Das Smartphone lernt sehen

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Das Smartphone lernt sehen

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Jedes Smartphone verfügt heute über eine mehr oder weniger gute Kamera. Halt: Es sind in der Regel sogar zwei Kameras, eine an der Frontseite und eine auf der Innenseite, für Selfies. Google will die Kamera(s) nun auch zum Googeln benutzen. Richtig gelesen: Warum mühsam eintippen, was man auch mit der Smartphone-Kamera fotografieren kann. Das ist die Idee, die hinter einem wirklich interessanten Projekt steckt, das Google auf seiner Entwicklerkonferenz Google I/O gezeigt hat.

Google Lens: Das Smartphone erkennt Gegenstände und liefert Infos; Rechte: Google

Google Lens: Das Smartphone erkennt Gegenstände und liefert Infos

Fotografieren statt eintippen oder sprechen

Im Jahr 2009 hat Google schon mal eine erste Lösung für diese Idee gezeigt: Google Goggles hieß das damals. Wer zum Beispiel mit Goggles ein Filmplakat abfotografiert, bekommt Infos zum betreffenden Film. Oder kann sich die passende Musik anhören, nachdem er (oder sie) das Cover einer CD eingefangen hat. Entscheidend weiter entwickelt hat Google die Idee allerdings in den letzten Jahren nicht. Praktisch niemand kennt Google Goggles – und das sagt schon alles.

Die Idee ist aber trotzdem gut. Mittlerweile können Computer viel mehr, sie können noch schneller noch größere Datenmengen verarbeiten. Die Künstliche Intelligenz (KI) schreitet in Siebenmeilenstiefeln voran. Digitale Assistenten sind heute mehr oder weniger selbstverständlich. Heute funktioniert das so: Kamera draufhalten – und sich schlau machen. Nicht eintippen, was man wissen will, auch nicht sagen, klicken oder wischen, sondern fotografieren.

Google Lens ist vielseitig einsetzbar; Rechte: Google

Google Lens ist vielseitig einsetzbar

Betriebssystem der Zukunft kann sehen

Einfach das Smartphone sehen lassen, was man selbst gerade sieht – und darauf vertrauen, dass verwertbare Informationen kommen. Das ist die Idee hinter Google Lens. Eine neue Anwendung, die auf der Google I/O präsentiert wurde. Klingt nach einer Spielerei, ist aber ein äußerst mächtiges Werkzeug. Dass Google sein Google Lens präsentiert, zeigt, in welche Richtung Google marschiert. Das Betriebssystem der Zukunft kann nicht nur hören (Siri, Cortana, Now …), sondern auch sehen. Wie immer bei neuen Technologien wird das erst mal nur beschränkt funktionieren, aber man muss diesen Plan zu Ende denken.

Menschen sind faul. Wenn es wirklich funktioniert, dass man sein Smartphone etwas sehen (und erkennen) lässt, kann das alles verändern. Den aktuellen Standort kennt das Smartphone sowieso, der Kompass verrät, in welche Richtung man schaut. Ob man gerade vor einem Museum steht oder vor einem Springbrunnen, weiß Google also sowieso. Schaut das Smartphone gerade ein Gemälde an, kommen Infos dazu. Ist ein Gebäude zu sehen, kommen Infos dazu. Hält man die Kamera auf einen Besucher, wird verraten, wer das ist … Aber halt, das ist zwar technisch möglich, aber bestimmt nicht gewollt.

Ich muss es nicht extra erwähnen: Google bekommt dadurch noch sehr viel mehr Infos geliefert als jetzt schon. Gar nicht mal nur persönliche Informationen (was interessiert mich, was schaue ich mir an), sondern auch allgemeine: Ist es hell oder dunkel? Sind gerade viele Menschen dort, wo ich bin? Ist es laut oder eher leise? Parken die Autos um einen herum oder fahren sie? Ist der Sonnenschirm auf der Terrasse aufgespannt?

Es ist alles nur eine Frage der Rechenleistung, die zur Verfügung gestellt wird. Google Lens fließt erst mal in den Google Assistant und Google Fotos ein – wird also Bestandteil des virtuellen Butlers. Früher oder später wird die Funktion aber ganz sicher fester Bestandteil von Android werden. Im Google Pixel Smartphone hat der Assistent auch bereits eine zentrale Funktion.

Wer sich über Überwachungskameras aufregt, sollte sich die Mühe sparen. In Zukunft sind in jedem Moment 1.000 Mal mehr vernetzte Kameras um einen herum aktiv und fangen alles ein. Bei der NSA denkt man sicher schon darüber nach, was man damit alles anstellen kann.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

9 Kommentare

  1. Tolle Sache. Schon jetzt weiß man, dass Smartphones das Leben über diverse Apps teurer machen als nötig. Gezeigt haben das Preisvergleiche zwischen Desktop und Smartphones etwa bei Flugtickets.
    Mit dem sehenden Smartphone wird Google dann bald noch genauer wissen, was man sich gerne ansieht und noch mehr entsprechende Werbungen schalten – etwa auf Bildschirmwerbung an Häusern, entlang der Straße … – und auch herausfinden, wer für was wieviel zu zahlen bereit ist.
    Das sehende Smartphone liefert dann auch gleich die Erfolgskontrolle frei Haus.

  2. Hausmann Michael am

    Ist sicherlich ein Fortschritt der helfen kann Verbrechen zu bekämpfen. Mir einem Gesichtsscanner kann ein Profil erstellt werden. Dazu müsste die zweite Kamera immer aktiv sein. Das verstößt gegen die Privatsphäre. Die IP-Adresse zu ermitteln ist eine gängige Alternative, um ein Handy zu orten.
    Eine zweite Kamera würde Informationen über die Person bringen. Dies ist nur möglich mit einem Urteil vom BGH. Ich als Privatmann sage „ja“ dazu. Jeder der ein „nein“ sagt, hat etwas zu verbergen oder betreibt übertriebenen Schutz der Privatsphäre. In der heutigen Zeit hat die Sicherheit eine vorgezogene Stellung.

    • “ Jeder der ein „nein“ sagt, hat etwas zu verbergen oder betreibt übertriebenen Schutz der Privatsphäre. In der heutigen Zeit hat die Sicherheit eine vorgezogene Stellung.“ Ich habe schon erlebt wie Leute aus unterschiedlichen Ämtern ihre Position genutzt haben um Bekannten Informationen zu beschaffen. In dem Kontext will ich sicher nicht, dass mein Telefon stetig Bilder aufnimmt, wenn ich nach der Dusche kurz auf die Uhrzeit schaue.
      In Deutschland gibt es tausendfach mehr Tote durch Autounfälle, als Attentate. Der Sicherheitswahn zu verfallen ist kein legitimer Grund Grundgesetze und Rechte zu beschneiden – zumal in Deutschland das Unschuldsprinzip gilt, was Sie vielleicht noch einmal nachschlagen sollten.

    • Aber natürlich habe ich was zu verbergen! Und das ist auch mein gutes Recht! Ich wollte weder, dass meine Eltern mein Tagebuch lasen noch, dass meine Nachbarn über Anzahl und Farbe meiner Schlüpper bescheid wissen. Meinen Bäcker geht es nichts an, mit wem ich mein Bett teile und whatsapp hat gefälligst keine Krankenakte über mich anzulegen (weil mein Apotheker durch das nette Angebot, meine Rezepte darüber zu senden, tatkräftig die Datenkrake nährt). Und wenn man von diesen „kleinen“ Beispielen ins Große denkt … himmel noch eins: mein Leben gehört mir!!! Alles andere ist ganz schnell fatale Vorverurteilung oder gar Sippenhaft. Vielleicht mal hier etwas zum Nachdenken nachlesen: bei der Bundeszentrale für politische Aufklärung http://www.bpb.de/apuz/202238/ich-habe-doch-nichts-zu-verbergen?p=all

  3. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Gruselig, gruselig – und NOCH ein paar Gründe mehr für mich, NIEMALS ein solches Totalüberwachungs-Verblödungs-Entmündigungs-Sucht-Instrument (vulgo: „Smartphone“) anzuschaffen oder auch nur zu „nutzen“ (in Wahrheit ist es ja umgekehrt: Die verblödenden überwachten Suchtkranken WERDEN benutzt, nämlich von den hinter den Suchtphonen steckenden Konzernen wie denen, die die asozialen Netzwerke betreiben, während die Benutzten denken (soweit sie das noch können), SIE wären die, die nutzen!).

    • gruselig? Wahrlich! Das Problem sind aber die ganzen Smartphones der Phonejunkies um dich herum – die „erwischen“ dich locker, auch wenn du selbst keines dieser Totalüberwachungsteile hast. Schöne neue Welt !

      • Es gibt heute schon technische Abwehrmaßnahmen, die verhindern, dass man erfasst wird. Das kam schon auf, als Google seine google-glass herausbrachte. Die Japaner hatten dafür schon eine technische Abwehr. Also, nur Mut! Niemand muss vermummt herumlaufen!

  4. „…In Zukunft sind in jedem Moment 1.000 Mal mehr vernetzte Kameras um einen herum aktiv und fangen alles ein. …“
    Mir reicht schon, was in der Gegenwart (= heute) an vernetzten Kamera um mich herum aktiv ist und einfängt! Eine sehr gute und laufend aktualisierte Übersicht (mit Suchfunktion) jener Spy-/Überwachungscams, die heute schon beängstigend rumschnüffeln, bietet das lobenswerte Projekt „Surveillance under Surveillance (Überwachung unter Überwachung)“, zu finden auf:
    kamba4.crux.uberspace.de/de/
    Sonnenbrille, Kapuzenjacke, Kinn auf der Brust sowie Selbstentkopplung von onlinefähigen Geräten, werden wohl schon bald unumgänglich sein, um sich noch halbwegs „frei“ in der Öffentlichkeit bewegen zu können!

    • Vorsicht – wer so Rum läuft macht sich verdächtig und muß sofort verhaftet werden. Könnte ja ein Attentäter sein.
      Wie man es macht, macht man’s verkehrt!

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