Facebook geht gegen Fakenews vor – jetzt auch in Deutschland

https://blog.wdr.de/digitalistan/facebook-fakenews-deutschland-correctiv/

Facebook geht gegen Fakenews vor – jetzt auch in Deutschland

Kommentare zum Artikel: 26

Unter Druck geht alles ganz schnell. Genau heute vor einem Monat hat Facebook erste Maßnahmen gegen Fakenews angekündigt. Wie das immer so ist: erst einmal mit ein paar Testnutzern in den USA, bevor es dann zum klassischen Rollout kommt – die neuen Funktionen also allen Nutzern dort zur Verfügung gestellt werden, bevor sie auf andere Länder ausgeweitet werden, sollten sie sich als Erfolg herausstellen.

Heute nun macht Facebook es offiziell: Deutschland ist das Land, das als erstes komplett mit diesem Maßnahmenpaket gegen Fakenews versorgt wird. Laut der Ankündigung im Blogbeitrag von Facebook wird das in den kommenden Wochen geschehen. Weitere Testläufe soll es dabei nicht mehr geben.

Im Kern bleibt es bei den Maßnahmen, die in den USA getestet wurden und die ich hier in Digitalistan schon ausführlich zusammengefasst hatte. Dazu gehört eine spezielle Meldefunktion für Fakenews, die bei vielen Nutzern zuletzt auch schon aktiv war. Wird diese Meldefunktion bei einem Beitrag besonders häufig genutzt, bekommen externe Faktenprüfer den Beitrag vorgelegt – und können dafür sorgen, dass er in Zukunft innerhalb von Facebook mit einem deutlichen Warnhinweis versehen wird.

Fakenews-Funktionen

So kann sich niemand mehr rausreden: Wer einen als falsch eingestuften Inhalt teilen möchte, muss noch einmal explizit bestätigen, dass er sich da wirklich sicher ist.

Für Deutschland laufen zurzeit noch Verhandlungen mit verschiedenen Verlagen. Eine erste Organisation, die als externer Faktenprüfer mit an Bord ist, steht aber schon fest, und zwar das Essener Recherchebüro CORRECTIV – eine gemeinnützige Gesellschaft, die durch Mitgliedsbeiträge, private Spendungen und Stiftungsgelder finanziert wird und ihre Rechercheergebnisse an verschiedene Medien gibt. Schlagzeilen hat CORRECTIV bisher zum Beispiel mit seiner Recherche zum Absturz von MH17 gemacht.

Mich freut die Nachricht auch für CORRECTIV-Gründer David Schraven: einen engagierten Investigativjournalisten, der jahrelang das Rechercheressort der WAZ-Mediengruppe geleitet hatte und die Maßnahmen von Facebook nun als Schritt in die richtige Richtung bezeichnet: „Wir sind überzeugt, dass alles getan werden muss, um der Verbreitung von gefälschten Nachrichten in sozialen Netzwerken entgegenzutreten.“

Es ist bemerkenswert, dass Facebook sich dabei so schnell bewegt – und im Gespräch mit Mitarbeitern der Plattform wird klar, dass natürlich der große öffentliche Druck der Grund dafür ist. Deshalb sollen die Maßnahmen bald auf weitere Länder ausgeweitet werden. Das könnte dann zum Beispiel Frankreich sein, das neben Deutschland eins der Länder ist, in denen in diesem Jahr wichtige Wahlen stattfinden werden, bei denen auch die Zukunft Europas auf dem Spiel steht. Auch deshalb erhöht die Politik gerade den Druck auf Facebook unter anderem beim Thema Fakenews.

CORRECTIV-Team

David Schraven (links) und das Team seines Recherchebüros CORRECTIV in Essen sind die ersten externen Faktenprüfer, mit denen Facebook in Deutschland zusammenarbeitet.

Facebook selbst spricht von einer „permanenten Beta“ und sagt, dass die Maßnahmen, die jetzt auch in Deutschland an den Start gehen, nur ein Anfang seien: „Uns ist wichtig, dass Beiträge und Neuigkeiten, die auf Facebook gepostet werden, verlässlich sind. Wir freuen uns über diese Fortschritte, wissen jedoch, dass es noch viel zu tun gibt.“

Das glaube ich auch, denn ich frage mich noch, wie wirkungsvoll diese Maßnahmen am Ende sein werden. Was zum Beispiel passiert, wenn die Urheber von Fakenews dafür sorgen, dass die immer gleiche Falschmeldung leicht verändert an vielen verschiedenen Stellen im Netz auftaucht, wie ein Virus, der sich nicht einfangen lässt? Was passiert, wenn Beiträge gemeldet werden, die einfach nicht ins Weltbild vieler Nutzer passen, aber trotzdem wahr sind? Werden diese im Newsfeed verschont? Und was ist mit der vielleicht noch viel größeren Zahl an Beiträgen, die irgendwo zwischen Kopp-Verlag, Breitbart und Deutschen Wirtschafts Nachrichten stattfinden und nicht komplett falsch sind, aber doch von Tatsachenverdrehungen, Fehlkontexten und Halbwahrheiten leben?

Außerdem gibt es noch eine ganze Reihe weiterer möglicher Maßnahmen. Facebook könnte zum Beispiel vertrauenswürdige Absender stärker kenntlich machen, eine Möglichkeit bieten, Originalquellen zu verlinken, oder Korrekturen prominenter zu platzieren. Der Weg im Kampf gegen Fakenews ist also noch lang. Schön wäre, wenn Facebook sich dabei genauso schnell bewegt wie in den vergangenen Wochen.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

26 Kommentare

  1. Laut „CORREKTIV“-Geschäftsführer David Schraven soll allen ernstes nur alternative bzw. neue Medien auf Falschmeldungen geprüft werden, u. a. wegen der angeblich guten Selbstkontrolle. Scheint bei der „Bild“ z. B. nicht zu funktionieren. Zum Grimme-Preis-ausgezeichneten MH-17-Bericht: der basiert im Wesentlichen auf Aussage eines (!) angeblichen Zeugen der nicht einmal persönlich anwesend war. Der unabhängige Journalist „Billy Six“ kam vor Ort zu ganz anderen Aussagen von Augen- und Ohrenzeugen. Wird aber nicht anerkannt, passt nicht ins Weltbild wo Russland der Feind ist.

    Ich empfehle die Aussagen von Ramond McGovern dazu. Ray McGovern ist ein US-amerikanischer ehemaliger CIA-Offizier. Er war als Mitarbeiter der CIA unter sieben US-Präsidenten (!) insgesamt über 27 Jahre lang für die morgendliche Berichterstattung im Weißen Haus zuständig: https://consortiumnews.com/2015/08/17/propaganda-intelligence-and-mh-17/

    Dazu soll laut „CORREKTIV“ KenFM allen Ernstes zur „neuen Rechten“ gehören. Absurd. CORREKTIV ist eine höchst fragwürdige Veranstaltung. Dabei geht es augenscheinlich um Meinungsmache und nicht um neutrale Aufklärung. Ähnlich wie bei der Amadeu-Antonio Stiftung. Das alles erinnert stark an Orwells Wahrheitsministerium. Wer nicht hinterfragt, ist bereits hintergangen worden.

    • @Michael: Es geht nicht um Meinungsmache, sondern ums Widerlegen von Fakten. Es geht auch nicht um „Orwells Wahrheitsministerium“, sondern um eine zusätzliche Information für die Nutzer – und somit um Transparenz.

      Ich bin mir nicht sicher, ob sich die geprüften Inhalte so einfach auf eine bestimmte Liste „alternativer bzw. neuer Medien“ beschränken lässt, denn CORRECTIV wird nicht die einzige Organisation bleiben, die eine externe Faktenprüfung übernimmt. In den USA, wo die Maßnahmen schon laufen, werden Inhalte nur als falsch gekennzeichnet, wenn sich die zurzeit vier externen Faktenprüfer dabei einig sind. Auch CORRECTIV hält sich dabei an die Vorgaben des Poynter-Netzwerks; auch die Kriterien für die Prüfung sind also transparent. Abgesehen davon wird nur geprüft, was zuvor überhaupt erst einmal von Nutzern gemeldet wurde.

      Die Mühe, die einzelnen von Ihnen beschriebenen Punkte zu konkreten Veröffentlichungen zu widerlegen, mache ich mir nicht; die Arbeit einzelner Medien ist nicht Thema dieses Blogartikels.

  2. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Sehr geehrter Herr Horn,
    ich antworte Ihnen auf Ihre nachfolgend wiedergegebenen Sätze vom 18.1.17, 17:17:
    „@SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Ich bitte um Nachsicht, aber: Sie vergleichen Alltagstechnik mit harten Drogen – das ist eine weltfremde Einstellung und ein Niveau, auf dem ich nicht mit Ihnen diskutieren kann.
    Zur Anrede: Höflichkeitsformen aus dem Brief- und E-Mail-Verkehr sind in Kommentarspalten meines Wissens nicht üblich – Sie dürfen aber natürlich gern dabei bleiben.“
    Meine Antwort:
    Methodisch und inhaltlich weit gefehlt:
    Daß etwas „Alltagstechnik“ ist, heißt noch nicht, daß es nicht zur Droge und zum Suchtmittel werden kann: Die Suchtwissenschaft und -therapie spricht hier von „nicht stoffgebundenen oder substanzunabhängigen Süchten“.
    Und, wie nun wahrlich mehr als einmal hier in Digitalistan mit Angabe von Quellen und Nachweisen dargelegt, IST der Alltagsgegenstand „Smartphone“ nun einmal eine Droge und ein Suchtmittel.
    „Weltfremd“, werter Herr Horn, ist ausschließlich Ihre hartnäckige Weigerung, dies endlich zur Kenntnis zu nehmen. Zu befürchten ist, daß das daran liegt, daß Sie selbst abhängig sind: Es ist ja nachgerade ein Sucht-Symptom die eigene Sucht zu leugnen…
    Schade.
    Und zur Anrede: Ja, es ist mir bekannt, daß Höflichkeit in Kommentarspalten unüblich ist, aber man könnte sie ja üblich MACHEN – so wäre wenigstens ein kleines Stück höflichen menschlichen Umgangs wiedererobert, den das zum Gott erhobene Smartphone bzw. sein Mißbrauch beständig weiter zu zerstören sucht…

    • P. Gedoehns am

      Und wieder stimme ich Ihnen zu 100% zu.
      Es gibt kaum etwas, was nicht zur Sucht werden kann.
      Arbeit, Sex, Fernsehen, Essen – all diese Alltags-Betätigungen können bei manchen Menschen zur Sucht werden. Das Smartphone ist ohne Zweifel eine weit verbreitete Sucht. Man setzte sich einfach mal für nur 15 min in die Stadt und beobachte die Menschen …

      Rauchen war bis vor einiger Zeit auch sehr verbreitet und man galt als Jugendlicher als cool, wenn man mitgemacht hat. Heute sind die Menschen aufgeklärter und betrachten das Rauchen vielfach mit anderen Augen. Ich kann mir vorstellen, dass es auch beim Smartphone so kommen könnte, denn ich kenne eine Reihe Menschen, auch sehr junge Menschen, welche die permanente Erreichbarkeit inzwischen als nervig ansehen.

      Zu Ihrem letzten Abschnitt: Der menschliche Umgang ist auch aus meiner Sicht dank Smartphone auf der Strecke geblieben. Es gibt nur noch Abkürzungen und Smilys. Eine annähernd richtige Rechtschreibung sucht man oft vergeblich. Leider reden auch manche Leute so, wie sie schreiben. Dann gibt es noch die sogenannte „Digitale Demenz“.
      Diese entsteht laut Studien durch die Tatsache, dass in einem Smartphone restlos alles gespeichert werden kann. Termine, Fahrstrecken, Telefonnummern, Adressen – nichts mehr muss sich der Nutzer merken, weil sein Smartphone alles für ihn erledigt. Dabei merkt er oft nicht, wie die Gehirnzellen schon in jungen Jahren in den Ruhestand gehen. Doch wehe, das elektronische Gehirn ist defekt, geklaut, entladen oder hat kein Netz …

      Ob das die schöne neue Welt ist?

    • @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Ich habe nie gesagt, dass Smartphones nicht zur Sucht führen können. Dass sie es grundlegend tun, ist dagegen Quatsch; Spitzer und Co. sind dafür keine belastbare Quelle, Markowetz sagt auch andere Dinge als die, die Sie zitieren. Es bleibt dabei: Wir kommen da nicht zusammen, tut mir leid.

  3. heinzb aus nrw am

    Wer zahlt, bestimmt, was gelöscht wird, was als wahr veröffentlicht wird ? Zensus oder wurde das „Schriftleitergesetz “ des Dritten Reich wieder ausgegraben ? Lügenpresse war ein Unwort der letzten Jahre, unberechtigt ? Das Volk erhält per Medien gesagt, was Realität zu sein ist in Deutschland : Das schaffen wir .

    • Dennis Horn am

      @heinzb aus nrw: Wenn Sie den Beitrag noch einmal aufmerksam lesen, werden sie feststellen, dass es bei den beschriebenen Maßnahmen nicht darum geht, etwas zu löschen. Insofern gehen Ihre Fragen am Thema vorbei.

  4. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Es wäre schon viel gewonnen, wenn diesem „Facebook“ als dem asozialsten der asozialen Netzwerke durch Boykott (= Kündigung der Mitgliedschaft + Komplettlöschung der Accounts) einer genügend großen Vielzahl derjenigen Nutzerinnen und Nutzer, die verstanden haben, daß dem so ist, endlich der Garaus gemacht würde.
    Das wird aber so lange nicht gehen, wie die süchtig gemachten Menschen aufgrund ihrer Suchterkrankung daran kleben wie Heroinjunkies am „H“…. :-(
    Folglich müßten Schulen und vergleichbare Institutionen ABSTINENZ lehren und SUCHTHILFE leisten. Was machen sie aber stattdessen? Sie fördern NOCH MEHR Digitalisierung! Das ist ungefähr so, als würde an den Schulen kostenlos Crack oder Crystal Meth verteilt… :-(

    • P. Gedoehns am

      Sie sprechen (schreiben) mir zu 100% aus der Seele. Auch aus meiner Sicht wurden sehr viele Menschen systematisch süchtig gemacht, die jetzt unter einer „Digi-Sucht“ leiden. Ähnlich wie Dealer, die den ersten Druck „aufs Haus“ gehen lassen, hat man Schritt für Schritt ein System mit unzähligen, vermeintlich kostenlosen Sozialmedien und Apps aufgebaut, wovon sicher die eine oder andere brauchbar ist, jedoch meistens mit Nebenwirkungen verbunden ist.
      Ähnlich wie Alkoholiker gereizt reagieren, wenn es um ihre Sucht geht, reagieren auch Digi-Süchtige, die ja angeblich nichts zu verbergen haben und ihr Smartphone mit auf die Toilette nehmen und sogar im Bus, im Cafe und im Supermarkt ihr WLan haben wollen. Dabei werden alle Menschen mit gepulster HF-Strahlung im Mikrowellenbereich (2,4 GHz) womöglich gefährdet.

      Solange das so ist, wird es wohl auch diesen Rummel um Facebook und Fakenachrichten geben, denn dieses Medium nutzen mehr Menschen als man glaubt. Erzählt man ihnen, dass man dort nicht angemeldet ist und auch kein Smartphone besitzt, wird man angesehen wie ein Mars-Männchen. Macht nix, ich kann ausgezeichnet damit leben und entnehme meine Informationen aus den Seiten der ÖR-Medien, aber auch aus den sogenannten alternativen Medien. Und was Fake ist, entscheide ich dann für mich.

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Ich bedanke mich für Ihren Zuspruch:
        Als „Cleaner“ und „Wacher“, der sehr bewußt sowohl auf ein Suchtphone als auch auf alle asozialen Netzwerke verzichtet, hat man ja schon das Gefühl, damit ganz alleine dazustehen und „nicht ganz normal“ zu sein: Im Wortsinne stimmt das natürlich, aber wenn es zur Norm wird, digitalsuchtkrank UND totalkontrolliert zu werden – DANN will ich auch gar nicht „normal“ sein.
        Wie man an diesem Beispiel sieht, ist „normal“ ja auch noch lange nicht dasselbe wie „gesund“!
        Insbesondere Suchtphones zerstören die menschliche Kommunikation, machen suchtkrank und unterwerfen die Abhängigen obendrein der Totalüberwachung nicht allein durch den Staat, sondern – schlimmer…? – durch Überwachungskonzerne wie Google, Facebook und ihre Komplicen.
        Ich empfehle allen nach wie vor dringend die Lektüre folgender augenöffnender Bücher:
        Bert te Wildt, Digital Junkies – Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder
        Manfred Spitzer, Cyberkrank! – Wie das digitale Leben unsere Gesundheit runiert
        Alexander Markowetz, Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist
        Harald Welzer, Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit:
        Wer auch nur die Hälfte dieser Bücher gelesen hat, wird, so wach und und gesund, das Suchtphone wegwerfen (DAS GEHT!) und einern Riesenbogen um alle asozialen Netzwerke machen.
        UND: Ein bißchen Hoffnung gibt es mittlerweile, denn es wächst eine Bewegung namens „Digital Detox“…
        Wir werden also mehr! :-)

        • Dennis Horn am

          @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Eine Anmerkung dazu: Ich bezweifele, dass es schlimmer ist, dass Konzerne wie Google und Facebook die Daten haben, als hätte der Staat sie. Denn es ist staatliche Macht, die mit wesentlich härteren Konsequenzen verbunden sein könnte, würden diese Daten dort genutzt, missinterpretiert oder missbraucht.

          Sie würden übrigens bei ihrem digitalaffinen Gegenüber besser landen, würden Sie auf analog-fundamentalistische Begriffe wie „Suchtphone“, „digitalsuchtkrank“, „totalkontrolliert“ oder „Überwachungskonzerne“ verzichten.

    • Dennis Horn am

      @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Schön, einmal wieder etwas von Ihnen zu hören. Es bleibt bei dem, was wir schon unter unzähligen Beiträgen diskutiert haben: Sie argumentieren so, als wäre es möglich, die Zeit zurückzudrehen und die Digitalisierung rückgängig zu machen. Das ist leider nicht möglich. Dementsprechend verantwortungslos wäre es, jungen Menschen einen Zugang zu digitalen Medien unmöglich zu machen, so wie Manfred Spitzer es fordert, oder ihnen keinen verantwortungsvollen Umgang damit beizubringen – und doch, genau dort sind auch die Schulen gefragt. Eine völlige Hingabe an die digitale Welt ist genauso unsinnig wie das, was Sie beschreiben.

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Sehr geehrter Herr Horn,
        Ihre beiden „Antworten“ kann und möchte ich – natürlich! – so nicht stehen lassen:
        Der von mir zitierte Autor Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik (!) an der Uni Bonn, in Ihrer Terminologie mit Sicherheit absolut „digitalaffin“, ist eben der, der zusammen mit dem Psychologen Christian Montag eine sog. „App“ entwickelt, die über längere Zeit aufzeichnet, was die jeweilige „Userin“, der jeweilige „User“ mit seinem bzw. ihrem „Smartphone“ wann, wie und wie lange tut. Bis zum Erscheinen seines Buches „Digitaler Burnout“ hatten über 300.000 Teilnehmende diese „App“ auf ihre „Smartphones“ geladen. Von diesem hat Markowetz 60.000 untersucht – m.E. eine durchaus mehr als repräsentative Zahl.
        Unter anderem diese Studie hat folgendes ergeben:
        Smartphones funktionieren so, als trage man einen einen Spielautomaten wie etwa den berühmten „einarmigen Banditen“ in der Hosentasche mit sich herum.
        Beiden ist gemeinsam, daß sie in Menschen eine gespannte Erwartungshaltung auslösen – Spielautomat: „Ich KÖNNTE diesmal wirklich gewonnen haben“ – Handy: „Es KÖNNTE eine wichtige Nachricht eingetroffen sein“ – , welche die Aussschüttung des Glückshormons Dopamin bewirkt.
        (Ohne Dopamin schon zu kennen, hatte denselben Effekt schon in den 50er Jahren B.F. Skinner entdeckt, der ihn als Random Reward bezeichnete – kann man überall nachlesen)
        Das wiederum bedeutet eine ständige Erwartungshaltung, die auf schnellstem Wege in die Abhängigkeit und dazu führt, daß allein nach Markowetz‘ Untersuchungen „Smartphone“-NutzerInnen im Schnitt 53 Mal (!) am Tag (!) ihr Handy „checken“.
        Wie gesagt: Im Schnitt! D.h. also, daß es etliche gibt, die es noch öfter tun.
        Das wiederum bewirkt nicht nur eine Störung und Zerstörung menschlicher Kommunikation und Miteinanders, weil die solchermaßen Abhängigen sich ja nicht einmal während es eines persönlichen Gespräches oder auf einem Seminar oder in einer Vorlesung davon abhalten lassen, zu „checken“.
        Sondern es unterbricht mindestens 50 x am Tag jedwede Konzentration und Sich-Einlassen, jede ernsthafte und konsequente Beschäftigung mit einem Thema, einer Arbeit.
        Mittlerweile beklagen immer mehr Vorgesetzte und ArbeitgeberInnen ein Nachlassen der Arbeitsqualität ihrer Beschäftigten durch permanentes Abgelenktsein ihrer Beschäftigten durch Smarphonemißbrauch:
        Denn nichts anderes ist es: Die Betroffenen, deren Zahl wächst und wächst, KÖNNEN ihr Verhalten nicht mehr steuern, es tritt ein Kontrollverlust ein und dazu eine Dosissteigerung – und das sind zwei der signifikantesten Suchtmerkmale.
        Wohlgemerkt, Herr Horn:
        Diese Erkenntnisse finden sich nicht etwa bei dem von Ihnen wenn auch völlig zu Unrecht geschmähten Prof. Spitzer, sondern beim vollkommen „digitalaffinen“ Informatikprofessor Alexander Markowetz („Digitaler Burnout“, München 2015, Kapitel 2 ff).
        Allein schon dieser fundierten Untersuchung zufolge kann man sehr wohl von Smartphonenutzenden als Digitalsuchtkranken“ sprechen, und selbstverständlich ist ein Smart – nichts anderes als ein Suchtphone – und es dient den interessierten Konzernen wie dem Staat zur Überwachung..
        Diesen Dopamin-Effekt machen sich nämlich die Handy-Hersteller ebenso wie die Konzerne Google, Facebook, Twitter, Whatapp und ihre Spießgesellen zunutze, um immer mehr Menschen in die Abhängigkeit zu treiben – und einer Totalkontrolle zu unterwerfen, um sie und alle ihre Daten noch mehr zu Profitmaximierungszwecken auszubeuten.
        Das hat nicht nur, aber eben besonders der ebenso wie Markowetz, Spitzer und te Wildt wissenschaftlich renommierte Sozialpsychologe Harald Welzer untersucht und nachgewiesen.
        Das hat mit Ideologie nichts, mit wissenschaftlicher Fundiertheit hingegen alles zu tun.
        Ideologisch aufgeladen ist allein das von Ihnen offenbar in herabsetzender Absicht gebrauchte Schlagwort „analog-fundamentalistisch“ – was immer Sie damit auch nun genau meinen mögen.
        Steht nach allem fest, daß Smartphones Suchtmittel sind und abhängig machen, kann es nur darum gehen, so abstinent wie möglich zu werden.
        Und da ebenfalls für Süchte schon seit Jahrzehnten feststeht, daß Menschen um so schneller süchtig werden und es um so schlimmer und länger bleiben, je jünger sie sind, wenn sie damit anfangen, kann man Spitzer nur beipflichten, wenn er sagt, daß man Jugendliche frühestens mit ca. 16 Jahren an das Suchtmittel Smartphone heranlassen sollte: Nach den richtigen Vorschriften des Jugenschutzgesetzes darf Jugendlichen ja auch weder Alkohol noch Tabak zugänglich gemacht werden – und ein Smartphone ist um ein Vielfaches gefährlicher für die seelische und soziale Entwicklung.
        Und es ist sehr fraglich, ob ganz junge Menschen „verantwortungsvoll'“ mit Suchtmitteln umgehen können:
        Tun sie das mit Alkohol? Nein, es wird „Koma-Saufen“ veranstaltet…
        Die Abstinenz-Forderung hat also absolut nichts damit zu tun, die „Zeit zurückdrehen“ zu wollen.
        Mit diesem Totschlag-„Argument“ könnten Sie – in bester Gesellschaft mit Donald Trump – auch fordern, Atomwaffen auch einzusetzen, da es sie ja nun einmal gebe: Aber ich schätze Sie ehrlich gesagt SO denn doch nicht ein!

        • @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Schön, dass Sie mit Alexander Markowetz jemanden nennen, der im Gegensatz zu Spitzer & Co. auch glaubwürdig wissenschaftlich fundiert argumentiert.

          Was Sie allerdings nicht erwähnen: dass für Markowetz zwar die von Ihnen erwähnte Zahl der Unterbrechungen ein Problem darstellt – dass er die viele Zeit, die man mit dem Smartphone verbringt, aber für nicht dramatisch hält. Mein Interview dazu mit ihm finden Sie hier: http://www.planet-schule.de/sf/filme-online.php?film=9394&reihe=1372.

          Die Schlüsse, die Sie aus Markowetz‘ Studien ziehen, halte ich für unzulässig, denn auch Alexander Markowetz fordert vor allem einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technik – und nicht Abstinenz.

          • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

            Sehr geehrter Herr Horn (ich nehme an, daß ist die höfliche Anrede, da Sie gewiß nicht @ heißen, oder?),
            Mit Markowetz verhält es sich wie mit Karl Marx: In der Analyse der Zustände brillant und zu 100 % treffsicher – bei den Überlegungen, welche Konsequenzen man ziehen soll, um die Mißstände zu beseitigen, liegen beide voll daneben…
            Außerdem bitte ich Sie, Markowetz‘ Aussagen bitte richtig zu lesen und wiederzugeben:
            Er hält das Ausmaß der Abhängigkeit ( = Sucht) sehr wohl für dramatisch:
            Lesen Sie bitte die Kapitel 1 – 4 seines Buches „Digitaler Burnout“.
            Und natürlich ist weitestgehende Abstinenz die einzig richtige Schlußfolgerung, was Smartphones – wohlgemerkt; NICHT das Internet insgesamt! – angeht.
            Nochmals: Auch Sie würden doch nicht empfehlen, Jugendlichen einen „verantwortlichen“ Umgang mit Crystal Meth beizubringen, da es ja nun einmal in der Welt sein und man die Zeit nicht zurückdrehen könne – oder…?

          • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

            KORREKTUR: Es muß natürlich heißen:
            „das ist die höfliche Anrede,…“, nicht „daß“:
            Entschuldigung!

          • @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Ich bitte um Nachsicht, aber: Sie vergleichen Alltagstechnik mit harten Drogen – das ist eine weltfremde Einstellung und ein Niveau, auf dem ich nicht mit Ihnen diskutieren kann.

            Zur Anrede: Höflichkeitsformen aus dem Brief- und E-Mail-Verkehr sind in Kommentarspalten meines Wissens nicht üblich – Sie dürfen aber natürlich gern dabei bleiben.

  5. B. Franke am

    Okay, Facebook „prüft“ jetzt also mit!
    Das wird diejenigen, die Halb-, Un- und vielleicht sogar unbequeme „Echt“wahrheiten verbreiten wollen, aber kaum davon abhalten können, eine Vielzahl anderer Kanäle (z. B. VK, Onion-Chats und -Foren, Mail-Verteiler [analog zu Spam-Mails], Gästebücher, Messenger, SMS etc.) zur Newsverteilung zu nutzen.
    Es ist definitiv unmöglich, das gesamte Internet flächendeckend zu überwachen bzw. auszuwerten – selbst die NSA schafft das nicht!
    Was wird dann der nächste Schritt sein? Vielleicht „Abschaltung“ (= Sperrung von IP-Blöcken) des Internets während heißer Wahlkampfphasen; analog zu beispielsweise arabischen, chinesischen, türkischen oder anderen, semi-diktatorischen Vorgehensweisen? Dies dürfte hierzulande (schon allein aus grundgesetzlicher Sicht) nicht funktionieren!
    Und was ist, wenn -trotz aller, vielleicht sogar erfolgreichen, Bemühungen gegen Fake-News- dennoch der (je nach Blickwinkel) „unliebsame“ Kandidat (vgl. z. B. Trump) oder die „unliebsame“ Kandidatin (z. B. Le Pen, weil Sie in Ihrem Text Frankreich erwähnten) oder die „unliebsame“ Partei (z. B. AfD) einen Wahlsieg erreichen sollte? Wird dann unweigerlich die Welt untergehen oder wird man sich mit den (immerhin demokratisch gewählten) Gegebenheiten arrangieren (müssen)?
    Was meinen Sie?

    • Dennis Horn am

      @B. Franke: Facebook prüft nicht, sondern CORRECTIV prüft. Und es geht um Prüfung und Transparenz, nicht um Überwachung und Löschung; insofern kann ich die Sphären, in denen Sie das Thema sehen, nicht ganz nachvollziehen.

      Dass andere Kanäle genutzt werden, wenn sich Fakenews in Facebook nicht mehr „lohnen“ – wovon ich allerdings nicht ausgehe: gekauft. Aber das bedeutet ja nicht, dass es nicht sinnvoll ist, etwas dagegen zu tun. Und selbstverständlich müssen wir uns mit demokratisch gewählten Parteien und Politikern arrangieren müssen – aber schön wäre doch, wenn die Meinungsbildung, die zu dieser Wahl führt, sauber und ohne Tricksereien wie Fakenews abliefe.

      • P. Gedoehns am

        @ Dennis Horn:
        Die Ausführungen von B.Franke kann ich schon sehr gut nachvollziehen. Einen erheblichen Beitrag gegen Fakenews könnten die sogenannten offziellen Medien selber leisten, in dem sie mehr über unbequeme Themen berichten und nicht manches wichtige Mosaiksteinchen weglassen würden.
        Wirklich interessante und kritische Dinge kommen dann auf Sendeplätzen wie arte und 3Sat zu Sendezeiten, zu denen ein großer Teil der Bevölkerung bereits schläft, wogegen Quoten-Reißer um 20:15 Uhr kommen.

        Heute konnte man im Radio hören, dass eine Umfrage bezüglich der Glaubwürdigkeit von Medien in Auftrag gegeben wurde. Im Radiobericht kamen die Medien natürlich gut weg.
        Die Grafik dazu in der Infratest-dimap-Seite habe ich dagegen doch etwas anders interpretiert.
        Ich denke, gerade Ihr als Journalisten, besonders aber Eure Vorgesetzten und ganz besonders die Chefetage bei dpa und Reuters haben es in der Hand, dass man in erster Linie Euch vertraut und nicht irgendwelche Fakenews glaubt.

        • Dennis Horn am

          @P. Gedoehns: Ich gebe Ihnen in vielen Punkten Recht: in Nacht- und Spartenprogrammen versteckte Inhalte, die eine oder andere unzulässige Verkürzung. Das sind alles diskutable Punkte. Aber ich glaube erstens nicht, dass wir keine Fakenews hätten, würden klassische Medien völlig fehlerfrei arbeiten. Und ich glaube zweitens nicht, dass uns so eine Diskussion im Konjunktiv weiterhilft, wenn das Problem Fakenews faktisch einfach existiert. Da müssen wir uns über Lösungen unterhalten, und dazu sind die Maßnahmen von Facebook aus meiner Sicht ein erster sinnvoller Beitrag.

          • P. Gedoehns am

            @ Dennis Horn
            Ich gebe Ihnen auch Recht, dass man sich über Lösungen unterhalten muss. Ich sehe es aber nicht als ersten sinnvollen Beitrag, geschweige denn als Lösung an, einen sogenannten Falschmeldungswächter zu ernennen, der sich aus ehemaligen Chefredakteuren einflussreicher Medien zusammensetzt und darüberhinaus von Finanz- und Medienkonzernen unterstützt wird.
            Den Inhalt des von „Trau Schauwem“ angegebenen Links habe ich auch in ausländischen, aber deutschsprachigen Medien gefunden. Allerdings wurden diese Artikel journalistisch besser aufbereitet.
            Selbst, wenn von diesen Berichten nur die Hälfte stimmt, finde ich das schon höchst bedenklich.

          • @P. Gedoehns: „Falschmeldungswächter“ sind die Nutzer. Erst, wenn die Nutzer einen Inhalt in größerer Zahl melden, wird dieser auch zur Prüfung vorgelegt. CORRECTIV wird nicht der einzige externe Faktenprüfer bleiben – und unterwirft sich zu dieser Faktenprüfung den Kriterien des Poynter-Instituts. Ich teile Ihre Bedenken nicht.

      • Trau Schauwem am

        Transparenz??? Da wird der Bock zum Gärtner gemacht: DIe klassischen Medien und Parteien sichern sich ihr Meinungsmonopol. In einem ehrlichen Kommentar hätte ich die Offenlegung dieser Zusammenhänge erwartet.
        „Wer finanziert eigentlich die Arbeit von Correctiv? Offiziell ist Correctiv unabhängig und spendenfinanziert. Correctiv finanziert sich zu einem ganz erheblichen Teil über Großspenden von Stiftungen, die nicht unbedingt dafür bekannt sind, im Hintergrund zu bleiben. Vorsitzender des „Ethik-Rates“, der die Arbeit von Correctiv fachlich überwacht, ist übrigens niemand anderes als Bodo Hombach, seines Zeichens ehemaliger Kanzleramtschef von Gerhard Schröder, Chefarchitekt der Agenda 2010 und aktuell Vorstand der Brost Stiftung, die der mit Abstand größte Finanzier von Correctiv ist.
        Doch die Brost Stiftung ist nicht der einzige fragwürdige Finanzier dieses „Recherchezentrums“. Wer die Deutsche Bank, George Soros Open Society Foundations, RTL, Google, das ZDF, die Heinrich Böll Stiftung und die Konrad Adenauer Stiftung zu seinen Unterstützern zählt, ist freilich nicht darauf angewiesen, einem „Premium-Kunden“ wie Facebook eine Rechnung zu stellen. Wichtiger dürfte es da schon sein, einen Fuß in die Tür zu bekommen und sich auf dem künftig sicher immer wichtiger werdenden Feld der externen Moderation von nutzergenerierten Inhalten in den sozialen Netzwerken eine Pole Position zu sichern. “
        http://www.nachdenkseiten.de/?p=36631

        • Dennis Horn am

          @Trau Schauwem: Es ist immer gut, auch die Kontrollierer zu kontrollieren. Das gilt auch im Fall CORRECTIV. Der von Ihnen zitierte Text wirkt auf mich aber wie ein Mix aus konstruierten Zusammenhängen und Mutmaßungen. Journalismus ist auch das nicht. ;)

          Und behalten Sie bitte im Hinterkopf, dass zu CORRECTIV auch noch andere Faktenprüfer stoßen sollen. Das Prinzip der Facebook-Maßnahmen in den USA lautet da bisher: Sind sich die externen Faktenprüfer uneinig, werden Inhalte auch nicht als Falschmeldung kenntlich gemacht.

          Es geht hier abgesehen davon nicht um ein vermeintliches Meinungsmonopol. Es geht hier nicht einmal um Meinung. Sondern es geht um Fakten – und darum, Inhalte zu benennen, die keine Fakten, sondern Lügen liefern.

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