Eltern posten ihre Kinder

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Eltern posten ihre Kinder

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Füttern, Windeln wechseln, nichts Peinliches Posten. Das kann doch eigentlich so schwer nicht sein. Ist es aber doch. Es fängt beim Ultraschall-Bild an. Nach dem Knautschgesicht aus dem Kreißsaal: ein professionelles Fotoshooting – Baby nackt im Blumentopf. Dann verschmierter Mund beim ersten Leberwurstbrot, zotteliges Schaf beim Krippenspiel usw. Natürlich bin ich froh, dass es genau solche Fotos und die dazugehörigen Geschichten auch von mir gibt, aber ich bin eben auch froh, dass sie in einem Album kleben, das bei meinen Eltern im Wohnzimmerschrank steht. Dass sie sie nicht bei Facebook oder Instagram gepostet oder als eigene Profilbilder bei Whatsapp missbraucht haben.

Recht am eigenen Bild

Auch Kinder haben Rechte! Zum Beispiel Persönlichkeitsrechte, zu denen das „Recht am eigenen Bild“ gehört. Eltern dürfen am Anfang zwar allein über die Veröffentlichung von Bildern ihrer Kinder entscheiden, aber sie sollten sie bei der Frage, ob es okay ist, dass die Öffentlichkeit sie so sieht, auf jeden Fall mit einbeziehen. Ab spätestens 14 müssen Kinder bei der Veröffentlichung von Fotos sogar ihr ausdrückliches Einverständnis geben – rechtlich geht es da um die erreichte „Einsichtsfähigkeit“. Mehr über die Rechte von Kinder gibt’s u.a. beim „Deutschen Kinderhilfswerk (DKHW)“:

„Jedes Kind hat das Recht auf Privatsphäre (Art. 16, UN-Kinderrechtskonvention). Daraus resultiert die Freiheit eines jeden Kindes, selbst zu entscheiden, was und wieviel es von sich in der Öffentlichkeit, d.h. auch im Internet, über sich preisgibt.“

Vielen Eltern scheint das allerdings nicht klar oder sogar egal zu sein. Bei einer aktuellen Umfrage im Auftrag des DKHW ist herausgekommen: 34 Prozent der befragten Erwachsenen, die Bilder und Informationen von Kindern posten, beziehen Kinder dabei gar nicht ein. 30 Prozent informieren die betroffenen Kinder nur. Dass sie vor dem Posten eine explizite Erlaubnis der Kinder einholen, gaben nur 31 Prozent der Befragten an. Unglaublich, wenn man mal darüber nachdenkt, dass wohl niemand von uns ein Bild von einem erwachsenen Freund veröffentlichen würde, ohne ihn vorher zu fragen. Das Kinderhilfswerk hat ausgerechnet, dass in Deutschland fast vier Millionen Kinder und Jugendliche  von der Veröffentlichung ihrer Bilder oder Informationen in sozialen Medien betroffen sind. Kurz nach der Studie kam diese Kampagne.

Liebe Mama, lieber Papa,wenn wir uns in 15 Jahren zuhause das Fotoalbum gemeinsam anschauen, dann kann ich bestimmt…

Posted by Deutsches Kinderhilfswerk e.V. on Donnerstag, 9. November 2017

Mit insgesamt sechs Fotos weist das Kinderhilfswerk seit Anfang November jetzt auf die Privatsphäre von Kindern hin. „Ein großer Teil der Erwachsenen macht sich anscheinend keine Gedanken über die Risiken, dass Bildmaterial von ihren Kindern in falsche Hände gerät. Auch scheint es nur eine knappe Mehrheit zu interessieren, welche Rechte sie dabei an die Plattformen abgeben“, sagt Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes. Und was ist zum Beispiel mit Cybermobbing? Da könnten frei zugängliche Bilder möglicher Opfer möglichen Tätern sehr gut weiterhelfen.

Eltern sensibilisieren

Wie einfach man an veröffentlichte Bilder kommt hat zum Beispiel die Facebook-Seite „Little Miss & Mister“ gezeigt, die Nutzerprofile nach öffentlich geposteten Kinderbildern abgesucht und geteilt hat. Inzwischen ist sie offline. Eine etwas andere Herangehensweise hat die Initiative: „Kinderfotos raus aus dem Netz“. Die Kollegen von Mimikama aus Österreich haben vor Kurzem über sie berichtet.

Posted by Kinderfotos raus aus dem Netz on Montag, 13. November 2017

Auf der Facebook-Seite sollen Eltern sensibilisiert werden, indem sie die Perspektive wechseln. Der Macher Matthias Seeba-Gomille postet bewusst keine Kinderbilder, sondern unterschiedliche Motive, die gefallen oder auch andere Arten von Emotionen erregen und will damit zeigen: Genauso, wie ihr diese Bilder seht, könnten einige Menschen eure Kinderfotos sehen.

Nicht über, sondern mit Kindern reden

Aber es muss ja gar nicht so schlimm werden. Ich finde, es reicht doch schon, wenn die betroffenen Kinder mit den geposteten Bildern nicht einverstanden sind. Das BBC Nachrichtenangebot für Kinder „newsround“ hat das gemacht, was für Eltern eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Sie haben die Kinder selbst gefragt, was sie vom „Sharenting“ halten: Mehr als zwei von fünf Kindern haben zwar gesagt, dass sie sich über gepostete Bilder von ihnen freuen. Aber mehr als eins von vier Kindern hat eben auch gesagt, dass es sich dabei unwohl fühlt. Mir ist klar, dass man mit Babys schlecht über ihrer Meinung zur Veröffentlichung von Bildern reden kann. Aber das heißt doch nicht, dass es deswegen okay ist, sie einfach ungefragt zu posten. Weil es nicht möglich ist, sicher zu klären, dass der betroffene Mensch einverstanden ist, heißt es sogar: Man muss es lassen!

Eine Orientierungshilfe ist auch dieser Bericht einer Mutter, die früher das Online-Magazin „Motherland“ gemacht hat und sich jetzt erstmal ganz aus sozialen Medien zurückgezogen hat. Im „Guardian“ schreibt sie, dass die Schwelle, persönliche Dinge zu posten mit den Jahren immer weiter gesunken ist, bis hin zu einer „emotionalen Inkontinenz“, die eben auch ihre drei Kinder betraf. Sehr nachvollziehbar ist aus meiner Sicht auch die Sorge, wie sie ihrer ältesten Tochter, einen vorsichtigen Umgang mit sozialen Medien beibringen soll, während sie selber jedes Detail des gemeinsamen Lebens öffentlich macht. Und damit ist sie nicht allein. In einer Befragung der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom (S. 35) haben im Sommer mehr als die Hälfte der befragten Eltern im Vereinigten Königreich angegeben, gar keine Fotos und Videos von ihren Kindern in sozialen Medien posten. Der genannte Grund ist bei fast 90 Prozent die Sorge um die Privatsphäre der Kinder.

Lieber mal ein Bild zu wenig als zu viel posten

Baby, dessen Gesicht mit einem weinenden Smiley verfremdet wurde. (Rechte: privat/Josef Knocke)

Mama und Papa: Danke, dass Ihr solche Bilder von mir zwar gemacht, aber nie gepostet habt!

Sie tragen schließlich die Verantwortung für diese kleinen Menschen. Und dazu gehört eben auch, dass man Elternstolz nicht mit Selbstdarstellung verwechselt. Kinder gehören uns nicht. Und es ist respektlos, Sachen zu machen, weil man selber sie in Ordnung findet. Das Kind muss sie in Ordnung finden. Und da ich mir nicht vorstellen kann, dass auch noch so eng mit ihren Kindern verbundene Papas oder Mamas absehen können, welches Wesen sich da gerade entwickelt – ob es eher ein verschlossener Typ ist, dem mit Anfang 20 schon ein unverdächtiges Partyfoto unangenehm ist, oder ein Poser, der an jeder Ecke ein Selfie postet: Lieber mal ein Bild zu wenig als zu viel posten!

Für die, die trotzdem nicht auf Kinderbilder in sozialen Medien verzichten wollen: Es gibt ja z.B. durch Filter, Emojis, die jeweilige Motivauswahl oder kreative Perspektiven auch noch andere, manchmal sogar sehr charmante Wege, den Alltag mit Kindern mit der Öffentlichkeit zu teilen, ohne dass man die Persönlichkeitsrechte der Kurzen verletzt.

Über den Autor

Neben dem Studium als Zeitungs- und Radiofrau angefangen – alles, was der Lokaljournalismus hergibt. Dann von Ostwestfalen ab ins Rheinland. Nach Köln. Zum WDR: 1LIVE. Und von da direkt ins Online-Volontariat. Seitdem auch beruflich im Netz zuhause.

1 Kommentar

  1. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Vielen Dank, Frau Knocke, für diesen gleichermaßen verdienstvollen wie lange überfälligen Artikel! :-)
    Leider muß man befürchten, daß die, die er angeht, ihn gar nicht lesen:
    Nämlich die m.E. bereits schwer smartphone- und onlinesuchtkranken, meist: jungen, Eltern, die von den asozialen Netzwerken wie diesem Facebook, WhatApp und deren Komplicen bewußt und aussschließlich aus reiner Profitgier in die Abhängigkeit getrieben worden sind:
    Ebenso überfällig wie Ihr Artikel sind hinsichtlich der um sich greifenden Smartphone- und Online-Sucht Ausstiegshilfen und Prävention.

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