Es lebe die Banalität: Hühnchen verdrängt Oscars

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Es lebe die Banalität: Hühnchen verdrängt Oscars

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Endlich hat Twitter mal wieder eine Erfolgsmeldung. Zwar keine, die Twitter selbst zu verantworten hätte, aber immerhin: Der Nugget-Tweet #NuggetsForCarter hat einen zwei Jahre bestehenden Rekord gebrochen. Der am 6. April 2017 auf die Reise geschickte Tweet ist mittlerweile häufiger retweetet worden als jede andere Kurznachricht, wie Twitter offiziell bekannt gibt. Über 3,43 Millionen Retweets, das ist mehr als der berühmte Oscar-Tweet von Ellen DeGeneres aus dem Jahr 2015 mit Bradley Cooper, Brad Pitt, Kevin Spacey und anderen im Bild.

Brille mit Twitter-Logo; Rechte:dpa/Picture Alliance

Twitter verteilt in erster Linie Belanglosigkeiten

Neuer Rekordhalter in Sachen Retweets

Trotz der gesammelten Prominenz ist das Oscar-Foto vom Thron gestürzt worden. Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Der US-Amerikaner Carter Wilkerson hat auf Twitter die Fastfood-Kette Wendy’s gefragt, wie viele Retweets er einsammeln muss, damit er ein Jahr lang kostenlos Chicken Nuggets der Bratbude essen  kann. „18 Millionen“, lautete die nüchterne Antwort der Ketten-Manager. Fünf Mal so viel wie der bisherige Rekord. Im Grunde unerreichbar.

Doch Carter Wilkerson hat die Herausforderung angenommen. „Betrachtet es als erledigt“, schreibt er auf Twitter. „Ein Mann braucht seine Nuggs.“ Die Idee fanden viele offensichtlich so sympathisch, dass sie Wilkerson geholfen haben. Der Tweet wurde retweetet, was das Zeug hält – und das hat ihn am Ende zum neuen Retweet-König gemacht (allerdings auch nur weil Carter auch in einigen TV-Sendungen zu sehen war). Ein Mann aus der Provinz schlägt einen weltberühmten Fernsehstar wie Ellen DeGeneres – allerhand! Das sind Geschichten, wie gemacht für die Sozialen Netzwerke: Bedeutungslos, emotional, mühelos von jedem zu verstehen. So lässt sich der Erfolg erklären.

Narzissmus und Kommerz

Doch lässt man den ganzen belanglosen Quatsch mal beiseite und schaut etwas genauer hin, wird etwas anderes deutlich: Die oft als Heilsbringer gefeierten sogenannten Sozialen Medien sind offensichtlich am Ende nur Diener des Narzissmus (Selfies) und des Kommerz. Nein, eigentlich nur des Kommerz, denn wie sich später herausstellte, hat Samsung rund 20 Millionen Dollar für das Oscar-Selfie bezahlt. Brutales Product Placement. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gut möglich, dass auch die Carter-Aktion ein PR-Feldzug ist.

Was man aber definitiv sagen muss: Die wirklich wichtigen Themen spielen keine besonders große Rolle in den Sozialen Medien. Es sind die bunten, lauten, knallenden Themen, die es auf Facebook, Twitter und Co. zu Aufmerksamkeit bringen. Twitter liefert den Beweis. Kein politisches Ereignis, keine sportliche Leistung, keine wissenschaftliche Erkenntnis schafft es, am meisten Aufmerksamkeit zu bekommen. Nein, es schafft ein Gruppen-Selfie aus Hollywood und jetzt der Wunsch eines Mannes, sich ein Jahr lang kostenlos mit fettigem Hühnchen satt zu essen. Traurig, findet Ihr nicht?

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

1 Kommentar

  1. Ich hoffe diese Geschichte mit den ach so sozialen Medien (Keine Ahnung was daran so sozial sein soll), neigt sich in entferntester Zukunft dem Ende zu. Das nervt nur und ist nicht auf Dauer mehr länger hinzunehmen. Mag ja sein, das andere davon nicht genug bekommen, aber es ist langweilig und macht nur lustlos.

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