Ein Computerspielpreis ohne Fremdschämen

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Ein Computerspielpreis ohne Fremdschämen

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Es konnte nur besser werden. Als ich voriges Jahr den Deutschen Computerspielpreis angesehen habe, war ich erst neugierig: Welches sollten die besten Games aus Deutschland sein? Es hat nicht lange gedauert, und meine Neugier wandelte sich schnell in Fremdscham und blankes Entsetzen.

Man musste sich das wie eine Oscar-Nacht vorstellen, in der die Moderatorin die Preisträger auf die Bühne bittet, um sie dort vor Publikum zu fragen, warum sie nichts Anständiges machen und warum Kino so großer Mist sei.

Das war ungefähr die Stimmung vom DCP 2019. Mit Ina Müller führte zudem eine Moderatorin durch den Abend, die anscheinend weder Lust auf den Preis noch auf die Preisträger hatte.

Ich habe jetzt wieder geguckt. Und die Corona-Krise ist tatsächlich das Beste, was dem Preis passieren konnte. Dieses Jahr gab es keine Gala-Veranstaltung mit Publikum, keine langwierigen Politiker-Ansprachen, kein Dauerfeuer der Peinlichkeiten.

Die Preisverleihung des DCP 2020.

Statt Gala gab es eine große Videokonferenz: Laudatoren, Preisträger waren von zuhause oder aus dem Büro zugeschaltet, die meisten trugen gar nicht erst Abendkleid oder Anzug. Bei jedem zweiten Videocall gab es Probleme mit Ton oder Bild. “Hört ihr mich?” – “Hallo? Ich höre euch.” – “Hallo? Hallo?” Das war das Gegenteil von glatt und auf Hochglanz produziert – und gerade deswegen hat es Spaß gemacht.

Statt Ina Müller gab es Barbara Schöneberger, die zwar keine Ahnung von Videospielen hat, ihre Macherinnen und Macher aber ernst nimmt. Und es gab mit Nino Kerl einen zweiten Moderator. Dem großen Massenpublikum ist er eher unbekannt, dafür kennen ihn fast alle Preisträger und Laudatorinnen – und er kennt sie und ihre Spiele.

Auch die Gewinner-Spiele selbst waren in jeder der 15 Kategorien würdige Gewinner: Das beste Spiel wurde die Aufbausimulation “Anno 1800” – in den vergangenen Jahren ist in Deutschland kaum ein anderes Spiel so hochwertig produziert worden. Eine komplette Liste der Preisträger erscheint auf der Seite vom Deutschen Computerspielpreis.

Games im Mittelpunkt

Kurz: Die DCP-Notlösung hat dafür gesorgt, dass wieder die im Mittelpunkt standen, die der Preis auszeichnen will – die Spiele und ihre Entwickler.

Großen Applaus haben die Gewinner mangels Publikums nicht bekommen. Aber Anerkennung und insgesamt 590.000 Euro Preisgeld. Und wir haben eine Preisverleihung bekommen, die diese Bezeichnung auch verdient. Ohne Gala, ohne Publikum und vor allem ohne Peinlichkeiten. Das darf nächstes Jahr gerne wieder so sein.

Über den Autor

Mit "Doom" fing es an; seitdem haben digitale Spiele Thomas Ruscher nicht mehr losgelassen. Wenn er nicht gerade selbst spielt, schreibt und spricht er über Battle Royale, Open Worlds, eSport, Roguelikes und alles, was sonst noch mit Games zu tun hat.

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