Die Diktatur der Algorithmen

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Die Diktatur der Algorithmen

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Wenn wir zum Smartphone greifen, um in Sozialen Netzwerken zu stöbern oder mit dem Rechner Infos aus dem Netz holen, scheint im Hintergrund alles wie von Zauberhand abzulaufen: Wir tippen, wischen, klicken und schauen. Doch nur selten machen wir uns Gedanken darüber, wie das alles funktioniert. Wer eigentlich entscheidet, was wir zu sehen bekommen.

Fest steht: Wir selbst sind es in der Regel nicht. Das sollen wir nur glauben. Es sind vielmehr die Algorithmen von Onlinediensten, Portalen, Netzwerken und Onlineshops, die nahezu alle relevanten Entscheidungen treffen. Sie wählen für uns aus, machen Vorschläge – und blenden aus, was sie für unpassend oder uninteressant halten. Computerprogramme als Filter.

Algorithmen entscheiden, was wir tun sollen; Rechte; Pixabay

Algorithmen entscheiden, was wir tun sollen

Algorithmen sind allmächtig

Algorithmen sind im Netz allgegenwärtig. Sie wählen aus, welche Videoclips uns im Videoportal zum Anschauen empfohlen werden. Sie suchen aus, welche anderen Produkte uns auch gefallen könnten, was zu unserem Geschmack oder zu unseren Gewohnheiten passt. Nicht wir oder andere Menschen unterscheiden in wichtig und unwichtig, sondern Algorithmen: Ob es um Postings von Freunden geht oder um Nachrichten. Die von Onlinekonzernen und Portalen eingesetzten Computerprogramme – etwas anderes sind Algorithmen nicht – haben gottähnliche Macht.

Sie schalten und walten, wie es ihnen gefällt, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Wir leben in einer Diktatur der Algorithmen. Weil wir keine Wahl haben. Wir können die Algorithmen ja nicht abschalten. Wir können YouTube nicht besuchen, ohne Clips empfohlen zu bekommen. Allerdings erklärt uns niemand die Kriterien. Und auf die Algorithmen verzichten können wir auch nicht. Mit teilweise katastrophalen Folgen, wenn die Algorithmen falsch entscheiden und zum Beispiel Kindern Schockvideos unterbreiten. Auch bei Facebook entscheiden Algorithmen, was in unserer Timeline auftaucht. Nur: Wie, was und warum, erfahren wir nicht.

FacebookAuch Facebook setzt Algorithmen ein, die eigenmächtig entscheiden

Intransparent und willkürlich

Immer wieder werden auf Facebook, Twitter oder Skype automatisch Konten gesperrt. Weil die Betreiber personell kaum in der Lage sind, alles manuell zu überwachen, müssen Algorithmen ran. Instagrams Algorithmen blockieren Postings allein schon wegen „verbotener“ Hashtags. Die Algorithmen greifen sogar in die Meinungsfreiheit ein: Der aktuelle Unesco-Bericht zur Meinungsfreiheit 2017 kritisiert die algorithmus-basierte Gewichtung von Nachrichten in Sozialen Netzwerken.

Mir ist schon klar: Wir brauchen Algorithmen. Große Datenmengen lassen sich heute kaum anders verarbeiten. Allerdings dürfen Algorithmen nicht alles dürfen. Schon gar nicht, wenn sie in Bereiche unseres Lebens eingreifen, die zum öffentlichen Lebensraum gehören. Die Entscheidungsgrundlagen müssen transparent sein, vor allem dann, wenn sie Einfluss auf unser Leben haben. Es ist also Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was Algorithmen dürfen sollen und was nicht.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

2 Kommentare

  1. Verglichen damit, wie die Welt in 50 oder 100 Jahren aussehen wird, stecken wir heute immer noch in den absoluten Kinderschuhen der Digitalisierung – und haben doch unsere Unfähigkeit, vernünftig damit umgehen zu können, bereits ausgiebig unter Beweis gestellt.

    Zukünftige Anwendungen, wie das autonome Fahren oder – trotz aller Ächtungsversuche – autonome Kampfroboter und -drohnen, verleihen der Frage nach der „Macht der Algorithmen“ eine völlig neue Qualität.

  2. Die genannten Beipiele (Amazon, youtube, etc.) sind eher banaler, harmloser Natur.
    „Interessant“ und brandgefährlich zugleich wird’s erst dann, wenn Algorithmen in höchstkomplexe Prozesse, wie z. B. beim sog. „autonomen Fahren“ oder gar in militärische Verteidigungsprozesse eingreifen (dürfen, müssen, sollen).
    Siehe z. B. hier: shz.de/14150641

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