Drölfzig Menschen sterben jedes Jahr beim Lesen von Studien

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Drölfzig Menschen sterben jedes Jahr beim Lesen von Studien

Kommentare zum Artikel: 5

Sie passen einfach zu perfekt zum eigenen Kulturpessimismus. Wie soll man da die Augen vor diesen Zahlen verschließen, die gestern die Runde gemacht haben: In den Jahren 2011 bis 2017 sind 259 Menschen ums Leben gekommen, als sie versucht haben, ein Selfie von sich zu machen. Das waren fünfmal so viele Todesfälle, wie bei Angriffen durch Haie – da kamen im selben Zeitraum nur 50 Menschen ums Leben.

Die Zahl der Todesfälle durch Selfies stammt aus einer Untersuchung indischer Wissenschaftler. Sie trägt den Titel “Selfies: Segen oder Fluch?”, ist schon im September 2018 erschienen – und wurde nun offenbar noch einmal ausgegraben. Die Kommentare dazu bei Facebook, Instagram und Twitter, wie zu erwarten: Hahaha. Was für dumme Menschen. Hahaha. Natürliche Auslese. Hahaha. Selfies. Immer gewusst.

Man kann das so machen. Man kann aber auch berücksichtigen, dass von 2011 bis 2017 nicht nur 50 Menschen bei Angriffen durch Haie ums Leben kamen und dass es nicht nur 259 Menschen gab, die beim Versuch starben, ein Selfie zu machen. Sondern dass in einem Zeitraum von sechs Jahren auch im Schnitt 847 Menschen sterben, weil sie von einer Leiter fallen – und zwar allein in Deutschland. Und weltweit – es gibt verschiedene Schätzungen – bis zu 150.000 Menschen, weil sie von einem Blitz erschlagen werden.

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Als Fotos noch Fotos waren und keine Selfies – Dieter Nuhr auf WDR 2

Man kann sich aber auch die Frage stellen, wie hoch der Prozentsatz von Haiangriffen ausfällt, die tödlich ausgehen. Dann käme man auf rund 6 Prozent: Das International Shark Attack File in Florida zählt für das vergangene Jahr 66 nicht-provozierte Haiangriffe weltweit. Darunter gab es am Ende vier Todesfälle.

Und dann kann man sich die Frage stellen, wie hoch der Prozentsatz von Selfies ausfällt, die tödlich ausgehen. Es gibt zwar wenige offizielle Angaben dazu. Google hat zwar einmal die Zahl von 93 Millionen Selfies pro Jahr ins Spiel gebracht – sie stammt aber aus dem Jahr 2014, bezog sich nur auf Android und traf nur auf die verschickten, aber nicht auf alle aufgenommenen Selfies zu. Aber selbst mit dieser Zahl lässt sich recht zuverlässig sagen: Fast 0 Prozent aller Selfie-Aufnahmen gehen tödlich aus.

Man kann all das berücksichtigen. Aber dann passt es eben nicht so perfekt zum eigenen Kulturpessimismus.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

5 Kommentare

  1. SO NICHT! am

    Haben Sie überhaupt begriffen, was Sie da tun, Herr Horn?
    Sie relativieren Menschenleben – gerade so, als seien weniger Tote weniger bedauernswert und weniger schlimm als mehr Tote.
    Das erinnert fatal an die Argumentation der Nazi-Apologeten und Holocaust-Leugner, es seien ja viel weniger als 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden, deswegen sei es nicht so schlimm gewesen.
    Da ich Sie mit denen nicht gleichsetze und auch nicht gleichgesetzt sehen möchte, hoffe ich sehr, daß Sie wenigstens NICHT begriffen haben, was Sie da tun…

    • ” gerade so, als seien weniger Tote weniger bedauernswert und weniger schlimm als mehr Tote.”

      äh… ja, das ist wohl so. Wenn heute im Straßenverkehr nur noch 3.000 und nicht mehr 13.000 Menschen ums Leben kommen, ist das eine positive Entwicklung. Ihrer Argumentation zufolge, wäre beides gleich schlimm. Ich hoffe, das sehen Sie nicht wirklich so.
      Wenn tatsächlich 259 Menschen bei oder gar indirekt durch Selfies ums Leben gekommen sind, ist jeder Einzelfall schlimm, aber auch nichts, was die Gesellschaft zutiefst beunruhigen müsste.

  2. 93 Mio. Selfies pro Jahr? Weltweit (über Android)? Das wären 255.000 am Tag – ich hätte getippt, dass das ungefähr die Selfie-Anzahl ist, die pro Tag in Köln verschickt wird aber nicht weltweit.

  3. Hah. Sehr guter Kommentar. :)
    Wobei man natürlich sagen muss, dass das Thema “Tote durch Selfie” durchaus besprochen werden darf. Nicht wenn es darum geht, Selfies per se als Gefahr darzustellen. Aber dann, wenn man darauf Aufmerksam machen will, dass man keine Selfies auf Gleisen, an Klippen oder bei sonstigen teils waghalsigen “Stunts”machen sollte. Dann hat (hätte?) diese Meldung durchaus ihre Berechtigung.

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