Das war 2016 – die Abrechnung

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Das war 2016 – die Abrechnung

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30. Dezember. Jahresabschluss. Ein guter Moment dafür, dass wir uns noch einmal den ersten Blogartikel des Jahres anschauen, in dem ich einen Blick in die digitale Glaskugel für 2016 geworfen habe. Von Hackerangriffen auf Unternehmen und Regierungen über den Snapchat-Hype bis zum Siegeszug der Hochkantvideos – es wird Zeit, zu checken, ob alle Vorhersagen auch so eingetreten sind. Here we go …

Januar 2016. Auf der CES lässt der geheimnisvolle Autobauer Faraday Future, der bisher nur aus einer Website, ein paar Social-Media-Accounts und der Ankündigung besteht, in zwei Jahren ein vollvernetztes Elektroauto auf den Markt zu bringen, die Katze aus dem Sack – und stellt sein Fahrzeug vor. Faraday Future lehrt den bisherigen Taktgeber Tesla das Fürchten und facht den Hype um Elektroautos weiter an. Eine Prognose bewahrheitet sich aber nicht: dass Apple hinter Faraday Future steckt.

Fast. Tatsächlich steckt nicht Apple hinter Faraday Future, und tatsächlich hat das Unternehmen auf der CES 2016 die Katze aus dem Sack gelassen: ein Konzept unter dem Titel FFZero1. Entsprechend groß war die Enttäuschung. Faraday Future hat die Vorstellung eines konkreten Modells nun für die CES 2017 angekündigt. Ob es dazu kommt, ist aber offen, denn der Autobauer hat laut dem Techmagazin The Verge hunderttausende US-Dollar Schulden, der Bau einer Fabrik wurde gestoppt.

Lukaskrankenhaus in Neuss

Wenn Hackerangriffe über Leben und Tod entscheiden: Das Lukaskrankenhaus in Neuss musste im Februar das Computernetzwerk herunterfahren, Operationen wurden verschoben.

Februar 2016. Es gibt weitere große Angriffe auf Unternehmen und Regierungen. Nicht immer lässt sich festlegen, wer dahintersteckt. Sind es Kriminelle? Terroristen? Geheimdienste? Entsprechend schwierig sind Gegenmaßnahmen zu treffen. Eine weitere Angriffswelle richtet sich gegen Privatnutzer. Sie werden unter anderem mit ihren Daten erpresst, die sie bei verschiedenen Diensten im Netz hinterlassen haben. Zu mehr Sicherheitsbewusstsein, zum Beispiel bei Passwörtern, führt das noch immer nicht.

Check. Tatsächlich war 2016 ein heißes Jahr für die IT-Sicherheit: lahmgelegte Telekom-Router, die mutmaßlich staatlich organisierten Angriffe auf über eine Milliarde Yahoo-Konten oder die E-Mail-Affäre um Hillary Clinton – nur um ein paar Beispiele zu nennen. Und auch Erpressungsversuche waren Thema: von der Ransomware „Locky“ über lahmgelegte Krankenhäuser und Smarthomes in Geiselhaft bis zu Privatnutzern, die genötigt wurden, weitere Rechner zu infizieren, um die eigenen Dateien „zu befreien“.

März 2016. Snapchat öffnet sich nach außen. Es ist jetzt möglich, die eigenen Snaps und Geschichten per Link zu teilen. In Deutschland entfacht das eine Datenschutzdiskussion: Jetzt könne doch tatsächlich die ganze Welt die Snaps der Nutzer sehen, die eigentlich dachten, im Messenger wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu haben. Der Schritt führt aber gleichzeitig dazu, dass Snapchat eine noch breitere Nutzerbasis gewinnt und damit zu den großen Namen wie Facebook, Instagram und WhatsApp aufschließt.

Falsch. Snapchat hat sich in diesem Jahr zwar einen Hype erlebt und sich auch als App weiterentwickelt, bleibt aber eine geschlossene Veranstaltung. Trotzdem bin ich auch fürs nächste Jahr gespannt, denn der Druck wird größer, vor allem durch Instagram, das die beliebte Storyfunktion aus Snapchat geklaut und fast eins zu eins in der eigenen App umgesetzt hat. Viele meiner Freunde sind mittlerweile zu Instagram umgezogen, in Snapchat ist es etwas ruhiger geworden. Ich sehe die App unter Zugzwang.

Mark Zuckerberg

Vom Treiber zum Getriebenen: Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste in diesem Jahr stark mit Themen wie Hasskommentare oder Fakenews beschäftigen.

April 2016. Facebook frisst weiter alles auf. Als Teil seiner Strategie, sich möglichst viele Inhalte unter den Nagel zu reißen, damit die Nutzer das soziale Netzwerk gar nicht mehr verlassen, stellt Facebook es jetzt allen Medienanbietern frei, komplette Artikel direkt zu posten und nicht mehr nur darauf zu verlinken. Facebook arbeitet außerdem daran, ganze Websites näher mit dem sozialen Netzwerk zu verbinden – und sie so Schritt für Schritt zum Teil von Facebook selbst zu machen.

Fast. Tatsächlich hat Facebook die Instant Articles im April für alle freigeschaltet – eine Möglichkeit, die wir in der ARD zum Beispiel mit der tagesschau nutzen. Den Schritt, die Onlinenangebote noch stärker mit dem sozialen Netzwerk zu verbinden, ist Facebook aber nicht gegangen. Stattdessen stand die Diskussion über den gesellschaftlichen Einfluss im Fokus – zum Beispiel um Hasskommentare im Rahmen der Flüchtlingsdebatte oder um Fakenews nach der Präsidentschaftswahl in den USA.

Mai 2016. Die Upfronts stehen an, bei denen die Fernsehsender in den USA ihre neuen Serien für die kommende Saison ankündigen. Doch das Line-up ist blass. Vor allem die Welle an Remakes und Sequels ist auffällig – sie wirken wie ein verzweifelter Versuch, die Zuschauer noch irgendwie zu halten. Doch die Wahrheit ist: Die besten Serien kommen nicht mehr von klassischen Fernsehsendern, sondern aus den Häusern Amazon und Netflix – die damit auch wieder eine ganze Menge Preise abräumen.

Fast. Zu den besten Serien, die in diesem Jahr in meiner Filterblase eine Rolle spielten, gehörten die Science-fiction-Mystery-Serie „Stranger Things“, die Fortsetzung der Kultserie „Gilmore Girls“, die jungen Jahre von Elizabeth II. in „The Crown“, der Dauerbrenner „House of Cards“ und ganz frisch die Mysteryserie „The OA“ – alle aus dem Hause Netflix. Mit dem Science-fiction-Western „Westworld“ stammt die aus meiner Sicht beste Serie des Jahres aber aus dem klassischen Fernsehen: vom US-Sender HBO.

MacBook Pro

Ein MacBook Pro mit Touchbar – und die Apple-Kunden sind nicht überzeugt. Sie beklagen sich über einen schwachen Akku und ein Adapterchaos.

Juni 2016. Apple stellt sein neues iPhone 7 vor. Währenddessen drücken die Zahlen im Hintergrund: Es wird nicht nur offenbar, dass die Apple Watch auch in ihrer zweiten Auflage ein Flop ist. Gleichzeitig lassen die Tabletverkäufe weiter nach, und sogar das iPhone als Zugpferd gerät in diesem Jahr in arge Bedrängnis. Dass Apple nervös wird, merkt man daran, dass Tim Cook immer häufiger die Berichterstattung über sein Unternehmen kritisiert – während die Konkurrenz stärker wird.

Check. Tim Cook bleibt zwar betont gelassen. Apple verzeichnet aber den ersten Umsatzrückgang seit mehr als einem Jahrzehnt. Dazu kommt eine ganze Reihe an Problemen mit Hardware und Software – und eine wachsende Unzufriedenheit der Kunden vor allem mit der Desktopsparte. Das liegt an einer unklaren Zukunft für iMac und Mac Pro, aber auch an einem MacBook Pro mit schwachem Akku und ausschließlich USB-C-Anschlüssen – die sich ohne teure Zusatzadapter bisher kaum nutzen lassen.

Juli 2016. Wer einmal in fremde Systeme eindringt und Zugriff auf die dort gespeicherten Daten erhält, kann diese natürlich weiterhin illegal kopieren oder löschen. Jetzt aber bekommen wir es mit dem ersten großen Fall zu tun, in dem Angreifer etwas ganz anderes im Sinn hatten: eine Datenmanipulation. Mit diesem Fall kommt eine äußerst unbequeme Frage auf uns zu: Können wir dem, was wir auf Bildschirmen angezeigt bekommen, in Zukunft überhaupt noch uneingeschränkt trauen?

Falsch. Datenmanipulation war zwar immer wieder Thema, zum Beispiel bei der in dieser Woche diskutierten Frage, wie leicht sich Flugbuchungen ändern lassen – dank des nur ungenügenden sechsstelligen Buchungscodes als Sicherheitslücke. Zum großen Thema wurden Datenmanipulationen bisher allerdings nicht. Ich frage mich trotzdem, wie lange das auch im kommenden Jahr noch der Fall bleiben wird.

Twitter erlebt unruhige Tage: Das noch im Januar neu eröffnete Büro in Berlin wird wieder geschlossen, die Verkaufsbemühungen in diesem Jahr schlugen fehl.

August 2016. Twitter schafft die Hashtags ab und führt einen Algorithmus ein, wie wir ihn schon von Facebook kennen. Das führt zu einem großen Shitstorm – einige der hochengagierten Multiplikatoren, die das Netzwerk bisher am Leben gehalten haben, verlassen Twitter. Die Entscheidung stellt sich mit der Zeit als großer Fehler heraus: Die bisherige Nutzerschaft fühlt sich verprellt. Gleichzeitig schafft der Dienst es nicht, neue Nutzer an Bord zu holen und zum Netzwerk für die Massen zu werden.

Fast. Hashtags existieren weiterhin, einen Algorithmus dagegen gibt es mittlerweile – allerdings nur optional, weshalb ein Shitstorm ausblieb. Das Problem, neue Nutzer zu finden, bleibt dagegen bestehen. Twitter erlebt unruhige Tage: Das noch im Januar eröffnete Büro in Berlin wird Ende 2017 wieder geschlossen, weitere Büros in Europa könnten folgen. In der Chefetage des Netzwerks gab es auch in diesem Jahr viele Abgänge, sämtliche Verkaufsinteressenten sind in diesem Jahr abgesprungen.

September 2016. Antidrohnentechnik wird zum Thema. Weil Drohnen immer stärker Teil unseres Alltags werden, diskutiert vor allem Deutschland über Privatsphäre und andere rechtliche Aspekte – und mehr und mehr gerät Technik in den Blick, auf die sich Drohnenpiloten in Zukunft einstellen müssen. Dazu gehören Drohnenwarnsysteme, das Kapern von Drohnen per Funk oder elektromagnetische Störsignale, mit denen sich Drohnen vom Himmel holen lassen, ohne dass sie beschädigt werden.

Falsch. Tatsächlich ist Antidrohnentechnik Thema – aber vor allem im „professionellen Bereich“. Selbst die Telekom bietet mit einer eigenen Sparte entsprechende Technik an, um Drohnen und Multicopter abzuwehren. Eine breite Sicherheitsdiskussion, wenn es um Drohnen geht, gibt es aber nicht – vielleicht auch deshalb nicht, weil sich Privatpersonen von den Geräten bisher nicht schwerwiegend gestört fühlen.

Horizontal, vertikal, egal: Videos in der neuen Version der tagesschau-App funktionieren nun auch vertikal.

Oktober 2016. Der Siegeszug der Smartphones macht das Hochkantvideo salonfähig. Eine Reihe an Medienanbietern geht in diesem Jahr mit Hochkantangeboten an den Start – sogar kleine Serien und andere Inhalte werden in diesem Format produziert, um damit der Nutzung am Smartphone entgegenzukommen. Wir als Nutzer gewöhnen uns zwar daran. Aber die gute Nachricht lautet trotzdem: Die große Menge der Videos, die wir uns angucken, bleibt beim völlig klassischen 16:9-Querformat.

Check. Tatsächlich hat zum Beispiel die tagesschau in diesem Monat eine neue Version ihrer App veröffentlicht, die Videos sowohl hochkant als auch horizontal im gewohnten 16:9-Format anzeigt. Und auch andere Medienanbieter haben Inhalte in diesem Jahr im Hochkantformat produziert – zum Beispiel funk mit dem Snapchat-Soap-Experiment „iam.serafina“ oder dem Newsformat „hochkant“.

November 2016. Es gibt erste Bilder der neuen Nintendo-Konsole „NX“, die in zwei Monaten auf der CES 2017 präsentiert werden soll. Vor allem Mario- und Zelda-Fans geraten in Verzückung, weil es erste Screenshots zu sehen gibt. Doch die Konsole wirkt kaum spektakulär – vom bahnbrechenden Konzept, das Nintendo angekündigt hatte, ist nichts zu sehen. Und auch die Smartphone-Spiele, die Nintendo in diesem Jahr sehr zögerlich veröffentlicht hat, schaffen es nicht, das Ruder herumzureißen.

Fast. „Switch“ wird die neue Konsole von Nintendo heißen, und was es bisher vom neuen „The Legend of Zelda: Breath of the Wild“ – einer Open-world-Variante der Spielereihe – zu sehen gab, ist tatsächlich atemberaubend. Spektakulär ist die Konsole nicht. Was Nintendo in diesem Jahr auf dem Smartphone angestellt hat, war dagegen großes Kino: vom Hype um Pokémon Go bis zum Start der tatsächlich gelungenen Umsetzung „Super Mario Run“ – ich bin gespannt auf mehr!

Mark Zuckerberg

Eins der Bilder des Jahres: Facebook-Chef Mark Zuckerberg beim Mobile World Congress in Barcelona – und dank Virtual-Reality-Headsets nimmt keiner der anwesenden Journalisten Notiz von ihm.

Dezember 2016. Das Weihnachtsgeschäft wird wieder einmal die Zeit der Virtual-Reality-Brillen. Neben Samsung springen auch andere Smartphone-Hersteller auf den Zug auf und veröffentlichen eigene Brillensets als Halterung fürs Smartphone. In den App Stores von Google und Apple klettern Spiele und weitere Virtual-Reality-Apps weit nach oben – auch die Pornoindustrie mischt mit. Zu teuren High-end-Produkten wie der Oculus Rift greifen dagegen in der Breite kaum Nutzer.

Fast. Den großen Hype habe ich bisher nicht ausmachen können. Virtual-Reality-Brillen sind allerdings Thema wie in jedem Jahr, und tatsächlich sind weitere Hersteller auf den Zug aufgesprungen: Bei den Headsets gehört „Daydream View“ von Google dazu, bei den „großen Virtual-Reality-Brillen“ fand ich die HTC Vive in diesem Jahr die spannendste Entwicklung; ein Erfolg scheint aber vor allem die PlayStation VR zu sein – eine spezielle Brille nur für die Spielekonsole.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

2 Kommentare

  1. DawwKrai am

    Ich möchte «Das war 2016 [ … ]» als kleinen Anlass nehmen, um allen, die für Digitalistan schreiben und kommentieren, einfach einmal „danke“ zu sagen.

    Ich wünsche euch einen guten Rutsch und ein (noch) besseres Jahr 2017!

    Danke, dass ihr uns/mich nicht „doof sterben“ lasst und ständig Denkanstöße gebt.

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