F8: Facebook setzt auf Augmented Reality – und erfindet das Third Life

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F8: Facebook setzt auf Augmented Reality – und erfindet das Third Life

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Am Ende war Facebook der Spott sicher. Zum Auftakt der jährlichen Entwicklerkonferenz F8 hat Mark Zuckerberg gestern vorgestellt, was sein Konzern für das „next big thing“ hält: Facebook Spaces – eine virtuelle Welt, in der wir uns als Nutzer mit unseren Avataren begegnen können, um uns miteinander zu unterhalten, zu spielen oder die Gegend zu erkunden.

War da nicht was? Aber, ja! Wer ein einigermaßen gutes Gedächtnis hat, kann sich eine solche virtuelle Welt nicht vorstellen, ohne dabei an den Hype um Second Life zu denken. Das Paralleluniversum von Linden Lab sammelte in den 2000ern allein in Deutschland Hunderttausende Nutzer. Unternehmen pumpten viel Geld in virtuelle Firmensitze. Alle wollten irgendwie dabei sein – bis die Blase platzte.

Erschafft Facebook ein neues Second Life?

War Second Life einfach seiner Zeit voraus? Könnte sich ein „Third Life“ heute durchsetzen, weil mehr daraus wird als ein ruckeliges Computerspiel – mit Virtual Reality, künstlicher Intelligenz und entsprechender Rechenpower? Oder muss man so lange im Silicon Valley leben wie die Entwickler bei Facebook, um eine Begeisterung für diese Idee – auch über Computerspiele, Lernansätze und Pornos hinaus – entwickeln zu können?

Facebook Spaces

Facebook Spaces – die Ähnlichkeit zu Second Life ist nicht zu übersehen.

Eine erste Demo der Facebook Spaces gab es schon zur F8 im vergangenen Jahr zu sehen. Jetzt ist die Betaversion am Start: Nutzer der Virtual-Reality-Brille Oculus Rift können dort ab sofort mit ihren Avataren eine virtuelle Welt besuchen, die aus jeweils einem 360-Grad-Foto besteht. Wer keine Oculus Rift besitzt, kann sich über die Videochatfunktion im Facebook Messenger dazuschalten lassen. Er erscheint in der virtuellen Welt dann als übergroßes Handydisplay, auf dem er im Videobild zu sehen ist.

Alle anderen Nutzer sind – ganz wie in Second Life oder zuletzt von den Nintendo-Mii-Avataren gewohnt – als Comic-Avatare zu sehen. Deren Aussehen wird von einer Software aus den bei Facebook hochgeladenen Nutzerfotos generiert. Seriös wirkt diese spielerische Grafik vielleicht nicht. Sie ist laut den Entwicklern bei Facebook aber die beste Variante, denn „reale Avatare“ für die virtuelle Welt würden noch künstlicher wirken.

Die Betaversion ist nun in der Welt. Es kommt jetzt darauf an, wie die Nutzer sie annehmen – oder ob die Facebook Spaces im Laufe der Zeit noch Updates verpasst bekommen, die ein paar mehr Anreize für die Nutzer schaffen, in der virtuellen Welt abzutauchen.

Mark Zuckerberg

„Ich habe dir ein bisschen Käsekuchen übrig gelassen“: Virtuelle Sticker am echten Kühlschrank – mit diesem Beispiel versucht Mark Zuckerberg, auf die Augmented-Reality-Ansätze von Facebook neugierig zu machen. Warum wir virtuelle Sticker brauchen, wenn es echte doch auch tun, sagt er nicht.

Augmented Reality verändert den Messenger

Spannend sind die Ansätze, die Facebook in der Augmented Reality verfolgt: Der Konzern bietet Entwicklern eine Schnittstelle und Tools, mit denen sie Masken, Effekte oder Rahmen für die Kamerafunktion erstellen können. Dass Snapchat in einem Update nur wenige Stunden vorher Funktionen als „World Lenses“ freigeschaltet hat, die genau in dieselbe Richtung gehen, ging dank der Facebook-Vorstellung völlig unter.

Dreidimensionale Filter und Effekte, die sich der Umgebung anpassen, klingen zunächst nach Spielerei. Nutzer erhalten damit aber immer stärker die Möglichkeit, die echte Welt mit virtuellen Inhalten anzureichern – und diese an den entsprechenden Orten auch ihren Freunden verfügbar zu machen. Ob dabei Funktionen herausspringen, die mehr sind als ein schlichtes „Weil man’s kann“, liegt jetzt in den Händen der Entwickler.

Das Nachsehen bei dieser Entwicklung haben die Nutzer, die den Messenger ausschließlich für seine Nachrichtenfunktion schätzen. Facebook plant, die App auch über die Story-Funktion und die zusätzlichen AR-Filter hinaus weiter aufzubohren. Geplant sind eine Suchfunktion für Chatbots, neue Spiele oder Anbindungen zum Beispiel für Essensbestellungen. Wem das alles irgendwann zu viel wird, dem bleibt wohl nur der Wechsel zu WhatsApp oder einem anderen Messenger.

Mark Zuckerberg

„Wir haben viel zu tun, das macht die Tragödie von Cleveland noch einmal deutlich.“ In wenigen Sätzen zu Beginn seiner Keynote geht Mark Zuckerberg auf die Verantwortung seines Konzerns ein.

Zuckerberg äußert sich zu kritischen Punkten

Zum Schluss sei noch der bemerkenswerte Auftakt der F8-Keynote genannt: In wenigen Sätzen ging Mark Zuckerberg auch auf die zum Teil harsche Kritik ein, die dem Konzern zurzeit entgegenschlägt.

„Wir werden weiter alles tun, um Tragödien wie diese zu verhindern!, sagt Zuckerberg mit Blick auf einen Mann aus Cleveland, der den Mord an einem 74-Jährigen gefilmt und das Video anschließend bei Facebook hochgeladen hatte. Dort war es bis zu drei Stunden lang zu sehen, bevor es von Facebook gelöscht wurde. Schon kurz im Anschluss räumte der Konzern Fehler ein. Auch zum Thema Falschmeldungen äußerte sich Zuckerberg – wenn auch ohne das Thema direkt zu benennen. „Wir möchten weiter dazu beitragen, eine informiertere Gesellschaft zu bauen“, sagte er.

Ein paar kurze Anmerkungen also nur, bevor es zum großen Virtual-und-Augmented-Reality-Rundumschlag ging. Aber auch kein Schweigen mehr.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

3 Kommentare

  1. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Ob „second“, „third“ oder „fourth“ Life – alle haben nur eine Funktion und Bedeutung:
    Nämlich die Flucht vor dem einzig wichtigen „FIRST“ Life, auch „Wirklichkeit“ oder „Realität“ genannt.
    Als ob es nicht auch ohne „second life“ schon zu viele Menschen gäbe, die – mit gesellschaftszerstörender Tendenz – in Smartphone-Sucht abgeglitten wären und abgleiten, wird im obigen Artikel in höchst bedenklicher Weise völlig unkritisch für noch mehr Suchtmittel – eben: „Second Life“regelrecht Werbung betrieben.
    Wo ist in Digitalistan wenigstens das Gegengewicht in Gestalt von Beiträgen, die auf die suchterzeugende Wirkung von „second life“ und vergleichbarem gefährlichem Unsinn deutlich hinweisen und Wege aus der Sucht für bereits Abhängige aufzeigen?

    • @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Es gibt eine Reihe ernsthafter Anwendungen von Virtual Reality. Dazu gehören die von mir erwähnten Lernansätze zum Beispiel für Lerngruppen, die nicht direkt zusammensitzen können. Besprechungen großer Weltkonzerne können dazugehören, aber auch Verkaufsmöglichkeiten für Reisebüros, die zum Teil schon heute mit Virtual-Reality-Brillen ausgestattet werden, um ihren Kunden die Reiseorte schon einmal „zeigen“ zu können. Ich sehe in dieser Technik keine gesellschaftszerstörende Tendenz, sondern eine Gefährdung – wie beim Smartphone auch – eher bei Menschen mit einer gewissen Prädisposition.

      Weil wir hier nicht über „Suchtmittel“ sprechen (die Diskussion führten wir an anderer Stelle in den Kommentaren schon öfter; darauf gehe ich an dieser Stelle nicht mehr in allen Einzelheiten ein), müssen wir auch keinen Standard-Disclaimer unterbringen. Eine Berichterstattung über Suchtaspekte in der Onlinenutzung findet im WDR regelmäßig statt, zum Beispiel zu den Veröffentlichungen der Jahresberichte der Drogenbeauftragten der Bundesregierung.

  2. Dennis Horn am

    @seppl: Wir haben Ihren Kommentar gelöscht. Bitte beachten Sie die Blogregeln und bleiben Sie in Kommentaren beim Thema des Blogartikels. Danke!

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