Facebook wird zum digitalen Friedhof

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Facebook wird zum digitalen Friedhof

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Meine Kollegin Anna ist tot. Sie starb gestern vor genau zwei Jahren. Einer der letzten Beiträge in ihrem Facebook-Profil ist eine Todesanzeige, die ihre besten Freunde für Anna gestaltet haben. „Es bleibt die Liebe und die Erinnerung“, steht darin, und weiter: „Die Erinnerung ist ein Fenster, durch das ich dich sehen kann, wann immer ich will.“ So wie ihr Facebook-Profil, das noch immer existiert. Das Facebook-Profil einer Toten.

Anna hatte vor ihrem Tod festgelegt, dass Facebook ihr Profil nicht löschen, sondern in den Gedenkzustand versetzt werden sollte. Seitdem „begegne“ ich Anna hin und wieder. Dann verliere ich mich in ihrem Profil. Entdecke das Foto vom Weinfest, auf dem sie so schön lacht. Erinnere mich an ihren Nerdhumor, den ich immer sehr gemocht habe. Versuche, mir beim Lesen ihrer Postings zwischen Katzenvideos und feministischen Debattenbeiträgen noch einmal ihre Stimme und ihre Art vorzustellen.

Noch finde ich diese Momente eher bedrückend und seltsam. Wann ich mir die Zeit nehmen möchte, mich an eine verstorbene Kollegin oder einen verstorbenen Freund zu erinnern, konnte ich früher selbst entscheiden. Heute regelt das zum Teil der Zufall – und schickt mich in Profile, die sich nach ein paar Minuten schnell wieder so anfühlen, als wäre die Person noch unter uns. Dabei sind es Server und Algorithmen, die sie am Leben halten.

Für die Facebook-Nutzer weltweit hieß es beim Zündfunk-Netzkongress im vergangenen Jahr, dass es 2130 mehr tote als lebende Nutzer gibt. Für Deutschland komme ich in meiner Berechnung sogar aufs Jahr 2089.

Rund 1.600 Freunde habe ich bei Facebook zurzeit. Neben Anna leben auch zwei weitere nicht mehr. Und die Zahl wird wachsen. Die meisten Facebook-Nutzer, die schon die vollen zehn Jahre dabei sind, die das soziale Netzwerk in Deutschland erfolgreich ist, sind noch immer jung. Doch auch sie werden älter und eines Tages sterben; das virtuelle Erbe verstorbener Freunde wird im Netz in einigen Jahren ganz einfach dazugehören – auch wenn es zurzeit noch viele offene Fragen aufwirft.

Facebook kommt zurzeit auf zwei Milliarden aktive Nutzer, in Deutschland auf 30 Millionen. Nimmt man die aktuellen Geburts- und Sterberaten als Maßstab, gäbe es im Jahr 2089 erstmals mehr tote als lebende Facebook-Nutzer in Deutschland. (Hinweis: Ich habe das „von Hand“ ausgerechnet. Steigende und sinkende Lebenserwartungen habe ich nicht beachtet, die Zukunft von Facebook an sich auch nicht. Und meine Berechnung geht davon aus, dass Facebook in Deutschland schon eine Marktsättigung erreicht hat. Die Berechnung hinkt also. Ihr könnt sie euch aber als Excel-Dokument runterladen und sie korrigieren oder verfeinern.)

Nicht alle toten Nutzer werden sich ein Konto im Gedenkzustand wünschen. Trotzdem wird diese Entwicklung unseren Umgang mit dem Tod und mit der Erinnerung an Verstorbene verändern. Beide werden allgegenwärtiger. Wenn auch nicht für alle: Es wird Menschen geben, deren virtuelles Erbe uns erhalten bleibt – und Menschen, die uns nach ihrem Tod nichts hinterlassen möchten, was uns auch im Netz noch an sie erinnert.

BINA48 soll es eines Tages möglich machen, das menschliche Bewusstsein in einem Roboter weiterleben zu lassen.

Wir werden uns aber auch in einer Art und Weise an Menschen erinnern können, wie es bisher kaum möglich war: nicht an die ganz wichtigen Dinge in deren Leben, sondern anhand ihrer Beiträge im sozialen Netzwerk auch an die Kleinigkeiten, die sie ausgemacht haben. An ihren Humor, ihre Geschmäcker, ihren Alltag. So könnten Kinder zum Beispiel ihre Großeltern oder Urgroßeltern so kennenlernen, wie es ihnen bisher nicht möglich war.

Es gibt Unternehmen, die an weiteren Schritten arbeiten. Das Start-up Eternime arbeitet seit 2014 an der Idee, seine eines Tages verstorbenen Nutzer als digitale Avatare weiterleben zu lassen – berechnet und erschaffen aus ihrem virtuellen Erbe. Oder BINA48: ein Roboter, dessen Erbauer das menschliche Bewusstsein „wiedererwecken“ wollen.

Selbst, wenn wir solche Entwicklungen nicht oder nicht mehr erleben werden: Das Netz wird uns in Zukunft öfter mit dem Tod und der Erinnerung konfrontieren. Nicht nur, wenn wir extra dafür den Friedhof besuchen, alte Fotos öffnen oder Gespräche über Verstorbene führen. Und diese Momente werden zugänglicher, öffentlicher, wir haben sie nicht mehr immer nur für uns. Als Gesellschaft und als Nutzer müssen wir auch hier einen Umgang mit dem finden, was die digitale Welt mit sich bringt.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

5 Kommentare

  1. „Menschen, die uns nach ihrem Tod nichts hinterlassen möchten, was uns auch im Netz noch an sie erinnert“ Wer dies möchte, sollte seine „Digitale Vorsorge“ treffen und jemandem seine FB-Zugangsdaten jetzt (!) geben. Denn nur derjenige, der das Konto verwalten kann, kann auch Inhalte löschen. Dennoch löscht FB nicht alle Daten (!), siehe https://www.facebook.com/help/224562897555674. Wurde keine Digitale Vorsorge getroffen, kann der Erbe bei FB einen Antrag auf Löschung stellen, siehe https://www.facebook.com/help/265593773453448?helpref=faq_content

  2. Gerade weil die Erinnerung etwas sehr persönliches ist, finde ich diese Möglichkeit bei Facebook gut. Wichtig ist doch nur, dass ich selbst entscheiden kann, ob mein Profil auch über meinen Tod hinaus erhalten bleibt. Schließlich gehören doch auch analoge Bilder von Verstorbenen wie selbstverständlich zu unserer Gedenkkultur dazu. Allerdings ist für mich die Frage, ob die Daten dauerhaft nur Facebook als privatem Unternehmen gehören sollten. Schließlich nehmen diese früher oder später die Rolle eines kollektiven Gedächtnisses ein, womit sie für mich stärker als bisher unter die Kontrolle und Sicherung der öffentlichen Hand gehören.

  3. Gerhard Rangol am

    …Facebook, die „alles-an-Daten-verschlingende Maschinerie“ als würdevollen Erinnerungsplatz für Verstorbene zu bezeichnen bzw. zu wählen, ist schon mehr wie fragwürdig… …wenn man schon zu Lebzeiten, von Facebook ausgebeutet, „mißbraucht“, kommerziell benutzt wird und man auch noch zu Lebzeiten keinen Einfluss darauf hat, sollte man die Erinnerungen nicht wehrlos zurücklassen…
    …Erinnerung ist was persönliches und sehr privates, was Facebook nie wird bieten können…

    • Dennis Horn am

      @Gerhard Rangol: Es gibt die Möglichkeit, einen Gedenkzustand des eigenen Facebook-Kontos zu verhindern, wenn man nicht möchte, dass Facebook eine Präsenz nach dem eigenen Tod weiterführt oder sich die eigenen Freunde in einer solchen Umgebung an einen erinnern.

      • Dennis Horn am

        @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Wir haben Ihre Antwort auf meinen Kommentar gelöscht. Bitte beachten Sie die Blogregeln und vermeiden Sie Kommentare immer gleichen Inhalts.

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