Das Sterben der Netzsendungen

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Das Sterben der Netzsendungen

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Der Radiosender Fritz vom rbb hat seinem Programm in der vergangenen Woche einen neuen Anstrich verpasst. Dem Relaunch sind auch zwei Sendungen zum Opfer gefallen: “Trackback”, das digitale Themen von Social Media bis zu Netzpolitik für ein junges Publikum aufbereitet hat, und das “Chaosradio”, ein Livetalk des Chaos Computer Clubs, das zum Teil tief in die Materie ging, entweder technisch zu Themen wie dem semantischen Web oder gesellschaftlich zu Themen wie der Videoüberwachung.

Fritz geht damit den Weg, den schon einige gegangen sind: Netzformate sterben zu lassen. Das bekannteste Beispiel stammt aus unserem Haus: der WDR Computerclub, der 2003 abgesetzt wurde. 3sat hat sein Magazin “neues” eingestellt. Der Nachfolger “Pixelmacher” bei ZDFkultur hat gerade einmal zwei Jahre überlebt, auch den “Elektrischen Reporter” von ZDFinfo gibt es nicht mehr. Bei YOU FM ist die “Webshow” gestorben, die ich selbst moderiert habe, in 1LIVE die Rubrik “Klick”. Und nun eben “Trackback” und das “Chaosradio” bei Fritz.

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Chaosradio – die letzte Ausgabe

Ich halte das für ein Problem: Mit diesen Sendungen und Formaten stirbt auch die Tiefe, die digitale Themen brauchen. Schließlich hat die digitale Welt weitreichende Folgen für unseren Alltag, für Gesellschaft, Politik und Recht. Es geht um Themen, die uns alle betreffen und die übrigens immer wieder zu denen gehören, die vom Publikum am erregtesten diskutiert werden. Netzthemen sind keine Nerdthemen.

So argumentiert interessanterweise auch Fritz: “Wir sind der Überzeugung, dass diese Themen mittlerweile nicht mehr speziell, sondern Alltag sind – und somit in das ganze Fritz-Programm gehören”, steht in der FAQ zum Programm-Relaunch. Aber was heißt das? Dass diese Themen bisher zu speziell waren? Das halte ich für Unsinn. Digitale Themen machen immer wieder Schlagzeilen. Sie sind nicht zwingend speziell. Deshalb gehören sie auch nicht erst jetzt ins ganze Programm – sie haben dort schon längst stattgefunden, auch als es die Netzsendungen noch gab.

Das Argument “zu wichtig für eine eigene Sendung” habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder gehört, als Netzformate gestorben sind. Es klingt auch logisch – aber es führt dazu, dass in der Radio- und Fernsehlandschaft Formate sterben, die den digitalen Entwicklungen wirklich auf den Grund gehen. In denen man nicht nur oberflächlich den Schlagzeilen hinterherhechelt, sondern in denen die Zeit dafür da ist, die digitale Welt in all ihren komplexen Zusammenhängen zu erklären. Dafür braucht es diese Formate.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

11 Kommentare

  1. Wolfgang am

    Wirklich schade, daß solche Sendungen nach und nach gestrichen werden, zugunsten dieses unsäglichen “durchhörbaren Formatradios”
    Dabei sind Sendungen dieser Art für mich die einzige Rechtfertigung für meine Zwangsgebühren.

    just my 2 cents
    Wolfgang

  2. …auch hier bei diesem Beitrag fehlt mir, was ich an vielen Stellen sehr vermisse: Dass vom Autor des jeweiligen Artikels trotz aller Wehmut über etwas was wegfällt, konkrete Hinweise gegeben werden, welchen genauen Alternativen es denn (weiterhin) gibt. Das bräuchte dann natürliche ggf mehr Recherche….. also: Bitte mehr konstuktive Hinweise ……..
    MfG

    • Dennis Horn am

      @urjo.de: Danke für die Anregung, und, ja: Eine konstruktive Herangehensweise ist grundsätzlich sinnvoll. Es gibt natürlich noch Formate im Linearen, die solche Themen behandeln. PULS vom Bayerischen Rundfunk sendet zum Beispiel den Netzfilter, Deutschlandfunk Kultur erlaubt sich mit Breitband ein eigenes netzfeuilletonistisches Format. Allerdings hört es dann schon langsam auf – und genau das ist ja eben meine Kritik: dass es solche Formate im Linearen kaum noch gibt. Da hilft auch nicht mehr Recherche. ;)

  3. Spricht mir aus der Seele. Aber ist man mal ehrlich: Sowohl Trackback (da war mal Johnny Häusler am Start!) als CR (war mal regelmäßig live) waren seit Jahren auch nur noch ein Schatten ihrer selbst.

    Noch ein Format, das weggefallen ist: RadioEins Escape, das ausgerechnet einer der unnerdigsten Themensendungen zum Opfer fallen musste: einer 4(!)-stündigen Fußball-Halbzeitkonferenz. WTF! 4 Stunden Geschreie, Sportmetaphern-Dummgelaber und Konsensmusik als Pausenfüller. Müsste ich wetten, würde ich sagen, das Medienmagazin von Jörg Wagner wird sich als Alibi-Veranstaltung auch nicht mehr lange halten. Ist ja jetzt schon im im inoffiziellen offziellen Podcast drei mal länger als auf dem Sender. Nicht zuletzt, weil hier natürlich auch alles zwanghaft mit Dudelmusik durchsetzt werden muss. Könnte ja wer einschalten, der gerade Musik hören möchte.

    Fritz ist bei mir seit längerem schon unten durch – denn auch bei Musik hat man hier gnadenlos zusammengestrichen und so gut wie alles aus dem Rockbereich, manchmal kommentarlos, zusammengestrichen. Vorher meist noch ins Nachtprogramm geschoben – auf eine 1 Uhr Schiene oder so. Da halfen keine Hörerproteste und Solidarisierungen: Lücke, Stahlwerk, Punkrock-Nightflight, … alles der “jugendlichen Erneuerung” geopfert. Von “ganz frischen” Programmverantwortlichen.

    Allgemeiner Trend bei Jugendwellen: Bediene eine Hörerschaft, die eine Aufmekrsamkeitsspanne von 15 Sekunden hat, spare alles aus, was politisch oder non-mainstream ist. Sorry, aber Youtube in Audio braucht niemand.

  4. Positives Beispiel: Die Wöchentliche Sendung “Netzfilter”, die sich jeden Samstag Mittag auf Puls vom BR mit Netzthemen in unterschiedlicher Tiefe beschäftigt. Zwei Stunden im Digitalradio, oder kompakt als Podcast. Die Version für das reifere Publikum läuft dann Sonntag als Netzmagazin auf B5 aktuell im herkömmlichen Radio. Nur, um hier einen Silberstreif auf das Thema fallen zu lassen… :-)

  5. Der Computerclub lebt (schon länger) weiter, als cc2.tv. Nach dem Zerwürfnis zwischen Back und Rudolph, erfolgreicher denn je. Wolfgang Rudolph und sein Kleinstteam machen, trotz bescheidener Mittel/Finanzen, einen exzellenten Job (Audio, Video, RSS) und toppen heute ganz locker das damalige WDR-Format.
    Vor allen Dingen: Rudolph agiert absolut u n a b h ä n g i g, d. h. z. B. keinerlei Schönreden von evtl. Produktsponsoren oder ähnlichen “Einflüssen”.

    • Solche Formate weiter zu erhalten, z.b als Podcast ist sicherlich möglich, das Problem ist aber, dass damit eine große Gruppe von Hörern wegfällt, nämlich die, die eben nicht gezielt nach solchen Themen suchen und einen entsprechenden Podcast abonnieren. Diese Hörer haben das Radio laufen und stoßen dann auf diese Sendungen und werden somit auf Themen gebracht, auf die sie u. U. von sich aus gar nicht gestoßen wären,obwohl sie vielleicht relevant für sie wären.

    • Bei allem Respekt vor Wolfgang Rudolph: Er geht die Themen ausschließlich technisch an. Wir sind heute aber deutlich weiter. Wir müssen uns ganz andere Gedanken machen!

      • Romina Pecora am

        Würde er das nur tun! Er verliert sich regelmäßig – inzwischen versucht er, es auf den Audio-Cast zu beschränken – in Küchenphilosophie und Wutbürgerkunde.

    • @Jörg Schieb:
      Hier mal ein Auszug einiger Themen, die W. Rudolph kürzlich behandelte – und nicht nur aus rein technischer Sicht, sondern, je nach Tragweite, auch z. B. ethisch, moralisch, gesellschaftspolitisch:
      “Medienkompetenz”
      “Passwort wechseln”
      “Das Ende des (freien) Internet”
      “Die elektronische Patientenakte”
      “Vizio, privat ist was anderes”
      “Brexit”
      “Datendiebstahl (Doxing)”.
      Ziemlich genau diese Themenbereiche, finde ich z. B. auch regelmäßig auf Digitalistan. “Ganz andere Gedanken” macht sich also durchaus auch ein Herr Rudolph – bei allem Respekt, Herr Schieb. ;)

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