Die Cebit wird eingestellt – ein bitterer Tag für das digitale Deutschland

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Die Cebit wird eingestellt – ein bitterer Tag für das digitale Deutschland

Kommentare zum Artikel: 7

Dieser Tag ist ein harter für Nostalgiker, ein trauriger für die Deutsche Messe Hannover und ein bitterer für das digitale Deutschland: Die Cebit wird eingestellt. Sie findet schon 2019 nicht mehr statt. Damit gehen mehr als 30 Jahre Messegeschichte zu Ende. Bill Gates hat hier Windows 95 vorgestellt. Auf der Cebit gab es die ersten MP3-Player zu sehen. Nokia brachte seine Handys mit nach Hannover. Zur Jahrtausendwende kamen über 800.000 Besucher aufs Messegelände.

Die Cebit war in die Jahre gekommen, keine Frage. Zur letzten Ausgabe in diesem Sommer schrieb ich hier in Digitalistan, dass sie mir in den vergangenen Jahren immer ein wenig wie der Geburtstag der Großtante vorkam: Eigentlich hatte man keine Lust mehr auf die Cebit, aber irgendwie war sie ja auch immer da, und so ganz ohne kann man sich das Jahr eben auch nicht vorstellen.

Der Neustart als Digitalevent in 2018 mit einem leichten Hauch von Festival konnte sich tatsächlich sehen lassen.

Doch der Deutschen Messe in Hannover fehlt nun der lange Atem: “Die Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität unseres Unternehmens lässt leider keinen anderen Schritt zu”, heißt es laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung in einer Hausmitteilung. Für das nächste Jahr habe es zuletzt deutlich weniger Buchungen gegeben – eine Cebit 2019 würde “massiv in den Verlustbereich abdriften”, heißt es vom Messevorstand.

Angeklickt mit Jörg Schieb

Angeklickt: Jörg Schieb über die Cebit 2018

Tatsächlich liegt die Frage auf der Hand, wie sehr es eine Cebit überhaupt noch braucht – denn IT ist nicht mehr nur IT. Wer es auf Unterhaltungselektronik absieht, besucht die CES oder die IFA. Wer wissen möchte, was die mobile Welt bereithält, reist zum Mobile World Congress. Für wen gesellschaftliche Debatten wichtig sind, der nimmt an SXSW oder re:publica teil. Wer gerne zockt, den findet man auf der Gamescom.

Auf der anderen Seite ist das Aus für die Cebit auch ein bitterer Tag für das digitale Deutschland: Eine Messe mit dieser Geschichte und dieser Relevanz aufzugeben, passt irgendwie auch zu einem Land, das es bis heute nicht schafft, flächendeckend schnelles Internet an den Start zu bekommen. Einem Land, in dem Menschen damit kokettieren, wie analog sie noch sind. Einem Land, das mit dem digitalen Fortschritt auch immer gehadert hat.

Die Cebit hatte schon immer viel Mut, sich neu zu erfinden. Doch in diesem Jahr hieß es hinter vorgehaltener Hand bei Messemachern und Ausstellern immer wieder: Dieser Neuanfang könnte gleichzeitig die letzte Chance sein. Und das war sie auch.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

7 Kommentare

  1. Klaus Lohmann am

    Tja, mit Modeworten ala “Digitalisierung” ist es halt wie mit IT-Messen ala CeBIT (oder CEBIT) – je länger man darauf rumkaut, umso kleiner wird das Interesse daran. Und die (IT-)Industrie wird sich mit dem Thema auch weiterhin beschäftigen und ihren Nutzen suchen – nur die Medien müssen sich wieder neue Geister-Hypes suchen, deren Inhaltslosigkeit man stundenlang in Features durchnudeln kann;-)

    • Dennis Horn am

      @Klaus Lohmann: Ich verstehe nicht so recht, wie man die Digitalisierung ernsthaft noch als Modewort bezeichnen kann. Das zeugt für mich weder von einem Verständnis des Begriffs Hype noch dieser Umwälzung, die gerade im Gange ist.

  2. Kolja Opitz (Plettenberg) am

    Ja, das mit Gestaltung der Digitalisierung ist so ein Ding! Die deutsche Gesellschaft lässt sich einteilen in – in ihrer Digitalkompetenz Abgehängte, in unreflektierende Digital-Konsumenten und -Anhänger sowie in Digital-Verweigerer. Ein pro-aktives, offen-kritisches Verhältnis scheinen nur wenige Deutsche entwickelt zu haben. Was soll man aber auch erwarten, wenn alte Hüte als „Neuland“ bezeichnet werden. Eine digital inkompetente Gesellschaft kann ihre Leistungselite kaum mehr beurteilen. Die mangelhafte Digitalkompetenz derer, die keine ausgesprochene MINT-Affinität besitzen, wird in internationalen Konzernen und Gremien mittlerweile als klarer Standortnachteil Deutschlands angesehen. Das Land von Konrad Zuse wird sich angesichts der Verwerfungen rundum Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge in der Dritten Welt der Digitalisierung wiederfinden. Es sei denn …

  3. “Einem Land, in dem Menschen damit kokettieren, wie sehr sie dem Analogen angehören.”.
    Na und, ist das vielleicht verwerflich oder gar zu verurteilen, wie es hier durchklingt?
    Wer meint, dass sein Lebensmittelpunkt im “Analogen” liegt, der sollte dem ruhig folgen, ebenso, wie derjenige, der meint, dass er unbedingt jeden Herzschlag und Geistesblitz auf seinen favorisierten Social Media-Kanälen posten muss. Und wer die analog-digitale Mischform bevorzugt, dem sollte auch dies -respektvoll- zugestanden werden. Nennt sich -grundgesetzlich verankerte- Entscheidungsfreiheit für die eigenen Lebensgestaltung und hat mit Koketterie überhaupt nichts zu tun. Ich, z. B., höre auch lieber Vinyl-Scheiben über einen Analogverstärker, weil es (für meine Ohren) einfach dynamischer klingt und für mich “lebendige” Musik, ein Lebensgefühl, ist.
    Und, ein “… Land, das mit dem digitalen Fortschritt gleichzeitig auch immer gehadert hat.” belegt auch, dass sich dessen Bevölkerung nicht unkritisch jedem (Übersee-)Trend unterwerfen will, den andere als heilsbringend, alternativlos o. ä. deklarieren wollen; darauf könnte man sogar stolz sein, sofern man nicht unbedingt grenzenloses Witschaftswachstum über Individualismus stellt.
    Individualismus, nicht Konformismus, macht (zumindest mein) Leben lebenswert. Leben und leben lassen! Also, twittern (oder was auch immer) Sie ruhig weiter und ich lege mir jetzt ‘ne gute Herbie Hancock-Scheibe auf den Phono. Ich wette, wir haben beide unseren Spaß dabei … ;)

    • Dennis Horn am

      @Florian: Ich genieße Musik auch gerne auf Vinyl. Das ist und bleibt eine freie Entscheidung, selbstverständlich. Das Kokettieren mit der eigenen Digitalferne geht aber oft einher mit einer Verurteilung und Geringschätzung von allem, was digital ist. Nun ist die Digitalisierung aber nichts, was sich abstellen, sondern höchstens etwas, was sich gestalten lässt. In der Gestaltung der Digitalisierung aber ist Deutschland ein Entwicklungsland – auch dank der angesprochenen Geisteshaltung. Und das halte ich aus vielen Gründen für ein Problem.

      • @Dennis Horn: Danke für Ihre Rückmeldung. Schon richtig, “gestalten” ist vielleicht d e r Aspekt überhaupt und dazu gehört sicher auch, aus Fehlgestaltungen zu lernen, Grenzen zu definieren und zu erkennen. Fehlgestaltungen und Grenzen, wie sie sich, beispielsweise, jüngst in Seoul zeigten, mit teilweise recht erschreckenden Auswirkungen:
        heise.de/newsticker/meldung/Massiver-Internetausfall-in-Seoul-zeigt-Risiken-der-Digitalisierung-4232519.html

    • Manchmal habe ich das Gefühl, die Menschheit ist zur Digitalisierung aller Dinge und zum Internet gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Wir haben da eine Büchse der Pandora geöffnet, in der sich ganz viel Gutes, ganz viel Schlechtes und ganz viel Unbekanntes befindet – und leider sind vieles davon Dinge, bei denen man, sowohl als Individuum als auch Gesellschaft, nur noch sehr begrenzt die Wahl hat, wie sehr man Teil davon ist oder sein wird. So lange die westlichen Gesellschaften unbeirrt dem Wachstums- und Wohlstandsmantra folgen, werden sie am Ende auch den absurdesten digitalen Wahnsinn mitmachen, weil das nun mal der Motor der “Zukunft” ist. Ob das eine so lebenswerte Zukunft sein wird, da habe ich – wie Sie – meine Zweifel, aber ich fürchte für alles Andere ist die Menschheit am Ende schlicht kollektiv zu doof, zu gierig oder zu gleichgültig.

      Wie auch immer, wäre es in jedem Fall schön, wenn der digitale Dilettantismus unserer letzten Bundesregierungen in diesem Sinne einem humanistischen Menschenbild oder einer kritischen Grundhaltung entspringen würde – und nicht bloß das Resultat himmelschreiender Ignoranz und Inkompetenz wäre.

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