Cebit 2018: Die Großtante wagt einen Neustart

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Cebit 2018: Die Großtante wagt einen Neustart

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Es war all die Jahre so einfach, sich über die Cebit lustig zu machen. Die in die Tage gekommene Messe, auf die man eigentlich keine Lust hat, aber man muss ja hin. Ein bisschen wie der Geburtstag der Großtante. Und dann haben wir Witze gemacht, weil eine Stunde WLAN auf der Messe fünf Euro kostet. Und währenddessen wurden die Messehallen Jahr für Jahr leerer. Dann gab Microsoft den eigenen Stand auf, sogar die Telekom hatte keine Lust mehr – und die Cebit insgesamt stand auf dem Spiel.

Heute geht die Cebit in eine neue Runde – vom 11. bis 15. Juni. Eine Neuausrichtung war dafür dringend nötig. Die Messe in Hannover war einmal der Ort für Weltneuheiten. Bill Gates stellte hier Windows 95 vor. Es gab die ersten MP3-Player zu sehen. Nokia brachte seine neuen Handys mit. Zur Jahrtausendwende kamen 800.000 Besucher aufs Messegelände, zuletzt zählte die Cebit nur noch 200.000, und für viele Aussteller und Besucher war sie kein Event mehr, sondern ein Pflichttermin.

Die Messe hat sich für eine Flucht nach vorn entschieden. Juni statt März. Freigelände statt Messehallen. Fuckup-Nights, bei denen Start-up-Gründer vom Scheitern erzählen, zusätzlich zum klassischen Messegeschäft. Konzerte mit Mando Diao und Jan Delay, eine Streetfoodmeile unter freiem Himmel, ein Riesenrad, das den Besuchern schon von weitem den Neuanfang der Cebit sichtbar macht. So will die Messe neben den IT-Entscheidern mit Anzug und Aktenkoffer auch die kreative digitale Klasse anziehen – also die jüngeren Vordenker, für die die Cebit bisher weniger ein Thema war.

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Die CEBIT will nach drei Jahrzehnten mehr sein als eine pure Technikmesse für Fachbesucher. Die Messe wird zum Festival – neue Zielgruppen sollen erreicht werden. Taugt das als Erfolgsrezept?

Andere Veranstaltungen haben schon länger erkannt, dass Digitalisierung auch Popkultur und Gesellschaftsthema ist. Die SXSW in Austin zum Beispiel, die Dreamforce in San Francisco und natürlich auch die re:publica in Berlin. Deshalb nennt sich die CEBIT jetzt “Business-Festival für Innovation und Digitalisierung”. Selbst der Pressesprecher kommt jetzt morgens in kurzer Hose auf dem Rad ins “Co-Working-Pressezentrum”. Und die Cebit rückt ein Stück in Hannovers Innenstadt: Am Kröpcke stehen Palettensofas unter Palmen und Lichterketten; daneben eine kleine Bühne, auf der sich die Besucher Liveübertragungen von der Messe anschauen können.

Thematisch deckt die Cebit die komplette aktuelle Digitaldebatte ab: von Künstlicher Intelligenz und Machine-Learning-Ansätzen über Virtual und Augmented Reality bis zur Blockchain, zu Mobilitätsansätzen für die Zukunft, dem Internet der Dinge und selbstfahrenden Autos. Microsoft und die Deutsche Telekom fehlen weiter mit eigenen Ständen. Konzerne wie IBM, BASF, die Deutsche Bahn, Intel und SAP sind aber dabei, und erstmals ist auch Facebook mit einem eigenen Auftritt vertreten.

Es gehört viel Mut dazu, sich so sehr neu zu erfinden, wie es die Cebit versucht. Es gehört auch viel Mut dazu, ein Festival für Digitalisierung auf einem Messegelände in Hannover zu feiern – die Fallhöhe zu Berlin, Austin, San Francisco kann man nicht wegdiskutieren. Aber diesen Mut brauchte es nun offenbar – und es wird spannend, wie die Bilanz dieser neuen Cebit am Ende ausfallen wird. Denn viele Aussteller sind einig: Das neue Format könnte gleichzeitig ihre letzte Chance sein.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

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