Corona-Kontaktverfolgung: Das ginge auch digital

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Corona-Kontaktverfolgung: Das ginge auch digital

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Das Robert Koch Institut (RKI) meldet jeden Tag neue Corona-Höchstzahlen. Die befürchtete „zweite Welle“ ist da und soll durch strenge Kontakteinschränkungen bekämpft werden.

Die Corona Warn App scheint jedenfalls kein Wellenbrecher zu sein. Vor allem deswegen nicht, weil die App weniger Daten bereitstellt, als für Ämter und Forscher wünschenswert wäre. Darüber wird aktuell leidenschaftlich diskutiert.

Kontaktverfolgung mit ohnehin vorhandenen Daten

Gleichzeitig arbeiten Forscher und Experten an Anwendungen, die helfen könnten. Beispiel: Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat mit dem Forschungsprojekt „Kadoin“ (Kartenbasierte Dokumentation von Indexpatienten) eine interessante Lösung parat. Die Anwendung erlaubt eine digitale Nachverfolgung von Corona-Kontakten. Ein Projekt, das vom Bundesgesundheitsministerium gefördert wird.

Die Corona Warn App schlägt viel zu selten an; Rechte. WDR/Schieb

Die Corona Warn App schlägt zu selten an

„Kadoin“ könnte den Gesundheitsämtern die Arbeit erleichtern – bei der Nachverfolgung von Kontakten positiv getesteter Menschen. Aufgrund der stark gestiegenen Infektionszahlen können die Gesundheitsämter diese Aufgabe schon lange nicht mehr erfüllen.

Hilfe durch Google Maps

Die Idee: Positiv auf Corona getestete Personen sollen ihre Kontakte selbst dokumentieren. Keine neue App, sondern ein visuelles, kartenbasiertes Dokumentationssystem, das die Gesundheitsämter den infizierten Personen zur Verfügung stellen könnten. Infizierte laden dazu ihre Google Maps Timeline hoch – und können dann sehen, wo sie in den letzten 14 Tagen gewesen sind. Wen sie dort getroffen haben, müssen sie selbst in einen Online-Fragebogen eintragen.

Der große Vorteil: Wenn Google Maps aktiv ist – und bei den meisten Menschen ist das so -, erfasst Google jeden besuchten Ort und auch die Dauer des Aufenthalts. Auf diese Weise geraten keine Besuche und so auch keine möglichen Infektionskontakte in Vergessenheit.

Google Maps kennt unsere Aufenthaltsorte und Bewegungsprofile; Rechte: WDR/Schieb

Google Maps kennt unsere Aufenthaltsorte und Bewegungsprofile

Diskret: Daten bleiben auf dem eigenen Gerät

Die noch in der Entwicklung befindliche App bleibt diskret: Die Daten kommen aus dem Onlineprofil des Patienten – und werden nur in seinem Gerät gespeichert und verarbeitet. Das Gesundheitsamt erhält durch die Kombination von Technik und User-Angaben nur die Daten, auf die es ohnehin Anspruch hat. Allerdings wird ein derart geführtes Protokoll immer qualitativ hochwertiger sein, als wenn sich jemand nur auf sein Gedächtnis verlässt.

Dieses Konzept lässt sich weiterdenken: Wenn Menschen ihre Bewegungsprofile freiwillig bereitstellen würden, ließen sich auch mühelos die Kontakte ermitteln. Das Problem der Nachverfolgung wäre gelöst – so jedenfalls argumentiert der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin. Er sagt: Der Datenschutz steht uns im Augenblick im Weg. Lasst uns Bewegungs- und Kontaktdaten nutzen.

Professor Julian Nila-Rümelin fordert: Die Corona Warn App muss deutlich mehr können

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

7 Kommentare

  1. Dass die Daten nur auf dem eigenen Gerät gespeichert werden, kann ich nicht glauben. Meines Wissens kann man den Standortverlauf auch auf einem anderen Gerät einsehen, wenn man sich mit seinem Google-Konto einloggt.
    Deswegen gehöre ich auch zu der Minderheit, die diesen Dienst abschalten. Bei einer App, die evtl. wirklich die entsprechenden Daten lokal hält und die stärker an die europäische Datenschutzgrundverordnung gebunden ist, wäre ich eher bereit, in Anbetracht der Situation eine Ausnahme zu machen.

    • Jörg schieb am

      Das stimmt natürlich: Überall dort wo ich mich mit meinem Google Konto einlogge, sehe ich meine Zeitachse. Gemeint war: Beim vorgestellten Projekt werden nicht die Maps Daten übertragen an die Behördr. Sie bleiben im eigenen Gerät.

  2. Ob man die Nähe von Infizierten über Bluetooth-Signalstärke einschätzt oder über Google Maps Timeline, die Wirkung ist minimal und die möglichen Nebenwirkungen sind maximal. Hat man schon Google das Ausspionieren erlaubt kommt es darauf allerdings auch nicht mehr an. Ich habe nichts gegen digitale Exhibitionisten aber das sollte nicht Vorbild sein.
    „Lasst uns Bewegungs- und Kontaktdaten nutzen“ ist nicht mein Ansatz.
    Lasst Bewegungs- und Kontaktdaten nicht in andere Hände geraten schon eher.
    Ist der Datenschutz im Weg ist das auch gut so. Freiwillig kann man jede Pille einnehmen aber zu „Risiken und Nebenwirkungen“ fragen Sie ihren Datenschutzbeauftragten oder den Chaos ComputerClub.

  3. Was soll die App den eigentlich bringen? Wenn ich positiv getestet bin, dann bleibe ich doch zu Hause. Also woher sollen denn die Risiko-Begegnungen kommen? Wenn jemand an meinem Fenster vorbei geht?

    • Gernot Beutel am

      Das Konzept der Nachverfolgung von Kontaktpersonen besteht darin, die Personen zu erkennen, die im Vorfeld (!) des Tests Kontakt mit einem COVID-positiven Mitbürger hatten. Risiko-Begegnungen nach einem positiven Befunde sollte es nicht geben. Deshalb wird eine Quarantäne ausgesprochen.
      Großartig, dass es Mitbürger_innen gibt, die so verantwortungsvoll handeln. Diese Menschen sind nicht stigmatisiert durch einen positiven COVID-Test, sondern die Held_innen der Gesellschaft, die ihre Mitmenschen und unser System schützen und die die Entwicklung der kommenden Wochen durch Verantwortung mitgestalten.

  4. Es wäre ein Skandal, wenn das Vertrauen der Warnappnutzer durch upgedatete Trackingfunktionen mißbraucht wird, ohne zuvor ein Deinstallation anzubieten.
    Schon diese Gedanken sind verstörend. Auf der Polizeidienstelle zeigen wir dann auf Google-Maps an, wo die Unbelehrbaren zu Hause sind, die die Daten nicht freiwillig rausgerückt haben. Spart jede Menge Personal bei der Wohnungskontrolle. Es wäre doch so viel möglich, wenn der Exekutive nicht (wenigstens hin und wieder) der Datenschutz im Wege stehen würde. Corona wird seine Schrecken verlieren. Die freiwillig gespendeten Daten bleiben in der Welt. Oder habe ich übersehen, dass die Daten später wieder vollständig und restlos gelöscht werden?
    Man hätte, nur mal so als Vorschlag, auch von den vielen Milliarden den (kommunalen!) Gesundheitsämtern zusätzliches Personal (zunächst mal für ein Jahr), Hardware und eine einheitliche Software spendieren können. Dafür wäre es doch eigentlich noch nicht mal zu spät. Die Bundeswehr ist halt billiger, muss kommen und ist wieder weg, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Welche Hochschule trainiert eigentlich eine KI für die telefonische Nachverfolgung der Kontakte? Hat doch die Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung sicher schon längst angeschoben. Vielleicht erledigt das sogar die Bundeszentrale für Digitale Aufklärung.

    • Nun, eine mögliche (extrem datensparsame) Lösung habe ich im Beitrag ja skizziert. Es geht nicht darum, einer App einfach so neue Funktionen unterzujubeln. Es versteht sich von selbst, dass das nicht geht. Aber ein kritischer Blick darauf, ob bestimmte Dinge nicht anders gelöst mehr Erfolg bringen könnten, das wäre angesichts der Dramatlk der Lage sicher sinnvoll.

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