Das System Amazon

https://blog.wdr.de/digitalistan/das-system-amazon/

Das System Amazon

Kommentare zum Artikel: 8

Gut zwei Drittel aller Deutschen kauft online ein. Klarer Marktführer in Deutschland – wie weltweit: Amazon. Das ist keine Überraschung. Amazon ist längst ein weltweiter Megakonzern, der sogar ins Lebensmittelgeschäft vordringen will. Aber was steckt hinter dem Erfolg, wer zahlt den Preis? Eine berechtigte Frage, der die ARD-Kollegen der sehenswerten Dokumentation Das System Amazon auf den Grund gehen. Wer bei Amazon einkauft, sollte sich den Film anschauen. Man lernt eine Menge.

Amazon ist der größte Onlineshop der Welt

Wer versendet: Amazon oder Partner?

Es geht zum Beispiel um die Frage, wie Amazon eigentlich mit Händlern umgeht? Händler sind Partner von Amazon. Was vielen Amazon-Kunden gar nicht bewusst ist: Amazon verkauft auf seinem Portal nicht nur selbst Produkte, sondern im so genannten „Marketplace“ auch die Produkte von Händlern. Die bieten ihre Produkte bei Amazon an und rechnen darüber ab, verschicken sie aber in der Regel selbst, so ähnlich wie bei eBay. Man muss auf der Bestellseite schon genau hinschauen, um zu sehen, wer im Einzelfall liefert.

Die absurde Situation für die Händler: Sie stehen oft im direkten Wettbewerb zu Amazon, denn Amazon ist gleichzeitig Portal und Händler. Wenn Amazon beispielsweise selbst Zahnpasta verkauft und ein Händler ebenso, dann ist es schon interessant zu sehen, ob die Amazon-Zahnpasta besser auffindbar ist oder besser präsentiert wird als die Zahnpasta des Händlers. Abgesehen davon kann Amazon in aller Ruhe jeden Markt beobachten – und genau dann mit eigenen Produkten einsteigen, wenn genügend bestellt wird. Eine mehr als kommode Situation für den Onlineriesen, der über einen reichen Datenschatz über das Kaufverhalten der Menschen verfügt. Die Händler haben das Nachsehen.

Sehenswerte ARD-Dokumentation; Rechte: WDR

Sehenswerte ARD-Dokumentation

Umgang mit den Partnern

Die Reportage zeigt mehrere Fälle auf, die auf Machtmissbrauch des Onlinekonzerns hindeuten. Einige Händler berichten zum Beispiel, sie seien von Amazon unter Druck gesetzt worden, ihre Waren doch künftig nicht mehr selbst zu versenden, sondern den Versand über das Amazon Fulfillment Center abzuwickeln. Davon machen rund 64.000 deutsche Händler Gebrauch. Amazon kassiert dafür 15% Provision. Mehr Umsatz also für Amazon, mehr Kontrolle für den US-Konzern – und deutlich weniger Macht für die „Partner“, die letztlich auch nur Kunden von Amazon sind.

Die Dokumentation präsentiert zahlreiche Beispiele, die auf ein erhebliches Ungleichgewicht in der Partnerschaft von Amazon und Händlern schließen lassen. Das macht meiner Ansicht nach eins deutlich: Es braucht nicht nur dringend Regelungen, die für ein Portal wie Amazon gelten müssen, damit die ohnehin vorhandenen Machtgefälle nicht missbraucht werden können, sondern auch Behörden, die diese Regeln durchzusetzen in der Lage sind. Selbst daran scheint es nämlich zu mangeln.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

8 Kommentare

  1. Die Benutzung von Fulfillment hat eher Vorteile als Nachteile für den Händler, solange er auf Amazon noch im Geschäft ist. Da Amazon das Fulfillment ausführt und sich selbst nicht schlecht bewerten lässt, heißt das für den Händler, dass er fast jede schlechte Verkäuferbewertung entfernen kann. Das Problem ist die fristlose Kündigung aufgrund beliebiger Gründe, die nicht genannt werden müssen. Davon macht Amazon ca. 1000 mal im Monat gebrauch. Per Sklavenhalterretorik kommt dann so ein Schreiben: Guten Tag, wir konnten Ihre Angaben zum Paymentskonto nicht verifizieren, und haben Ihnen Ihre Verkaufsprivelegien entzogen. Unbekannt Gesetze verbieten Amazon, Auskunft über die Nichtverifikation zu geben. Damit ist der Verkäufer als Geldwäscher abgestempelt und fristlos entlassen. Dann ist aufeinmal auch das Fulfillment ein Problem. Die Ware kann zu horrenden Kosten zurückgeschickt oder entsorgt werden. Das Payentkonto des Händlers wird einfach abgeräumt und großzügig mit den Entsorgungskosten des Lagers verrechent.

  2. P. Gedoehns am

    Ganz einfach:
    Wer bei Amazon bestellt, der akzeptiert, unterstützt und fördert deren Machenschaften. Ich bin damit nicht einverstanden, also kaufe ich auch nicht dort. Gleiches gilt für stationäre Discounter.

  3. Ja, man sollte diesem Internetriesen einen Riegel vorschieben, ebenso sollte der Käufer sich mal Gedanken machen, ob es so sinnvoll ist, immer dort zu bestellen.
    Die Innenstädte verwaisen immer mehr und der Preispolitik tut es auch nicht gut,
    wenn es kaum noch Konkurrenz gibt und wenn das so weiter geht, gibt’s bald
    GAR KEINE Konkurrenz mehr.
    Aber dies ist ja keine Ausnahme und nur im Internet zu finden, schaut man sich Aldi an, dann hört man auch immer wieder von Mafiamethoden, mit denen sie die Preise
    drücken und mit Herstellern „verhandeln“.

  4. Alexander Main am

    Sie schreiben:

    „Es braucht nicht nur dringend Regelungen, die für ein Portal wie Amazon gelten müssen, damit die ohnehin vorhandenen Machtgefälle nicht missbraucht werden können, sondern auch Behörden, die diese Regeln durchzusetzen in der Lage sind.“

    Diese Situation gibt es doch nicht nur im Onlinehandel. Auch im „normalen“ Handel zeigen sich schon immer die selben Symptome: Die Großen bestimmen den Preis und wer nicht mitspielt bleibt auf der Strecke.

    Nix Neues ….

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top