Digital first. Bedenken second.

https://blog.wdr.de/digitalistan/digital-first-bedenken-second/

Digital first. Bedenken second.

Kommentare zum Artikel: 18

„Digital first. Bedenken second.“ Das ist der Schlachtruf auf einem aktuellen Wahlplakat, daneben Christian Lindner, der stolze Frontmann der FDP. Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde ich sagen: Die FDP war schon immer total digital. Digitalisierung ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt. Man muss nur die Zeichen erkennen. Lies doch mal den Namen der Partei rückwärts… Bitte sehr, da haben wir’s. Die FDP ist total digital. Und weil es gerade schick ist, für Digitalisierung zu sein und nicht dagegen, macht Christian Lindner daraus flugs einen plumpen Kampfruf.

FDP-Frontmann Christian Lindner auf einem Wahlplakat; Rechte; dpa/Picture Alliance

FDP-Frontmann Christian Lindner auf einem Wahlplakat

Digital ist nicht gut an sich

Leider ist der Spruch extrem dumm. Aus vielen Gründen. Denn „Digital first. Bedenken second“ ist null differenziert. Es ist Populismus at its best. Es reitet die „America first“-Welle von US-Präsident Donald Trump weiter, ist also nicht mal eine eigene Idee. Die Schöpfer des Spruchs wollen als innovativ, modern, schick, ja: wählbar gelten, weil sie die Themen der Zeit zumindest ansprechen, Doch wer derart platt der Digitalisierung an sich das Wort redet, belegt, dass er genauso viel von der Sache versteht wie alle, die technische Innovationen reflexartig ablehnen. Nämlich: Nichts.

Sonnenschein first. Bedenken second. Bier first. Bedenken second. Sex first. Bedenken second. Hätte man auch alles aufs Plakat drucken können. Digitalisierung soll wohl seriöser klingen. Doch welche Konzepte hat die Partei? Offensichtlich keine, das lässt das „Bedenken second“ erahnen. Denn Christian Lindner ist ja gegen Denken. Zumindest will er nichts bedenken. Der Wahlspruch der FDP macht deutlich: Lindner und seine Mannschaft wollen Bedenken abwerten. Abwehren. Sich bestenfalls irgendwann darum kümmern. Second halt.

Festplatte: Bei der VDS müssen eine Menge Daten vorgehalten werden; Rechte: dpa/Picture Alliance

Digital ist nicht gut an sich

Leider nichts verstanden

Die Digitalisierung bedeutet eine immense Herausforderung, um die sich die Politik leider schon viel zu lange drückt. Auch in diesem Wahlkampf. Die hilflosen Versuche von Bundesjustizminister Maas, der Facebook in einem extrem engen Gebiet (Stichwort: Hatespeech) die komplette Verantwortung geben will und mit drakonischen Strafen droht, zeigt diese Hilflosigkeit. Die Diskussionen um so genannte Fake-News sind verlogen und lenken von den eigentlichen Problemen ab. Konzepte irgendeiner Form enthalten sie nicht.

Was aber bedeutet „Digital first“? Will die FDP alles angehen und anschieben, was den Stempel „Digital“ hat oder bekommt? Ist Digital an sich also gut? Anders kann man Christian Lindner nicht verstehen. Allerdings ist er damit nicht nur schief gewickelt, es ist sogar äußerst gefährlich. Denn die Kernbotschaft, das wichtigste Ziel der meisten Start-Ups (vor allem aus den USA) ist: Disruption. Also per Definition die Zerstörung einer kompletten Branche, einer bestehenden Dienstleistung, einer existierenden Technologie.

Das also will Christian Lindner und seine Partei? Gut zu wissen… Wer mir nun vorwirft, ich hätte nicht ins Wahlprogramm geschaut. Doch, habe ich – und zwar hier. Dort erfährt man auch durchaus, was die Partei vor hat. Digitaler Binnenmarkt, Ausbau der Digitalen Infrastruktur, Wettbewerbsrecht fit machen für Digitalisierung und manches mehr. Doch der Leitspruch für die Wahl bleibt – und erschreckt.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

18 Kommentare

  1. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich bei ca. 50 h/km auch das Wahlplakat entdeckt und mich gefragt, ob ich auf die Schnelle klein darum herumgedruckte Neins und Nichts übersehen habe, die diesem Wahlslogan irgendeinen Sinn geben würden. So bleibt bei mir nur der Eindruck der Unwählbarkeit der FDP wegen völliger Verantwortungslosigkeit hängen.
    Übrigens habe ich den Wal-O-Mat zur Bundestagswahl genutzt, da hatte ich nur wenige Prozent Übereinstimmung mit der FDP, fast so wenig wie mit der AfD.

  2. kann denken am

    Erschreckend finde ich hier eher, dass der Gedanke nicht verstanden wurde, sich aber als Moralapostel aufgeschwungen wird.

    Der Slogan zielt doch offensichtlich auf die Vorstellungsvideos rund um Trump hin. Hier heißt es immer „America first. XXX second“. Während XXX das Land ist, das sich selbst vorstellt. Und es ist ironisch gemeint. Der jeweilige Autor findet ganz sicher sein Land, also XXX, wichtiger als Amerika.

    Kurzum ist die Nachricht aus dem Slogan: Wer einfach nur die Digitalisierung haben will ohne sich Gedanken über die Auswirkungen zu machen, ist so dumm wie Trump, da die Bedenken sind extrem wichtig und müssen beachtet werden.

    Leider also ein Artikel der Facebook-Gesellschaft: Mich über andere stellen und über diese lästern und urteilen, selbst wenn eigentlich ich derjenige bin, der es nicht verstanden hat. Und warum auch nachfragen, bevor ich mich über den anderen erhebe. Schade…

    • kann denken am

      es muss selbstverständlich „extrem wichtig sind“ und „beachtet werden müssen“ heißen.

  3. Hans Wurst am

    Der Artikel ist wohl leider irreführend und nicht gut rechachiert .. habe eben mal selbst ins FDP Wahlprogramm geschaut:

    In Sachen innere Sicherheit ist die FDP gegen eine flächendeckende Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und dagegen, „alle Bürger unter Generalverdacht zu stellen“: „Mehr gespeicherte Daten schaffen nicht mehr Sicherheit“, stattdessen ….

    Oder sogar komplett konträr zum Slogan auf dem Plakat:

    Digitalisierung
    Als „Anwalt der neuen Möglichkeiten der Digitalisierung“ will die Partei diese nicht nur > im Bildungssektor vorantreiben, sondern auch im Verkehr oder der Wirtschaft. Länderspezifische Zugangssperren zu Webseiten müssen laut FDP EU-weit aufgehoben werden. Die Liberalen unterstützen Open-Government, also einen freien Zugang zu Daten der Verwaltung und der Behörden, sowie die Netzneutralität. Dazu gehört für die FDP auch eine bessere Kontrolle eigener und ein Nutzungsrecht an eigenen Daten sowie ein Ausbau der Cybersicherheit Deutschlands und der EU. (S. 19-21, 38, 58)

    Ich habe so den Eindruck der Slogan des Plakates ist einfach nur extrem dumm gewählt

    • Der Artikel ist nicht schlecht recherchiert. Ich habe auch auf das Wahlprogramm verwiesen. Aber es ist nicht das Wahlprogramm auf dem Plakat abgedruckt, sondern eine Zusammenfassung. Diese Zusammenfassung kommt nicht von mir, sondern von der FDP – und eben diese Zusammenfassung steht auf dem Prüfstand. Wer „Digital first. Bedenken second.“ auf ein Plakat druckt, verspricht sich davon eine Wirkung. Man wirft sich einer bestimmten Zielgruppe an den Hals. Und das halte ich für falsch. Der Slogan ist nicht dumm gewählt, er ist bewusst gewählt – und wenn das nicht mit dem Wahlprogramm im Einklang steht, ist das nicht mein Fehler und auch nicht der jeder anderen Person, die diesen Slogan ernst nimmt (ernst nehmen muss), sondern der Fehler der Verantwortlichen.

      • Hans Wurst am

        > Der Artikel ist nicht schlecht recherchiert. Ich habe auch auf das Wahlprogramm verwiesen.
        Und gekonnt alle Datenschutzthemen darin bei der Recherche unter den Tisch fallen lassen und 3 andere Themen hervorgehoben …. na prima.

        > Der Slogan ist nicht dumm gewählt, er ist bewusst gewählt
        Kennen sie den Erfinder des Slogans? Woher kommt diese Information? –> Unterstellung! ( Darum schreibe ich „ich habe den Eindruck“ )

  4. Gerhard Jenders am

    Man muss sich schon ernsthaft mit dem Slogan auseinandersetzen! Bei diesem Text handelt es sich um eine Kurzfassung eines Vorschlags zur Mathematik-Didaktik. „Digital“ kommt vom Lateinischen digitus = Finger, „Digital“ rechnen bedeutet daher „mit den Fingern rechnen“. Der Vorschlag des Herrn Lindner besagt also, man solle in der mathematischen Bildung zunächst die Kinder (oder die jungen Erwachsenen wie auf dem Bild, falls sie noch nicht so weit sind) mit den Fingern rechnen lassen. Danach soll dann wohl die Einführung in Rechenregeln („Bedenken“) erfolgen. Seien wir froh, dass Politiker sich mit didaktischen Fragen befassen!

    • Ich nehme mal an, Ihr Posting war ein wenig ironisch angehaucht!?
      Falls nicht:
      Der „junge Erwachsene“, wie Sie ihn nennen, ist Lindner höchstpersönlich – Jahrgang 1979!
      In diesem Sinne: „Rasur first. Abgang second.“. ;)

  5. Der FDP muss man zugute halten, dass sie das Thema NICHT ignoriert, totschweigt, dümmlich oder falsch kommentiert. Sondern sich offensichtlich damit beschäftigt hat – wie Herr Schieb ja auch einräumt.
    Der Spruch bringt das Thema so auf den Punkt, dass man einen Aufhänger hat, sich damit zu beschäftigen – Marketing mit möglichst großer Zielgruppe eben. Da ist so etwas erlaubt. Herr Schieb, ich habe selten eine so undiffernzierte Ausführung von Ihnen gelesen, was soll das? Es geht nicht um gut oder schlecht, sondern um eine konstruktive Diskussion und Ausgestaltung. Dazu gehört mehr als Stammtischgeplapper.

  6. Wunderbar, herrlich, MITGEDACHT! Mit Einwänden, die es genau auf den Punkt bringen und das ohne Anglizismen. Ich könnte jubilieren bei Ihrem Text, Danke Herr Schieb, auch dafür, dass ich nicht allein über dieses hohle Wahlplakat den Kopf schütteln musste. (-;

  7. ulof bompft am

    Einmal CDU-Helmut-Kohl-Arschkriecherpartei, immer CDU-Helmut-Kohl-Arschkriecherpartei.

    Die Knallköpfe waren schon immer unwählbar. War echt schön ohne die im Bundestag.

  8. Naja, ins Wahlprogramm geschaut? Was ich da lese:

    -Keine staatliche Beteiligung an digitalen Grau- und Schwarzmärkten
    -Kein Verbot von kryptographischen Sicherheitssystemen
    -Weiterentwicklung von Verschlüsselungstechnologien
    -Grundrecht auf Verschlüsselung einführen
    -Digitale Infrastruktur auf den neusten Stand bringen und schützen

    klingt für mich mehr als vernünftig!
    Vielleicht sollte man Ironie in Werbeslogan verstehen?
    Aber wozu, es ist ja die FDP, also da ist man ja schon per se dagegen.
    Erstaunlich ist nur, würden die Bürger mal den Wahlomaten benutzen, würden viele erstaunt feststellen, dass bei ihnen am Ende FDP rauskommt, upps….

      • B. Franke am

        Wie haben Sie das geschafft?
        Haben Sie einen „Spezial“-Link oder haben Sie nur das Tool zur Landtagswahl benutzt?
        Der Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl ist doch erst ab 30. August 2017 freigeschaltet!

    • Kann doch keiner was dafür dass die FDP mit einem dämlichen Wahlplakat für Digitallemmingtum Wahlkampf macht, und dahinter etwas ganz anderes im Programm ist. Das ist der Fehler der FDP, nicht der der Leute die das dumme kotzbunte Ding auf der Straße sehen.

  9. Danke! Ich kann fast jeden Satz unterstreichen. Ganz meine Meinung, nur könnte ich es nicht so klar ausdrücken.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top