#DeineWahl: Der große Bluff

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#DeineWahl: Der große Bluff

Kommentare zum Artikel: 9

Die Bundeskanzlerin ist ein echter Routinier in Sachen Interviews. Es bedarf schon einiges Geschicks – oder besonders unkonventioneller Fragen oder Momente -, um sie aus eben dieser Routine zu reißen. Niemand sollte ernsthaft erwarten, dass die nun von vier YouTubern mit ihr geführten Gespräche spektakulär werden – oder überhaupt in irgend einer Form anders als die vielen Tausend Interviews in der Vergangenheit. Die Tatsache an sich, dass sich die Kanzlerin nicht nur den Fragen von Journalisten stellt, sondern eben auch denen einiger (ausgewählter) YouTuber, zeigt bestenfalls: Es ist Wahlkampf – und da macht man/frau so etwas eben.

Angela Merkel trifft einige YouTuber; Rechte: YouTube

Angela Merkel trifft einige YouTuber

Warum die Ausnahme, nicht die Regel?

Vor zwei Jahren hat Angela Merkel im Sommerloch YouTuber LeFloid ein Interview gegeben. Völlig unspektakulär damals. Diesmal konnten sich gleich vier YouTuber versuchen. Und wieder: Unspektakulär. Mitunter sogar banal. Die Gespräche konnte man auf YouTube live verfolgen. Bis zu 57.000 Leute haben live zugeschaut. Kein Flop also, aber auch kein besonders beeindruckendes Online-Ereignis. Jeder der vier YouTuber Itscoleslaw, Alexi Bexi, Ischtar Iksi und MrWissen2go hatte jeweils nur zehn Minuten Zeit, um mit der Kanzlerin zu schnacken. Alle vier haben sich leidlich geschlagen.

Die Message ist sowieso eine andere, nämlich: Seht her, die Kanzlerin ist so modern, dass sie sogar mit jungen YouTubern spricht. Wobei wohl die Frage erlaubt ist, wieso Angela Merkel respektive ihr Stab nur dann zu diesem Schritt greift, wenn gerade Bundestagswahl ist. Klar, in den Wochen vor der Wahl wollen Politiker natürlich besonders gerne erklären, was ihnen wichtig ist und ihre Parolen loswerden. Allerdings wäre es sehr viel glaubwürdiger, wenn solche Gespräche auch während der Regierungszeit erfolgen würden. Regelmäßig. Dann ginge es nicht nur um Wählerstimmen. Anlässe gab es in den letzten vier Jahren nun wahrlich genug. Flüchtlingswelle. Diesel-Skandal. EU-Krise.

Vier YouTuber als Statisten

Aber hat Angela Merkel wirklich mit vier YouTubern gesprochen? Technisch gesehen schon. Die vier YouTuber haben Angela Merkel getroffen und mit ihr geredet. Aber nicht in ihren Studios, auch nicht nach ihren Regeln, sondern komplett von Profis organisiert. Die YouTuber waren eher Statisten. #DeineWahl wurde von Studio71 produziert, einem Netzwerk von ProSiebenSat.1. Und natürlich profitiert auch YouTube selbst, respektive Google von dem Event – eben weil der Eindruck entsteht, als ob die Bundeskanzlerin das Medium Ernst genug nimmt, um vier YouTubern Interviews zu gewähren. Im Grunde alles nur eine große Inszenierung – ohne jeden echten Erkenntnisgewinn. Jedenfalls gibt es nichts über die Inhalte der vier zehnminütigen Gespräche zu berichten, nur über die Tatsache an sich, dass sie stattgefunden haben.

Vielleicht täusche ich mich ja. Das wäre gut, denn dann würden wir in Zukunft öfter sehen, dass Politiker aus der ersten Reihe (nicht nur die Bundeskanzlerin) mit Vertretern aus den Online-Medien sprechen. Aber für sehr wahrscheinlich halte ich das nicht.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

9 Kommentare

  1. FRAUEN_HABEN_AUCH_SPRACHLICH_VORZUKOMMEN! am

    DIE BundeskanzlerIN kann doch wohl kaum EIN RoutinIER sein, Herr Schieb!
    Wenn sie etwas ist, dann doch wohl einE ROUTINIÈRE!
    Alternative: „Sie ist sehr routiniert im/bei…“

  2. Tilo Jung ( von jungundnaiv.de ) alleine(!), der regelmäßig auf der BPK Seibert & Co. gekonnt und gewitzt vorführt und zur Weißglut bringt, hätte völlig ausgereicht!
    Vermutlich hätte man dann aber dieses labormäßig durchgecastete YouTube-„Event“ -mangels bundeskanzlerischer Ratlosigkeit- vorzeitig abbrechen müssen und sich vor den potentiellen Neu-/Jungwähler(inne)n bis auf die Knochen blamiert. Was zwar peinlich, aber trotzdem egal gewesen wäre, da sie ja ohnehin jetzt schon als alte/neue Kanzlerin feststeht!
    Es sei denn, der (böse, böse) Russe verbreitet (in Kooperation mit der AfD und Pegida sowie den Reichsbürgern, Erdogan, Trump, Le Pen, Wikileaks und Eddie Snowden oder sonstigen, wahlk(r)ampfgefährdenden/manipulierenden Eidechsenmenschen) kurz vor der Wahl noch Trilliarden Gigabyte an postfaktischen Merkel-Geschichten – dann sähe die Sache freilich wieder ganz anders aus; oder vielleicht auch nicht…
    ;)

  3. Inszeniert hin oder her, meinem Empfinden nach waren es Fragen und Antworten die auch Menschen verfolgen und verstehen können, die eben nicht jeden Tag die Zeitung lesen und politisch sich eben noch nicht so sehr engagiert/interessiert haben. Eben vielleicht solche Menschen die auch dazu neigen Stammtisch-Parolen zu werfen..

    Ich empfand das Interview mit LeFloid schon sehr interessant und mir haben auch diese vier Interview wenigstens einen unterhaltsamen Wert gegeben.

    Der Weg den Frau Merkel da geht ist in jedem Fall der richtige und ich denke es wird abzuwarten sein bis andere nachziehen. Ich wüsste wenigstens spontan keinen besseren Weg die Jugend am Nerv der Zeit zu treffen und zu Politik zu motivieren.

  4. Klaus Lohmann am

    YouTube/YouTuber = Show, ProSiebenSat1 = Show, WDR = Show – warum glauben Sie ernsthaft, das würde Jemanden, dessen Leben nicht aus 100% Medienkonsum besteht, auch ernsthaft interessieren, Herr Schieb?

    • Ich hoffe doch sehr, dass Ihre Gleichung nicht so pauschal aufgeht. Meiner Beobachtung nach, tritt der Aspekt „Show“ bei ARD-Produktionen deutlich weiter in den Hintergrund. Erkenntnisgewinn ist erkennbar wichtiger, auch die gesellschaftliche Bedeutung erkennbar – und die Verantwortung, die damit einhergeht. Ich denke, das interessiert durchaus viele Menschen, wie eine Regierung zu neuen Medien steht, ob ein Event eine Inszenierung oder ein Gewinn für alle war etc.

  5. Wen wundert’s ? Nichts Neues unter der deutschen Sonne. Aber warum wird sie von den meisten Deutschen trotzdem wieder zur Kanzlerin gewählt? Weil die meisten ihre Pfründe behalten können, gerade die ältere Generation. Für die junge Generation gibt es KEINEN Grund Frau Merkel oder die #Groko wieder zu wählen!

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