Das sagen Mitarbeiter des Facebook-Löschzentrums über ihre Arbeit

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Das sagen Mitarbeiter des Facebook-Löschzentrums über ihre Arbeit

Kommentare zum Artikel: 10

Bisher galt das Löschzentrum von Facebook in Berlin als Festung: Es hat anderthalb Jahre gebraucht und massiver öffentlicher Druck war nötig, bis Facebook Politiker in die Büros im Berliner Westen gelassen hat. Gestern durften erstmals Journalisten das streng abgeschirmte Löschzentrum in Berlin besuchen: Justus Kliss und ich durften exklusiv fürs Fernsehen dort drehen; außerdem waren Kollegen von dpa, SPIEGEL ONLINE und ZEIT dabei.

Zuletzt stand das Löschzentrum wegen schlechter Arbeitsbedingungen heftig in der Kritik. Vertreter von Facebook und der Bertelsmann-Tochter Arvato, die das Löschzentrum im Auftrag des sozialen Netzwerks betreibt, zeigten Unverständnis über die Berichte von Süddeutsche Zeitung Magazin und Mobilegeeks.de, in denen es um die psychische Belastung der Mitarbeiter ging, außerdem um das hochkomplexe Regelwerk, nach dem die Löschentscheidungen bei Facebook getroffen werden.

Meine Eindrücke vom Besuch im Löschzentrum findet ihr drüben auf tagesschau.de. Hier in Digitalistan möchte ich etwas genauer auf einen Teil des Besuchs eingehen: das Gespräch mit Mitarbeitern des Löschzentrums, das wir Journalisten eine knappe halbe Stunde lang führen konnten. Ihre Namen haben wir nicht erfahren, mitschneiden durften wir das Gespräch nicht – aber zitieren dürfen wir daraus.

Zu Gast im Facebook-Löschzentrum – von Dennis Horn und Justus Kliss

Sprechen konnten wir mit zwei Mitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter, 25 bis 38 Jahre alt, die jeweils seit gut einem Jahr von Arvato beschäftigt werden und mittlerweile nicht mehr nur mit der Kontrolle der von Nutzern gemeldeten Inhalte betraut sind, sondern auch mit Leitungsaufgaben. Das hier ist, was sie uns über ihre Arbeit zu berichten hatten:

Mitarbeiterin 1 (28 Jahre alt, seit Februar 2016 bei Arvato, hat vorher als Grafikerin bei einem Indiestudio für Computerspiele gearbeitet)

„Ich war noch nicht lange hier, da habe ich das erste Enthauptungsvideo zu Gesicht bekommen. Ich bin dann erst einmal rausgegangen und habe geheult. Das war aber nur ein einziges Mal so. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Inhalte, in denen es um Selbstverletzung oder Suizid geht, mache ich trotzdem nicht mehr. Die Arbeit verändert einen. Ich hatte schon vorher nicht so viel Glauben in die Menschheit – jetzt habe ich gar keinen mehr.

Ich halte es für richtig und gut und wichtig, was wir machen. Was wir hier sehen, muss jemand anderes nicht sehen. Ich will zum Beispiel nicht, dass mein Kind über so etwas im Internet stolpert. Deutsche Nutzer sind übrigens zum Teil die schlimmsten. Sie holen so weit aus, dass man sich am Ende fragt: Was habe ich da gerade eigentlich gelesen!? Und sie testen uns. Sie melden zum Teil ihre eigenen Beiträge und Kommentare, um zu checken, was wir löschen und was nicht – um genau zu wissen, wie sie Dinge formulieren müssen, damit wir sie stehen lassen.“

Facebook-Löschzentrum in Berlin

Das Facebook-Löschzentrum in Berlin: Auf vier Etagen sollen bis Ende August 700 Mitarbeiter die von Nutzern gemeldeten Inhalte im sozialen Netzwerk kontrollieren.

Mitarbeiterin 2 (38 Jahre alt, seit März 2016 bei Arvato, hat vorher als Social-Media-Managerin für ein Start-Up-Unternehmen gearbeitet)

„Ich bin hier gelandet, weil ich einen Job bei einer Firma gesucht hatte, die etwas größer ist als ein Start-up. Ob mich das, was ich hier zu sehen bekomme, verändert? Ja. Man entwickelt ein Auge für manche Dinge. In der S-Bahn fallen mir zum Beispiel junge Frauen mit Narben am Arm auf. Das ist etwas, was ich vorher übersehen hätte.

Die Berichte über angeblich schlechte Arbeitsbedingungen haben uns sauer gemacht. Da wollte wohl jemand beim Weggehen böse sein. Alle, die ich hier kenne, sind stolz darauf, diesen Job zu machen. Wir diskutieren natürlich auch über die Berichte über uns, und uns hat geärgert, dass die Journalisten, die das geschrieben haben, nichts davon revidiert haben. Wir retten Leben.“

Mitarbeiter 3 (25 Jahre alt, seit März 2016 bei Arvato, hat vorher als Teamleiter im Gartenlandschaftsbau gearbeitet)

„Mich hat hier nichts zerstört. Mir wurde schon im Bewerbungsprozess fünfmal angekündigt, dass ich es hier auch mit ’nicht so schönen Inhalten‘ zu tun bekomme. Ich war aber erstaunt, wie viel das ist: Kinderpornografie, Tierquälerei, Mord, Totschlag – eigentlich alles. Ich habe mich auch bei den Psychologen hier vorgestellt, aber ich hatte dann nie das Bedürfnis, mit ihnen zu sprechen.

Was psychologische Probleme der Mitarbeiter angeht: Ich kann als Teamleiter sehr schwer beurteilen, wer Hilfe braucht oder nicht. Ich bin darauf angewiesen, dass Mitarbeiter sich dann auch melden, wenn es Probleme gibt. Wir versuchen auf jeden Fall auch, uns gegenseitig zu helfen. Und unsere Arbeit ist wichtig. Ich weiß von zwei Fällen, in denen Leben gerettet wurden, weil rechtzeitig die Polizei informiert wurde und dann bei den entsprechenden Facebook-Nutzern an der Tür geklopft hat.“

Facebook-Löschzentrum

Die „Reps“, wie die Mitarbeiter des Facebook-Löschzentrums intern heißen, kontrollieren die von Nutzern gemeldeten Inhalte darauf, ob sie den Gemeinschaftsstandards des Netzwerks entsprechen.

Die drei Mitarbeiter des Löschzentrums wirkten auf mich authentisch und ehrlich. Ich nehme ihnen ab, was sie über ihre Arbeit erzählt haben – genauso ihr Erstaunen über die Berichterstattung. Das Süddeutsche Zeitung Magazin aber hat noch vor zwei Monaten von Mitarbeitern berichtet, die von erhöhtem Druck und mehr Geheimhaltung gesprochen haben.

Und so bleiben auch nach dem Besuch bei Arvato Fragen offen. Es war ein Stück Transparenz, das Facebook uns als Journalisten gegeben hat. Bei all den Diskussionen von Desinformation über Hasskommentare bis zu strafbaren Inhalten im sozialen Netzwerk ist die Arbeit, die von den Mitarbeitern des Löschzentrums gemacht wird, aber von höchstem öffentlichen Interesse – und so kann der Pressetermin bei Facebook nur ein Anfang gewesen sein.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

10 Kommentare

  1. Martin Däniken am

    Fb ist ein kommerzielles Unternehmen,das das nötigste untenimmt um behördlichen pffffhhhh Druck zuminimieren. Es wird dann schwierig wenn der politische Druck zunimmt und öffentlicher Druck zu Verlusten monetärer Art führt.
    So wichtig die Zensur ;-) auch ist stellt sie doch bei Facebook einen geringen Teil des Geschäftes dar-ein hübsches Feigenblatt…

    • Facebook betreibt in seinem Löschzentrum zurzeit vor allem die Umsetzung der hauseigenen Gemeinschaftsstandards. Es handelt sich dabei nicht um Zensur – ein Begriff übrigens, mit dem in der Regel nur staatliche Eingriffe gemeint sind – sondern schlicht um eine Durchsetzung des Hausrechts, das ein Teil dieses kommerziellen Unternehmens ist.

  2. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Ein „Löschzentrum“ gegen den Facebook-Dreck einzurichten ist so ähnlich wie mit einer Wasserpistole gegen die kalifornischen Waldbrände vorgehen zu wollen.
    Die einzige Möglichkeit, den Sumpf der asozialen Netzwerke, heißen sie nun Facebook, Twitter, Instagram oder sonstwie, auszutrocknen, ist ein konsequenter Boykott.
    Dazu müßten aber genügend „Nutzerinnen und Nutzer“ (die ja eigentlich „‚Benutzte“ heißen müßten!) mitmachen, was daran scheitern wird, daß zu viele und immer mehr Menschen abhängig und süchtig sind bzw. weiter werden.
    Dennoch werde ich nicht müde werden, darauf aufmerksam zu machen, daß es sich um eine Digital-Sucht-Pandemie handelt, die bekämpft gehört – und Hilfe beim Ausstieg ist möglich – s. z.B. OASIS (https : / / onlinesucht – ambulanz . de )

    • Super Sache (Sarkasmus!) – lass uns, die ja ach so gut bei Verstande sind, alle aus den sozialen Netzwerken austreten. Schon mal drüber nachgedacht dass diese dann zu reinen Extremistennetzwerken werden könnten, denn ebendie melden sich so schnell nicht ab?
      Es sei denn, es sind genug Nutzer mit hellem Verstande dabei, die extremistische Inhalte zu melden, so dass das Löschteam (Respekt für deren Arbeit, nabenbei) diese bearbeiten kann.
      Nebenbei, ich nutze keine sozialen Netze – nicht mein Ding. Aber kenne viele Leute die das tun. Online-Süchtige sind nicht unter meinen Bekannten.

      • MeinName am

        Schon mal darüber nachgedacht dass wenn nur noch Extremisten im Netzwerk sind deren Propaganda völlig nutzlos ist weil nur noch andere Extremisten den Bullshit lesen an den sie ja sowieso schon glauben?
        Im Endeffekt muss jeder selber wissen wo er sich rumtreibt und ich finde soziale Netzwerke auch nicht grundsätzlich schlecht aber besonders auf Fb geistern viel zu viele kranke Inhalte rum wie solche die im Artikel ja schon erwähnt wurden.

    • Hasskommentare die Menschen zu Orwell neusprech „‚Benutzte“ degradieren müssen, sollten in ALLEN Medien konsequent bekämpft werden, auch bei denjenigen die aus Sucht nicht müde werden und die Hilfen beim Ausstieg nicht annehmen können.

    • @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Bitte beachten Sie unsere Blogregeln und vermeiden Sie ständige Wiederholungen desselben Inhalts oder Kommentare, die sich inhaltlich nicht auf den Blogartikel beziehen.

      Wir haben Ihren Kommentar diesmal nicht gelöscht, weil sich bereits Antworten darunter befinden, die Bezug auf den Blogartikel nehmen.

      • Dennis Horn am

        @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Wir haben Ihre Antwort auf meinen Kommentar gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Blogregeln und vermeiden Sie ständige Wiederholungen desselben Inhalts oder Kommentare, die sich inhaltlich nicht auf den Blogartikel beziehen.

  3. engelschuh am

    Ist das Zensur, wenn Kommentare und Bilder, die nicht für die Allgemeinheit „geeignet scheinen, dem öffentlichen Ansehen schaden?
    Man stelle sich vor, wenn der menschliche Müll (und da meine ich, das dass Schlimmste wahrscheinlich noch untertrieben ist) geliket und so der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird!

    • Unwichtig am

      Natürlich das das Zensur! ABER: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, auch wenn man uns das oft weismachen will. Natürlich wird in China extrem zensiert. Aber Zensur von vorneherein als schlecht und schädlich für die Demokratie hinzustellen ist falsch. Gerade die Arbeit, die Facebook da betreibt ist wichtig, damit unsere Kinder wenigstens ein Minimum an Werten vermittelt bekommen. Man kann noch so viel vom Guten im Menschen erzählen – diese Meinung ist fast nicht mehr vertretbar.

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