Facebook-Datenskandal: Bis zu 310.000 deutsche Nutzer betroffen

https://blog.wdr.de/digitalistan/facebook-datenskandal-bis-zu-310-000-deutsche-nutzer-betroffen/

Facebook-Datenskandal: Bis zu 310.000 deutsche Nutzer betroffen

Kommentare zum Artikel: 4

Zum ersten Mal seit Beginn des Datenskandals hat Facebook selbst offizielle Zahlen herausgegeben. Bis zu 87 Millionen Nutzerinnen und Nutzer könnten vom Missbrauch ihrer Daten betroffen sein. Der überwiegende Teil, nämlich rund 71 Millionen Menschen, kommt aus den USA. Auf diese Zahl kommt man laut Facebook-Chef Mark Zuckerberg, wenn man die Freundeskreise der 270.000 Nutzerinnen und Nutzer hochrechne, deren Daten an die Facebook-App “thisisyourdigitallife” übertragen wurden – und damit auch an Cambridge Analytica. Es handele sich um eine eher konservative Schätzung – und heiße nicht, dass alle 87 Millionen Nutzerinnen und Nutzer wirklich betroffen sind. Cambridge Analytica selbst spricht in einer Reaktion darauf von nur 30 Millionen Datensätzen.

Zuckerberg hat diese Zahlen gestern Abend in einer Telefonkonferenz mit Medienvertretern bekannt gegeben. Von der deutschen Facebook-Niederlassung hieß es im Anschluss, dass in Deutschland bis zu 310.000 Menschen betroffen seien – also weniger als ein Prozent der insgesamt 32 Millionen Nutzerinnen und Nutzer hier. Die Facebook-App “thisisyourdigitallife” hätten in Deutschland nur 65 Menschen genutzt.

Über die reinen Zahlen hinaus hat Mark Zuckerberg in der knapp eine Stunde langen Telefonkonferenz demonstrativ und bemerkenswert oft um Entschuldigung gebeten. Facebook habe nicht genug gegen Falschmeldungen, Hasskommentare und Wahlbeeinflussung getan. Seine Aussage, es sei eine “ziemlich verrückte Idee, dass Falschmeldungen auf Facebook auf irgendeine Weise die Wahl beeinflusst haben könnten” sei ein Fehler gewesen. Zu sehr auf die Vernetzung der Welt und zu wenig auf die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer zu achten, genauso.

Top 10 der vom Datenskandal betroffenen Länder

Die Top 10 der vom Datenskandal betroffenen Länder laut Facebook: die USA, die Philippinen, Indonesien, Großbritannien, Mexiko, Kanada, Indien, Brasilien, Vietnam und Australien – Deutschland kommt mit bis 310.000 betroffenen Menschen direkt dahinter.

Auch seine eigene Verantwortung habe Facebook über die Jahre nicht erkannt. “Wir dachten, wir geben den Leuten Werkzeuge in die Hand, und es ist ihre Verantwortung, wie sie diese Werkzeuge einsetzen”, so Zuckerberg. Auch das sei ein Fehler gewesen: “Mit dem Blick darauf, wo unser Platz in der Gesellschaft heute ist, müssen wir unsere Verantwortung wahrnehmen – und damit auch, wie die Leute diese Werkzeuge einsetzen.” Das gelte auch für die Kontrolle von Facebook-Apps und deren Entwicklern.

https://vimeo.com/262224515

Bemerkenswert war vor allem diese Aussage von Zuckerberg: “Im Leben geht es darum, aus seinen Fehlern zu lernen und herauszufinden, was zu tun ist, um weiterzukommen.” Genau das war bisher die Strategie von Facebook: erst einmal machen und schauen, was passiert – und sollte man damit stolpern, passt man die Dinge eben an. Man könnte diese Strategie auch weniger euphemistisch beschreiben: als verantwortungslos.

Es wird jetzt spannend, zu beobachten, wie viel hinter dieser zur Schau getragenen Einsicht steckt – ob Facebook tatsächlich seine Verantwortung erkennt und weitere Schritte geht, um das Vertrauen vieler Nutzerinnen und Nutzer zurückzugewinnen. So lange sind wir selbst in der Pflicht, unser Profil bei Facebook möglichst gut zu sichern.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

4 Kommentare

  1. Richard Dohmen am

    Ich habe facebook mal interessiert eingerichtet und heute gelöscht, wenn man das denn glauben kann. Zu viele Rechts- und Regelverstöße, die nicht mal mehr mit gutem Willen erträglich sind. Soziale Beziehungen leben von gemeinsamen und verlässlichen Regeln. Von der Idee “Menchen sozial zu verbinden” hat facebook sich sehr weit entfernt und kanibalisiert Individuen, Medien und letztlich jede Gesellschaft.

    Umso mehr bin ich immer noch verwundert, wie viele Medien und Journalisten nach wie vor auf dieser Plattform präsent sind. Muss man da wirklich umsonst den eigenen “Content” (mit “Qualität) platzieren? Oder fehlt der Mut sich abzuheben? Reichweite und Quote sind nicht alles.
    Alle die diese Werbeagentur namens facebook nutzen, legitimieren ihre Methoden. Warum soll sich der unkritische User abwenden, wenn auch “Qualitätsmedien” kein Problem mit facebook haben. Zusammen mit der Politik und allen anderen Akteuren.

    Es wird zwar über den Skandal berichtet, aber was bei facebook wirklich läuft, kann nicht geklärt werden. Medienkompetenz wäre doch mal ein Bildungsauftrag.

    Nur mal ein Gedankenspiel: Europäische Medien und Medienschaffende wenden sich ab. Der Donnerhall wäre ein Signal. Dann übernehmen sie Threema, Pinterest und Diaspora und entwickeln endlich eigene Plattformen. Wirklich unmöglich? Statt den Giganten mit Regelungen hinterherzulaufen, liefert man ihnen endlich mal Wettbewerb.
    Bequemlichkeit ist keine Haltung. Der Herde zu folgen, ist nicht innovativ.

    • Dennis Horn am

      @Richard Dohmen: Ich frage mich immer, ob man bestimmte Punkte in der Diskussion (“verwundert, wie viele […] nach wie vor auf dieser Plattform präsent sind”; “Werbeagentur namens Facebook”) so noch diskutieren kann. Facebook ist aus meiner Sicht kein “normales Unternehmen” mehr, sondern in den vergangenen Jahren zum elementaren Bestandteil unserer Kommunikations- und Informationsgesellschaft herangewachsen. Man würde sich da nicht von einem einfachen Unternehmen abwenden, sondern von einem Teil der Infrastruktur – und das ist tatsächlich nicht so einfach möglich. Deshalb plädiere ich für eine Regulierung von Facebook, so wie sie in Bemühungen auf EU-Ebene ja zurzeit immer stärker sichtbar wird.

  2. bred&games am

    moin,
    Ich warne schon seit fast 10 Jahren -auch an dieser Stelle- vor FB &Co. und habe immer noch keinen account , weder in FB, whatsapp, Google+ noch sonstige “Fame&Proud”-Plattformen -außer annonym auf twitter!
    Das kann Ich jedem nur empfehlen!
    #DeleteFb

  3. “Das gelte auch für die Kontrolle von Facebook-Apps und deren Entwicklern.”
    Das gilt beim “Schwesterchen” WhatsApp aber scheinbar schon nicht mehr? Oder warum ist so ein Stalkingwerkzeug wie chatwatch.net immer noch nicht von Zuckerberg verbannt worden bzw. warum wurde die Lücke in WhatsApp, die solche Schnüffelschweinereien überhaupt erst ermöglicht, immer noch nicht behoben?
    „Im Leben geht es darum, aus seinen Fehlern zu lernen und herauszufinden, was zu tun ist, um weiterzukommen.“
    Diesen kopierten Klugschei$erspruch glaube ich dem Typen allerdings auf’s Wort! “Was zu tun ist, um weiterzukommen”, heißt übersetzt, künftig noch geschicktere Hintergrundalgorithmen (die man eben nicht per Securityinterface “benutzerfreundlich deaktivieren” -lol- kann) zu entwickeln, um noch mehr Werbung vertickern zu können.
    Fazit: Einem Zuckerberg kann man nicht trauen, einen Zuckerberg kann man nur meiden!
    Offtopic:
    Gespannt darf man auch sein, (mich Ihrer Schlagzeile bedienend) wie sich der
    “Post-Datenskandal: Bis zu ? Millionen deutsche Nutzer betroffen” weiterentwickeln wird.
    Aber immerhin hat hier FDP-Lindner schon im Wahlkampf vollmundig versprochen: “Digital first. Bedenken second.” und er hat sogar sein Wort gehalten.
    Möglicherweise wollten Zuckerberg und Cambridge Analytica ja auch nur “statistische Wahrscheinlichkeitswerte in 6,6 Haushaltsmikrozellen” darstellen und es mangelte ihnen einfach nur an der postalischen Eloquenz?
    Man weiß es nicht und letztlich ist es wohl auch egal, weil sich eh wieder alles in gewohnter Konsequenzlosigkeit auflösen wird. Und außerdem ist die beste Mutti aller Zeiten ja wieder Kanzlerin geworden: Wenn einem so viel Gutes wiederfährt, das ist dann keines Datenschutzes wert! Was soll’s?

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top