Corona-App: Südkorea ist kein gutes Beispiel

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Corona-App: Südkorea ist kein gutes Beispiel

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Dass es im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie und zur Erfassung unserer Kontaktdaten eine Smartphone-App geben wird, ist so gut wie sicher. Auch die Leopoldina schlägt in ihrer neuen Stellungnahme zum Coronavirus eine solche App vor. Mit deren Daten ließen sich der Verlauf besser vorhersagen und Infektionsherde genauer feststellen.

“Dabei sollte die Nutzung von freiwillig bereitgestellten GPS-Daten in Kombination mit Contact-Tracing, wie dies beispielsweise in Südkorea der Fall ist, möglich sein”, heißt es in der Stellungnahme. Tatsächlich dient Südkorea immer wieder als Beispiel für eine mögliche Tracing-App – auch hier in Digitalistan wurde es schon erwähnt.

Staatliche Überwachung wird in Südkorea akzeptiert

Das dürfte unter anderem an den vielen Ähnlichkeiten zu Deutschland liegen: Südkorea ist demokratisch, die Wirtschaft ähnlich strukturiert, es kommt zwar nicht auf gut 80 Millionen, aber noch immer auf gut 50 Millionen Einwohner. Und es ist ein Land, das die Infektionszahlen gut in den Griff bekommen hat, es gab dort keinen großen Lockdown.

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Mit Big Data gegen Covid-19 – Angeklickt

Doch so oft Südkorea als Beispiel genannt wird, so sehr hinkt dieser Vergleich. Denn Südkorea ist im Gegensatz zu Deutschland ein komplett durch-digitalisiertes Land, in dem sich die Gesellschaft auf die staatliche Überwachung einlässt. Die Frage ist außerdem, wie freiwillig die Menschen die Coronavirus-Apps dort tatsächlich nutzen.

Jörg Schieb und ich sprechen in der neuen Ausgabe unseres Podcasts COSMO TECH mit Kathrin Erdmann, der ARD-Korrespondentin für Südkorea, zum Beispiel über die App für Menschen in Quarantäne: “Über GPS wird jede Bewegung kontrolliert”, erzählt Kathrin. “Man muss morgens und abends eintragen, ob man Fieber hat, ob man hustet. Macht man das nicht, ruft ein Beamter an und fragt, was los ist.”

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Alles, was ihr über Corona-Apps wissen müsst – COSMO TECH

Menschen verfolgen die Infektionen, keine Computer

Wer infiziert ist, werde noch stärker verfolgt, und dabei spielt viel Handarbeit der Gesundheitsbehörden eine Rolle. Diese greifen auch auf Überwachungsvideos oder Bankdaten zurück, um Infizierte und deren Kontakte aufzuspüren.

Für Deutschland wäre das bei all den Diskussion um Datenschutz kaum vorstellbar. Dazu kommt, dass Südkorea viele Menschen auf das Coronavirus testet – auch ohne Symptome.

Vielleicht sollten wir uns von er Erwartungshaltung lösen, dass die Tracing-App, die auch wir bekommen werden, allein unsere Probleme lösen wird. Wie gut sie funktioniert, kommt auch immer auf das Drumherum an – und zwar das Drumherum in Deutschland, nicht das in Südkorea.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

9 Kommentare

  1. David B. am

    “Staatliche Überwachung wird in Südkorea akzeptiert” so ein Bullshit… Bevor man über eine Gesellschaft schreibt, sollte der Autor zuerst recherchieren und analysieren. Durch Militärdiktatur und Demokratiebewegung sind die Korea überaus sensibel bei der Überwachung. Wie sensibel sie sind wurde bei der letzten Amterhebungsverfahren (vgl. Blacklist) deutlich und dies beobachtet man bei ALLEN Bevölkerungsschichten. Warum Koreaner GPS Tracking akzeptiert, ist zweckgebunden. Nach dem Motto ich schütze mich, ich schütze die anderen dann ist es bald vorbei. Die laufen nicht gleich auf Strassen und schreien nach seiner eigenen Freiheit, denn ohne Leben keine Freiheit. Ich habe gerade wieder gelesen, dass RKI den R-Faktor wieder auf 1 schätzt. Ich installiere gern alles, wenn es hilft, dass WIR aus dieser Misere schnell rauskommen.

  2. Soll man Google Navi nicht benutzen, weil seine Laufbahnen in Google-Server gespeichert werden?

    Es handelt hier in Korea sich um Sondermassnahmen seit der Deklaration „nationale Kriese“, dass in Laubahnen des Infizierten und „Möglichen“ temporär ohne Identifikationsmöglichkeit des Individuums veröffentlicht wird. Rechtsgrund wurde vor paar Jahren durch Parlament durchgegangen und das ist damit vom rechtlichen Standpunkt aus betrachtet voll legitim.

    Bei normalen Situation haben Koreaner ähnliche oder meiner Meinung nach höhere Sensibilität wie die Deutsche, wenn es um Datenschutz oder größer gesagt Demokratie angeht.

    „Stattliche Überwachung wird in Korea akzeptiert“ klingt mir so voll von europäischen arroganten Vorurteilung und Überlegenheitsgefühl zu kommen.

    Waren Sie mal in Korea? Oder verwechseln Sie mit Nordkorea?

    Dass als Folge in Korea gar nichts von Staat verboten wird, während ich in Deutschland seit Wochen nicht aus meinem Haustür ausgehen kann, und mit Freunden was unternehmen kann.

    Bei vielen anderen Sachen ist/war für mich Deutschland ein Vorbildland.

    Bei den Corona issue Korea zu unterminieren basierend auf Information, welche schlichtweg falsch ist, finde ich unglaublich.

  3. Mir fehlt noch eine schlüssige Begründung, warum der südkoreanische Ansatz kein gutes Beispiel sei. Erstens funktioniert er offensichtlich. Zweitens haben wir gerade erlebt und gezeigt, dass sich unsere Gesellschaft auch auf ungewohnte Lösungen wie umfassende Einschränkungen des öffentlichen Lebens einlässt, solange sie ihrem Staat vertraut und Anlass wie Lösung plausibel erscheinen.

    Mehr als ungewohnt ist der beschriebene Ansatz nicht. Eine App zur möglichst schnellen Erkennung möglicher neuer Infektionen sieht erst einmal wie ein sinnvoller Baustein einer Bekämpfungsstrategie aus. Wie andere Bausteine auch – beispielsweise landesweite Kontaktbeschränkungen – wirkt er nur effektiv, wenn man ihn flächendeckend einsetzt. Das muss man dann auch durchsetzen.

    Sonderregeln, um so etwas zu legalisieren, sind gegenwärtig kein Problem und haben den Charme, dass sie vernünftigerweise nur vorübergehend gelten. Es wird also voraussichtlich kein Datenfaschismus ausbrechen, nur weil man mal etwas Ungewohntes tut. Wo, außer in deutsch-europäischen Digitalneurosen, liegt also das Problem?

    • Dennis Horn am

      @Sven Türpe: Gesetzt den Fall, Sie bekämen in Deutschland eine Regelung durch, bei der Gesundheitsbehörden auf Überwachungsvideos und Bankdaten zurückgreifen könnten (was ich bezweifele und was für mich noch lange keine “deutsch-europäische Digitalneurose” ist): Es gibt in Deutschland zu wenige Überwachungsvideos und einen recht hohen Anteil an Bargeldzahlungen. Eine solche Lösung wäre also auch schlicht nicht so effektiv wie in Südkorea. Gerade in der Krise übrigens halte ich den Blick auf Bürgerrechte – zu denen auch der Datenschutz gehört – erst recht für angebracht; im Podcast gehe ich näher darauf ein.

    • @Sven Türpe: Die Antwort hat der Autor doch oben gegeben: “… ein komplett durch-digitalisiertes Land, in dem sich die Gesellschaft auf die staatliche Überwachung einlässt.”.
      Sie scheinen damit kein Problem zu haben; ich -und vermutlich auch viele andere- schon! Ihr o. g. “Datenfaschismus” fängt m. E. schon damit an, falls irgendeine dieser Tracing-Apps für alle zur Verpflichtung wird. Aus “vorübergehend” kann so auch ganz schnell “dauerhaft” werden: Gesetze sind bekanntlich flexibel, wenn diese Begehrlichkeiten überwachender Organe dienlich sein können (vgl. diverse “Polizeiaufgabengesetze”, die bis vor wenigen Jahren noch als undenkbar bzw. unvereinbar mit unserem Grundgesetz waren).
      Wenn Sie sich mit Ihren Daten gerne “nackich” machen wollen, so ist das natürlich Ihr gutes Recht. So, wie ich es als mein gutes, unantastbares Bürgerrecht ansehe, doch lieber in meiner “deutsch-europäischen Digitalneurose” zu verweilen und dabei sogar noch ein sehr gutes Bauchgefühl zu haben. ;)
      – “1984 was supposed to be a warning, NOT an instruction manual” –

      • Horst von Dornenburg am

        Es gäbe einfache Lösungen – wer nicht bereit ist, bei der notwendigen Beobachtung mitzumachen, muss sich in Quarantäne daheim aufhalten bis Impfstoffe oder Medikamente gefunden sind – nicht raus zur Arbeit, nicht Einkaufen gehen, daheim bleiben.
        Alle, die solidarisch mit ihren Mitmenschen zu einem halbwegs geordneten Leben zurückkehren wollen und dafür eine sinnvolle Beobachtung akzeptieren werden es auch akzeptieren, wenn die übrigen sich an ihre selbst auferlegte Quarantäne halten.
        Demokratie – die Mehrheit entscheidet. Lasst uns doch sehen, wie die Mehrheit entscheidet – ich hab da so eine Ahnung… Nur für die ältere Bevölkerung ohne Smartphone muss man eine Möglichkeit finden.

        • Abseits der, scheinbar durch mediale Dauerpräsenz bereits zur Gesetzgebung gewordenen, Meinung -vom RKI, vom Gesundheitsminister oder anderen- empfehle ich, auch den Ausführungen des ebenfalls renommierten Virologen, Alexander Kekulé, Gehör zu schenken. Ab Minute 4:
          mdr . de/nachrichten/podcast/kekule-corona/handytracking-bringt-nur-pseudosicherheit100.html
          Auszug: “… Es ist keineswegs! richtig, dass das in Südkorea Erfolg! hatte. Es ist richtig, dass das in Südkorea, in Singapur und in anderen Regionen in Südostasien angewandt wird, tatsächlich. Es ist aber keineswegs! klar, ob der Erfolg, den diese Länder haben, tatsächlich auf diesen Apps beruht; das ist ein ganz wichtiger Punkt! Mir gefällt das gar nicht, dass die Politik jetzt sagt: ‘Na ja, die Bevölkerung wird ja hier zustimmen, in diesem besonderen Fall’. …”.
          Herr Kekulé nennt im Interview auch noch andere, renommierte Virologen, welche die Wirksamkeit eines großflächigen App-Einsatzes bezweifeln und den damit verbundenen, gefährlichen Verlust demokratischer Grundwerte anprangern.

  4. Bzgl. des App-Einsatzes, mag Südkorea kein gutes Beispiel sein, aber sie haben/hatten durchaus auch gute Aktionen, z. B.:
    – großflächige Desinfektionsmaßnahmen an kritischen Punkten (nicht nur sporadisch ein paar Einkaufswagen, Haltestangen oder Bankomaten besprühen),
    – großflächiger Einsatz von kostenlosen! Corona-Tests in Zeltstädten,
    – großflächiger Versand von Newslettern durch die Kommunalbehörden, mit z.B. Infos zu besonders kritischen Gebieten (die man besonders meiden sollte), zum Ausbreitungsradius, zu Infizierten (Alter, Geschlecht).
    Auch nicht zu vernachlässigen, dass die Südkoreaner (wie z. B. auch die Japaner und Chinesen) als besonders disziplinierte Menschen gelten: Corona-Party, wir-sind-immun!-Gebetszirkel oder ähnlicher Schwachfug für Beratungsresistente, ist dort kein Thema, was sicherlich auch an der erwähnten, totalen/staatlichen Überwachung liegt.

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