Cliqz: Ein Browser, mal ganz anders gedacht

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Cliqz: Ein Browser, mal ganz anders gedacht

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Es gibt einen neuen Browser – und der kommt tatsächlich aus Deutschland. Die nur allzu menschliche Trägheit in uns lässt uns denken: So what? Wozu noch einen Browser? Die meisten sind doch mit Firefox, Chrome, Safari oder InternetExplorer/Edge zufrieden. Wer besonders ausgefallen sein will, der greift zu Opera. Es gibt zwar noch jede Menge anderer Browser, doch die tauchen in den Browser-Statistiken nicht mal unter „ferner liefen“ auf, so unbedeutend sind sie. Welche Chance soll da also ein Browser aus Deutschland haben?

Der Cliqz-Browser kommt aus Deutschland und versucht diskret zu sein

Der Cliqz-Browser kommt aus Deutschland und versucht diskret zu sein

Diskretion großgeschrieben

Jetzt bitte nur nicht zu früh abwinken. Denn der neue im Ring, der sich Cliqz nennt, hat es wirklich in sich. Er verfolgt jedenfalls ein sehr interessantes Konzept, das zwar vor allem bei uns in Deutschland, aber keineswegs nur hier auf offene Ohren stoßen dürfte. Denn Cliqz ist ein moderner Browser, der mit eigener Suchfunktion daher kommt, mit pfiffigen neuen Bedienideen punktet und darüber hinaus Tracking-Scripten das Leben schwer macht. Cliqz sorgt also sozusagen dafür, dass wir mehr Anonymität bekommen. Datensammler im Netz – und davon gibt es reichtlich – werden in ihre Schranken verwiesen.

Dabei geht Cliqz sehr geschickt und kreativ vor. Viele Webseiten tracken Nutzer mit Hilfe von IDs. So etwas versucht der Cliqz-Browser zu erkennen und verfälscht die Daten, so dass ein Tracking erschwert bis unmöglich wird. Heute „Paris“ in die Suchmaschine eingegeben und tagelang Onlinereklame für Reisen in die französische Hauptstadt? Mit Cliqz eher unwarscheinlich. Selbst so genanntes „Fingerprinting“ erschwert der Browser made in Germany: Angaben zur Bildschirmauflösung, die manche Webseiten zum Beispiel abfragen, um – kombiniert mit anderen Informationen – einen „Fingerabdruck“ des Nutzers zu erstellen und ihn so wiederzuerkennen, verfälscht der Browser auch, wenn es sein muß.

Eigener Suchdienst eingebaut

Cliqz wirft also sozusagen ständig Nebelgranaten. Das ist schon mal gut, sorgt es doch dafür, dass wir weniger leicht zu durchschauen sind – ohne dabei auf Komfort beim Browsen verzichten zu müssen. Jedenfalls nur selten. Doch Cliqz will auch Besuche bei den Suchmaschinen seltener machen. Wer ins Eingabefeld Begriffe eintippt, bekommt gleich passende Treffer präsentiert – ohne eine Suchmaschine aufrufen und mit Daten versorgen zu müssen. Das führt erstaunlich oft dazu, dass ich etwas Passendes finde, ohne bei Google, Bing und Co. vorbei zu schauen. Cliqz sammelt dazu eigene Daten über Suchbegriffe und Klickverhalten und versucht so eigene Erkenntnisse zu gewinnen, was im Web relevant ist und was nicht. Soll bedeuten: Die präsentierten Suchergebnisse sollen besser werden, je mehr Menschen den neuen Browser verwenden.

Cliqz gibt es für Windows, OSX, iOS und Android – kostenlos zum Download. Im Hintergrund werkelt die Gecko-Engine, sie stellt die Webseiten dar – so wie auch in Mozillas Firefox. Es gibt viele Ähnlichkeiten zu Firefox. Deshalb war auch geplant, dass man Firefox-AddOns nutzen kann. Doch das wurde vorerst gestoppt, weil man nicht beurteilen kann, ob das im Einzelfall nicht mit dem Credo kollidiert, etwas gegen die Datensammelei zu unternehmen. Denn manches AddOn ist letztlich ein Dateineinsammler.

Was man aber schon wissen muss: Cliqz kommt aus dem Hause Hubert Burda Media. Ein Verlag, der schon länger mit Google im Clinch liegt, nicht zuletzt wegen des Leistungsschutzrechts. Burda hat deshalb ein vitales Interesse daran, dafür zu sorgen, dass Google Daten vorenthalten werden – und überhaupt die Bedeutung des US-Konzerns geschmälert wird. Das macht die Idee für Cliqz nicht schlechter – man sollte es eben nur wissen. Auf jeden Fall ist Cliqz mal ein interessanter Ansatz: Einen Browser zu entwickeln, der eigene Ideen zu bieten hat und zudem aus Deutschland kommt, ist für den europäischen Markt ganz sicher nicht uninteressant.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

6 Kommentare

  1. Ich benutze den Browser nicht mehr um meine 5 Postfächer bei web und gmx zu öffnen. Bei jedem öffnen erhalte ich ein Werbefenster und muss auch alle einzeln schließen. Wenn ich den Rechner runter fahre ohne die Fenster zu schließen, werden sie beim Neustart wieder angezeigt. Das ist ein Browser der vor allem Werbung machen will!

  2. Aha – ein Browser aus Deutschland! Hört, hört!
    Während meines Testlaufs unterhielt der Browser 15 permanente(!) Verbindungen; davon 3 zu Akamai- und 12 (!) zu irgendwelchen Amazonservern, die zum überwiegenden Teil in den USA(!) ansässig waren! So viel zum Thema „Made in Germany“!
    Dieser Browser dient m. E. ausschließlich dem Zweck, dass die Burda-Gruppe Suchanfragen VOR der Google-Suche abschöpfen/verwerten/verkaufen/nutzen kann – nicht mehr und nicht weniger!
    Somit erscheint es nur logisch, dass dem User die Installation von Add-ons (wie z. B. einem „bösen“ Werbeblocker) verwehrt wird.
    Wer Cliqz trotzdem ausprobieren möchte, sollte vorher unbedingt einen manuellen Systemwiederherstellungspunkt erstellen oder in einer Sandbox installieren bzw. testen.
    Ich bleibe lieber bei meinem „Firefox ESR“ und aktiviere -je nach Bedarf, einzeln oder kombiniert- die Add-ons „CanvasBlocker“, „NoScript“, „uBlock“, „Privacy Badger“, „Self-Destructing Cookies“ und den „Random Agent Spoofer“.
    Gewiss dürfte auch Hernn Schieb bekannt sein, dass die relativ größte Surf-Sicherheit aktuell nur mit dem Einsatz von „TAILS“ bzw. mindestens von „TOR“ erreicht wird.
    Tools, die von Burda, Springer und Co. so geliebt werden, wie der Satan das Weihwasser liebt!
    Macht ruhig weiter mit Euren Kopfständen, Ihr BigData-„Experten“ – von mir jedenfalls, bekommt Ihr eh nur Datenmüll!

    • Die von Ihnen festgestellten Verbindungen sind krass und widersprechen dem Image von Cliqz doch sehr. Herr Schieb, was halten Sie davon und können Sie das bestätigen?

      • Guten Tag „Leo“,
        geben Sie auf youtube in der Suchfeldleiste „6eybE5GVROk“ ein.
        Dort sehen Sie einen recht ausführlichen (und unabhängigen!) Testbericht zum Cliqz-Browser.
        MfG

  3. Firefox? am

    Das Teil hat nicht nur Ähnlichkeit mit dem Firefox, das ist ein Firefox mit angepasstem Design und einem vorinstallierten Addon. Eigentlich nichts, was man nicht auch durch die Installation von µBlock Orign, Noscript und Duck Duck Go hinbekommen könnte. Der einzige Unterschied dürfte nur sein, dass man beim echten Firefox Sicherheitsrelevante Updates schneller und zuverlässiger bekommt. Also bleibt mir die Frage: Wozu ein weitere Browser abklatsch?

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