Cebit 2018: Coachella in Hannover – und es könnte sogar funktionieren

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Cebit 2018: Coachella in Hannover – und es könnte sogar funktionieren

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Zwischendurch wurden Witze darüber gemacht, wie leer es in den Messehallen doch sei. Wie die Cebit es schaffe, mit ein paar breiter angelegten Gängen, geschickt platzierten Sitzgelegenheiten und Testgeländen für Drohnen und Autos die Ausstellungsfläche groß zu halten. Dass es so leer sei, kaum Besucher da seien. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob man die Cebit in diesem Jahr, in dem sie so sehr versucht, sich als Festival und Digitalevent neu zu erfinden, allein über diese Eindrücke bewerten sollte.

Denn es tut sich etwas. Die Aussteller, mit denen ich gesprochen habe, äußerten sich alle ähnlich: Es seien zwar noch einmal weniger Leute an die Stände gekommen, als in den vergangenen Jahren. Die Gespräche seien aber interessanter, intensiver, konkreter gewesen. Mein Eindruck außerdem: Das Publikum der Cebit hat sich verändert. Weniger Nerds mit karierten Hemden, weniger Anzugträger mit Aktenkoffern, mehr Digitalpublikum, mehr T-Shirts, mehr Sneaker. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass zur Cebit bei Instagram und Twitter einmal so viel los war, wie in diesem Jahr.

Gleichzeitig merkt man der Cebit an, wie sehr im Wandel und wie unfokussiert sie deshalb ist. Da stehen die digitalen Kinder der Generation Y, auf die es die Messe nun abgesehen hat, direkt neben Geschäftemachern, die “Leads generieren” wollen und ihr IT-Wirtschaft-Bullshit-Bingo spielen. Draußen: Riesenrad, Streetfood und Wellensurfen auf dem Freigelände. Und in den Hallen: die ewig gleichen, langweiligen Messestände. Oder wie Matthias Kremp es bei SPIEGEL ONLINE formuliert: “Die Messe hat den Wandel zum Digitalfestival offenbar schon fast vollzogen, die Aussteller noch nicht.”

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Neustart als Digitalmesse – was sich bei der Cebit verändert

Stephan Dörner vom t3n-Magazin schreibt in seinen Eindrücken zur Cebit bei Twitter, die Cebit habe zwei glorreiche Vergangenheiten: die Tage der 80er, in denen man als Jugendlicher über den Zaun geklettert und sich mit dem Atari-Chef unterhalten habe, und die Tage der späten 90er mit wilden Standpartys und Geschenken für Besucher. Als die Cebit zur Fachmesse wurde, blieb nichts davon übrig.

Dieses Jahr aber wird im Gedächtnis bleiben: das Riesenrad auf dem Freigelände, fast ikonografisch für die neue Cebit, die man hier ironisch schon als “Coachella in Hannover” bezeichnet; die Konzerte von Mando Diao und Jan Delay; das endlich spannende Konferenzprogramm. Da ist etwas entstanden, das Spaß macht und gleichzeitig im Digitalen verwurzelt ist. Die Idee könnte aufgehen – wenn die Messe sie jetzt auch konsequent verfolgt und ihr Zeit gibt. Denn auch das ist klar: Von einem aufs andere Jahr bekommt man ein Ungetüm wie die Cebit nicht auf links gekrempelt.

Die Frage ist also, wie und ob die Cebit es schafft, ihr neues Konzept in den kommenden Jahren voranzutreiben – und auch wie schnell, denn mit den Online Marketing Rockstars in Hamburg und der re:publica in Berlin gibt es schon länger auch deutsche Konferenzen, die in der jungen, kreativen Digitalszene wesentlich stärker verankert sind. Wenn die Messe ihr inoffizielles Vorbild – die SXSW in Austin – also wirklich ernst nimmt und zum Festival werden möchte, muss hier noch einiges etwas passieren.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

2 Kommentare

  1. Zahnärzte am Lister Platz Hannover am

    Hallo Dennis, ich finde deinen Blogbeitrag sehr gut. Die Assoziationen mit Coachella und der CEBIT kamen uns tatsächlich auch schon. Dieses Jahr war die CEBIT bereits leicht von einem Festival angehaucht, was durchaus positiv war.

  2. Karl Bold am

    Wie das so mit den Assoziationen so ist: andere denken bei Hannover an das größte Schützenfest der Welt. Und zu einer Kirmes gehört meist ein Riesenrad. (Und für diesen Gedanken muss ich nicht in die USA fliegen).

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