Facebook: Künstliche Intelligenz ist nicht die Lösung

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Facebook: Künstliche Intelligenz ist nicht die Lösung

Kommentare zum Artikel: 4

Es ist ja nicht so, als hätte Mark Zuckerberg bei der Anhörung im EU-Parlament gar nichts gesagt. Ein paar Minuten hatte er – und sprach unter anderem darüber, wie Facebook mit Künstlicher Intelligenz seine Probleme in den Griff bekommen möchte. Das KI-System von Facebook erkenne schon heute 99 Prozent der Propagandainhalte von Terroristen. Es helfe dabei, Selbstmorde in Livevideos zu verhindern. Und man wolle den Einsatz weiter vorantreiben und nicht mehr darauf warten, dass Nutzer problematische Inhalte melden, sondern proaktiv selbst dagegen vorgehen.

Die Lösung für technisch verursachte Probleme – unter anderem die, dass die Mechanismen des Facebook-Algorithmus’ Dinge nach oben spülen, die eine solche Öffentlichkeit besser nicht bekommen sollten – soll nun also noch mehr Technik sein. Plus Tausende zusätzliche Mitarbeiter in den Löschzentren des Unternehmens weltweit; das möchte ich natürlich nicht verschweigen. Aber trotzdem: Davon überzeugt, dass KI nun die Lösung für diese Probleme sein wird, bin ich nicht. Im Gegenteil.

Erstens: Es ist auch Künstliche Intelligenz, die uns schon die aktuellen Probleme beschert. Auch der Facebook-Algorithmus ist ein künstlich intelligentes System. Er hat für eine Polarisierung der Nutzerschaft gesorgt – und auch dafür, dass manch ein Inhalt überhaupt eine solche Verbreitung findet, dass er zur Herausforderung wird. KI soll nun also die Probleme beseitigen, die KI uns beschert hat? So lange Facebook technische Lösungen wie diese favorisiert, kann es der Technik auch die Schuld in die Schuhe schieben – und damit von seiner eigenen Verantwortung ablenken.

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Zweitens: Auch Technik macht Fehler – vielleicht sogar schlimmere. Algorithmen, die auf maschinellem Lernen basieren, sind immer nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert werden. Es gibt mittlerweile hinreichend viele Beispiele dafür, wie die zugrundeliegenden Datensätze die Algorithmen zu rassistischen, sexistischen, antisemitischen und noch einmal rassistischen Entscheidungen gebracht haben.

Drittens: Facebook verschafft sich mit diesem Vorgehen mehr Zeit. Künstliche Intelligenz ist noch lange nicht so weit, wie manche es sich vorstellen. Es wird viel Zeit vergehen, bis Systeme einigermaßen zuverlässig Inhalte wie Falschmeldungen oder Hasskommentare erkennen können – wenn sie es überhaupt jemals schaffen. Wir reden hier über Jahrzehnte. Viel Zeit, um zu argumentieren, man arbeite ja daran. Und viel zu spät für die Probleme, für die es heute schon Lösungen braucht.

So sehr Facebook KI nun als Lösung verkauft, so vorsichtig sollten wir damit sein, diese Idee kritikfrei hinzunehmen. Denn mit dieser Entwicklung könnten noch ganz andere Probleme auf uns zukommen. Um die Probleme der Plattform in den Griff zu bekommen, führt also kein Weg daran vorbei, weiter Menschen entscheiden zu lassen – und deshalb vor allem die Mitarbeiterschaft in den Löschzentren weiter aufzustocken.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

4 Comments

  1. “…entsprechend unserer Blogregeln gelöscht. ..”:
    “Entsprechend” steht immer nur mit dem Dativ, nie mit dem Genitiv!
    Sind die ersten PISA-Generationen jetzt schon in die Redaktionsstuben der öffentlich-rechtlichen Sender gelangt? :-(

    • Dennis Horn am

      @PISA?: Sie haben natürlich recht. Ich habe das korrigiert. Aber hängen Sie es nicht allzu hoch. Manchmal passieren im Alltag einfach Fehler; auch Journalisten sind nur Menschen. ;)

  2. Ich finde es toll, dass dieses Thema kontrovers diskutiert wird.
    Neben der ganzen Panikmache und Euphorie, brauchen wir einen gesunden Diskurs. AI ist vielleicht die Lösung für viele Probleme, jedoch brauchen wir einen gesetzlichen Rahmen der die Entwicklung und vor allem den Einsatz regelt.
    Danke für den guten Artikel!

    • Dennis Horn am

      @Sandra: Danke für den Kommentar. Wir möchten Sie aber bitten, die Kommentarfunktion nicht zur Bewerbung kommerzieller Links zu nutzen. Wir haben Ihren Link deshalb unseren Blogregeln entsprechend gelöscht. Danke für Ihr Verständnis.

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