter steht doch offenbar cnetz, („ein den Unionsparteien (CDU/CSU) nahestehender Verein mit Sitz in Berlin“ WIkipedia). Es spricht einiges für dieses Projekt. Mir fehlen allerdings die Vergleichsmögichkeiten. Z.B. wieviele social bots werden nach Parteitagen andererer Parteien aktiv? Aber vieleicht kommt das ja noch. In jedem Fall halte ich die Bezeichnung „ehrenamtlich“ hier nicht für angemessen.

    • @Kurt: Tabea Wilke, die Initiatorin von Botswach, ist CDU- und cnetz-Mitglied, wie im Artikel erwähnt. Sie hat das Projekt aber ehrenamtlich ohne Verbindung zum cnetz ins Leben gerufen. Mit den Fragen, die Sie damit aufwerfen, muss sich vermutlich jeder beschäftigen, der ein solches Projekt in Zukunft startet, wenn er Verbindungen zu Medien, Politik oder anderen Feldern hat, die Zweifel an einer Unabhängigkeit aufkommen lassen.

      Ansonsten sollen Parteitage anderer Parteien laut Tabea Wilke folgen, sobald sie stattfinden – und dann ebenso behandelt werden. Ich bin da für die Zukunft genauso gespannt wie Sie.

  4. Wenn es jetzt schon so weit ist, dass die Ernsthaftigkeit und Transparenz von Webangeboten an der Einhaltung von strikt formal-juristisch als Abmahn-Goldgrube gebauten „Regeln“ abhängt, haben Bots und Faker im Netz bereits ganze Arbeit geleistet. Und deshalb wie immer an solchen Stellen der Oldie-but-Goldie-Hinweis: don’t feed the troll;-)

    • Ich finde die Impressums-Pflicht ausgesprochen nützlich! Solche Regeln und Gesetze gelten eben auch für diejenigen, die tatsächlich oder vom eigenen Selbstverstädnis im Sinne einer guten Tat unterwegs sind. Wäre das nicht so, würde man Trollen in die Hände spielen.

  5. Die Internetpräsenz „botswatch“ enthält kein -nach aktueller, bundesdeutscher Gesetzes- und Rechtsprechungslage- gültiges Impressum, sondern lediglich folgenden Eintrag:
    „VERANTWORTLICH FÜR DEN INHALT NACH § 55 ABS. 2 RSTV
    Tabea Wilke
    Digitale Strategische Kommunikation
    E-Mail: mail [at] botswatch[dot] de“
    —-
    § 55 ABS. 2 RSTV regelt aber eindeutig:
    „(2) Anbieter von Telemedien mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten, in denen insbesondere vollständig oder teilweise Inhalte periodischer Druckerzeugnisse in Text oder Bild wiedergegeben werden, haben zusätzlich zu den Angaben nach den §§ 5 und 6 des Telemediengesetzes einen Verantwortlichen mit Angabe des Namens und der ANSCHRIFT zu benennen….“
    ————
    Die Anschrift fehlt, Pflichtangaben des Telemediengesetzes ebenso!
    Legitimät, Glaubhaftigkeit, Ernsthaftigkeit und Unabhängigkeit des Projektes dürfen daher bezweifelt werden!

    • @Florian: Tabea Wilke ist mir persönlich bekannt; deshalb bewerte ich die Glaubwürdigkeit hier unabhängig vom Impressum.

      Ich gebe dir aber recht: Ein Projekt, dem es um Transparenz geht, müsste Transparenz auch bei sich selbst walten lassen. Ich habe das bei einem Gespräch mit Tabea Wilke am Wochenende auch angemerkt. Vielleicht kommt da ja noch etwas.

      • „Vielleicht kommt da ja noch etwas.“?
        Die Gesetzgebung, so dachte ich zumindest bislang, gilt für a l l e! Demnach auch für Frau Wilke, die ich (und vermutlich auch viele andere User) n i c h t persönlich kenne.
        Was transparent sein muss oder nicht, ist (für a l l e! Webseitenbetreiber) in eindeutigen Gesetzen (s.o.) eindeutig geregelt und wird sich kaum durch den evtl. „good will“ von Frau Wike beugen lassen, oder?
        Ganze Heerscharen abmahnungsspezialisierter Anwaltskanzleien lecken sich nach derartigen Impressen die Finger! Frau Wilke und/oder Team wären also gut beraten, entsprechende Änderungen zügig vorzunehmen!

        • @Florian: Was rechtlich sein muss oder nicht, ist für mich nicht der einzige Aspekt bei der Bewertung der Relevanz eines Onlineangebotes. Ich denke, Sie haben Ihren Punkt da nun klar gemacht – danke.

          • Eine durchaus interessante und bemerkenswerte Antwort für jemanden, wie Sie, der sich derart engagiert und vehement gegen Fake-News, Filterblasen & Co. und für durchgängig nachvollziehbare bzw. t r a n s p a r e n t e Fakten einsetzt, zu denen ich, u. a., ein einwandfreies Impressum zähle; gerade bei einem Projekt, das dem „Postfaktischen“ entgegenwirken will!
            Nur weil ich weiß, dass Frau Merkel und Frau Springer gute Freundinnen sind, können weder die CDU noch der Facebookauftritt der Bundesregierung oder der Springer-Verlag auf ein rechtsgültiges Impressum verzichten.
            Daher ist auch Ihre persönliche Bekanntschaft mit Frau Wilke für meinen Eindruck, die Seriosität (mangels Offenlegung gesetzlich zwingend notwendiger Fakten) des „botswatch“-Projektes zu bezweifeln, irrelevant.
            Wenn ich also behaupte, Dennis Horn kennt Frau Wilke von „botswatch“ persönlich und sichert mir in seinem Blog-Artikel zu, dass dies eine glaub- und vertrauenswürdige Quelle ist (obwohl echte Fakten, wie das mangelhafte Impressum, dagegen sprechen), handele ich dann nicht schon -zumindest fahrlässig- „postfaktisch“, sobald ich diesen Artikel oder die „botswatch“-Seite anderen Menschen zur Weiterverbreitung weiterempfehle?
            Aber lassen wir das.
            Und auch Ihnen: „Danke“ für Ihre Kommunikationsbereitschaft!

          • Dennis Horn am

            @Florian: Ich bin doch völlig Ihrer Meinung: Ein Projekt, das sich für Transparenz einsetzt, muss diese auch selbst walten lassen. Das sehe ich ebenfalls nicht erfüllt. Wenn ich als Journalist aber zur Erkenntnis komme, dass das Projekt dennoch glaubwürdig ist, sehe ich keinen Grund dafür, nicht zu berichten.

            Aber gut, dass Sie allem kritisch gegenüberstehen, was Sie lesen – das sollte unabhängig davon gelten, ob eine verlinkte Seite ein rechtsgültiges Impressum besitzt oder nicht. Es soll nämlich auch Seiten mit einwandfreiem Impressum geben, auf denen trotzdem nur Unsinn zu finden ist.

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