So nutzt ihr Facebook ohne Algorithmus

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So nutzt ihr Facebook ohne Algorithmus

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Die meisten wissen ja nicht einmal, dass es ihn überhaupt gibt: den geheimnisvollen Facebook-Algorithmus, eine Art Filter- und Sortiersystem für den Newsfeed auf eurer Startseite. Dieser Algorithmus sorgt dafür, dass Beiträge eurer Freunde und der Seiten, denen ihr ein „Gefällt mir“ spendiert habt, nicht chronologisch sortiert zu sehen sind. Und noch wichtiger: Die meisten Beiträge bekommt ihr gar nicht erst zu Gesicht.

Facebook entscheidet stattdessen nach Relevanz – und zieht deshalb auch viel Kritik auf sich. Denn was Facebook für relevant hält, erfahren wir als Nutzer nicht. Wie genau der Algorithmus tickt, wird nicht transparent gemacht. Stattdessen gibt es einen Mix aus grundlegenden Infos von Facebook, Erfahrungswerten und Deutungsversuchen. Den besten deutschsprachigen Überblick bieten zurzeit die Macher von allfacebook.de.

Das Streben danach, die Inhalte im Newsfeed unseren Vorlieben anzupassen, ist auch deshalb problematisch, weil wir damit Teil einer „Filterblase“ werden könnten – in die keine Informationen mehr gelangen, die unsere Weltsicht herausfordern. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Systeme wie der Facebook-Algorithmus nicht nur zur Meinungsbildung beitragen, sondern gesellschaftliche Extreme fördern können.

„Vorsicht vor ‚Filterblasen‘ im Internet“ – der Begriff stammt vom Algorithmenkritiker Eli Pariser, hier zu sehen auf der TED-Konferenz 2010 in Kalifornien.

Vielleicht ist es nur meine Journalistensicht aufs Thema – und der Wunsch, dass sich soziale Netzwerke so wie Twitter benehmen, wie ein persönlich zusammengestellter Newsticker, immer mit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Vielleicht gibt es aber auch andere Nutzer unter euch, denen ein chronologisch sortierter Newsfeed lieber ist und die es nicht Facebook überlassen möchten, was relevant ist. Wie also ist es möglich, Facebook ganz ohne Algorithmus zu nutzen? Es gibt da mehrere Wege.

Lösung eins: „Neueste Meldungen“ statt „Hauptmeldungen“. Die einfachste Lösung hat Facebook gleich selbst an Bord. Wenn ihr am Desktop in der linken Spalte auf den kleinen Pfeil neben „Neuigkeiten“ klickt, könnt ihr euch die „Neuesten Meldungen“ aufrufen – einen chronologisch sortierten Feed. In der App auf dem Smartphone findet ihr die Einstellung unter dem Punkt „Feeds“ im Navigationsbereich – also dort, wo ihr auch die Möglichkeit habt, euch aus der Facebook-App auszuloggen.

Nachteile: Auch die „Neuesten Meldungen“ werden in Teilen gefiltert. Außerdem schreibt Facebook im Hilfebereich: „“Diese Änderung ist vorübergehend und die Neuigkeiten wechseln wieder zur Standardeinstellung ‚Hauptmeldungen‘.“ Tatsächlich bekommt man diesen Wechsel als Nutzer nicht mitgeteilt – und wenn man nicht gerade dauerhaft im Alarmzustand ist, bemerkt man ihn manchmal erst sehr viel später. Und wer weiß schon, wie lange und ungefiltert Facebook diese Möglichkeit überhaupt zur Verfügung stellt.

Social Fixer

Das Plug-in „Social Fixer“ stellt euch Unmengen an Einstellungsmöglichkeiten für die Facebook-Nutzung zur Verfügung.

Lösung zwei: Plug-ins. Den Social Fixer können alle Nutzer einsetzen, die nicht mit Microsoft Edge oder dem Internet Explorer arbeiten. Das Plug-in sorgt dafür, dass ihr ständig die chronologisch sortierten „Neuesten Meldungen“ angezeigt bekommt, gibt euch aber darüber hinaus noch weitere Unmengen an Einstellungsmöglichkeiten – für die Startseite zum Beispiel ganze Themenfilter und die Möglichkeit, einzelne Beiträge abzuhaken und dadurch im Anschluss nicht mehr angezeigt zu bekommen.

Nachteile: Wie jedes Plug-in macht auch der Social Fixer den Anschein, als zwinge er den Browser ordentlich in die Knie. Und sollte Facebook wieder einmal an der Architektur seiner Seiten arbeiten, brauchen möglicherweise auch die Macher des Plug-ins eine Weile, um die Funktionen nachzuziehen. Auch aktuell gibt es einige Optionen im Social Fixer, die ins Leere laufen, weil Facebook zwischenzeitlich einfach umgebaut hat. Dazu gehört zum Beispiel die Seite „Missed Stories“, auf der man sich einige Zeit alle verpassten Beiträge auf einmal anzeigen lassen konnte, die es aber nicht mehr gibt.

Lösung drei: Interessenslisten anlegen. Die für mich spannendste Möglichkeit, den Algorithmus zu umgehen. Facebook hat die Funktion dafür direkt eingebaut – sie ist nur den wenigsten Nutzern bekannt. Interessenslisten sind dafür da, sich eigene Newsfeeds zu generieren, zum Beispiel nur mit Facebook-Seiten, die sich mit Musik beschäftigen. Oder nur mit Nutzern, die regelmäßig schöne Bilder posten. Oder nur mit Freunden aus dem Auslandssemester. Ihr könnt also frei wählen, wen ihr in eine solche Liste werft – und erzeugt damit eine selbst zusammengestellte Startseite.

Interessensliste anlegen

Beim Anlegen einer Interessensliste könnt ihr frei aus Seiten, abonnierten Nutzern und Facebook-Freunden auswählen.

Der Trick: Ihr werft einfach alle (!) eure Freunde in eine Interessensliste. Wenn es nur bis zu 500 oder 600 Freunde sind, geht das recht einfach. Habt ihr mehr Freunde, kann es Probleme beim Anlegen der Liste geben. Das war bei mir der Fall. Ich habe dann erst einmal meine – nach Buchstaben sortiert – ersten 500 Freunde ausgewählt. Alle anderen habe ich im Anschluss händisch hinzugefügt. Das ist frickelig, funktioniert aber.

Die fertige Liste findet ihr im Anschluss in der linken Spalte auf eurer Facebook-Startseite. Wenn ihr vor allem die Facebook-App nutzt, klickt ihr in der Navigation der App auf „Favoriten hinzufügen“ und findet eure Liste dort unter „Feeds“. Und schon habt ihr euch eure eigene, garantiert algorithmusfreie Zone. Nachteil: Es ist umständlich, und ihr müsst die Interessensliste in euren Bookmarks speichern oder immer wieder von Hand aufrufen – sie ersetzt eure Startseite nicht. Vorteil: Ihr könnt auswählen, welche Seiten und Nutzer nicht auftauchen – sozusagen euer eigener kleiner Algorithmus. Meine Interessensliste besteht zum Beispiel nur aus Freunden. Seiten kommen gar nicht vor.

Nach ein paar Tagen mit meiner „neuen Startseite“ bin ich beeindruckt von der Menge an Beiträgen, die mir vorher entgangen sind. Leute, von denen ich ewig nichts gehört hatte. Fotos, die ich gerne gesehen hätte. Dinge, die mir völlig neu waren. Gleichzeitig merke ich, wie gut der Algorithmus eigentlich arbeitet – und wie viel Müll er regelmäßig von mir fern hält. So habe ich nun das Beste aus beiden Welten: die klassische Startseite, die gut aussucht, was relevant sein könnte, und die algorithmusfreie Zone für die Momente, in denen ich etwas mehr Zeit habe, mich mit Facebook zu beschäftigen.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

21 Kommentare

  1. Toller Tipp mit den Interessenlisten. So hab ich das auch jahrelang gemacht. Jetzt sind all meine Interessenlisten (mindestens 6, mit mindestens 600 Seiten!) seit Anfang Dezember 2016 plötzlich weg! Eine zeitlang fand ich die noch unter „Feeds“ aber nun sind sie auch da weg.
    Hat noch jemand das Problem oder weiß, wo die jetzt angezeigt werden?

  2. Kann man den Algorithmus auch dahingehend umgehen, dass alle Freunde einen Beitrag von mir erhalten? Ich habe gehört, dass nur etwa 10 Prozent der Freunde einen Beitrag von mir sehen können!

  3. Wolfgang am

    Leider sind die Listen völlig unzureichend. Mir werden zwar per Sprechblase (also die kleine Zahl rechts neben dem Listennamen) viele Neuigkeiten angezeigt, ´doch wenn ich die Liste anklicke, sehe ich nur zwei oder drei, ältere Neuigkeiten sind nie dabei, so muss ich also doch jeweils auf die Chronik des einzelnen gehen, wenn ich etwas neues erfahren möchte und da ich nicht ständig online bin, entgeht mir sicherlcih vieles, aber ich muss auch nicht alles und jeden „Furz“ mitbekommen. Ist im realen Leben ja auch unmöglich.

  4. Benjamin Rifert am

    Leider klickt man häufig doch aus Versehen auf die Startseite von Facebook und dann sieht man doch den seltsam sortierten Feed. Dem kann man nur entkommen, wenn man keinen Freund mehr abonniert. Man ist mit den Leuten dann noch befreundet, sieht ihre Posts aber nur noch in den Listen und nicht im News Feed.

    Leider testet Facebook gerade man wieder ein neues Design. Das habe ich bei einer Freundin gesehen. Die direkten Links zu den „Favoriten“ inklusiver der Freundeslisten waren bei ihr von der linken Seite verschwunden. Es half nur noch, im Browser direkt ein Lesezeichen auf die Freundesliste mit allen Freunden zu setzen.

  5. gabi schweiger am

    danke für diese interessanten tipps. ein frage noch: wie markieren ich „alle“ freunde, ohne jede_n einzelne_n anklicken zu müssen? danke im voraus

    • Dennis Horn am

      @gabi schweiger: Da ist mir leider keine Möglichkeit für bekannt. Ich habe tatsächlich alle einzeln und händisch angeklickt.

  6. Ich wollte Social fixer downloaden. Firefox sagt: Firefox hat diese Website am installieren eines nicht verifizierten Add-Ons gehindert.

    • Dennis Horn am

      @Gisela: Das liegt offenbar daran, dass Matt Kruse als Entwickler dieses Plug-in nicht für den Firefox hat verifizieren lassen.

    • @Gisela:
      Sie können diese Sperre (allerdings nur noch für einige Folgeversionen) auch umgehen [*]:
      1. in der FireFox-Titelleiste
      about:config
      eingeben und Enter drücken
      2. die angezeigte Warnung mit Klick auf die blaue Checkbox bestätigen
      3. im Suchfeld
      xpinstall.signatures.required
      eingeben
      4. diesen Eintrag mit einem Doppelklick ändern; die Zeile muss dann so aussehen
      xpinstall.signatures.required – user set – boolean -false
      5. FireFox schließen und neu starten
      6. jetzt können Sie wieder jedes Ihrer Wunsch-AddOns installieren bzw. nutzen [*]

      [*] ohne jegliche Gewähr und natürlich auf Ihre eigene Gefahr :)

  7. Michael Kann am

    Ich habe noch ein anderes Problem mit dem „FB-Algorithmus“. Ich bekomme regelmäßig Zeitstrafen für das Posten in Gruppen, auch meinen eigenen. Das besonders unschöne ist, dass während der Sperre die Inhalte für die Gruppenmitglieder nicht sichtbar sind.

    Jede Frage nach den Gründen für die Sperrung wird überhaupt nicht beantwortet, oder in Ausnahm Fälle, wir es auf den „Algorithmus“ geschoben, der Verstöße gegen die Regeln festgestellt hätte. Auf penetrantes Nachfassen, bekomme ich eine Liste der möglichen Verstöße, von den auch nicht ein einziges auf mich zutrifft. Wenn ich darauf hinweise, verstummt das FB-Orakel erneut.

    • Dennis Horn am

      @Michael Kann: Das berührt glaube ich nicht den Algorithmus, der ja ausschließlich für die Ausspielung von Inhalten auf der Startseite zuständig ist. Aber tatsächlich ist das ein Problem, auch was den mangelhaften Support von Facebook in solchen Fällen angeht, von dem Nutzer leider immer wieder berichten.

  8. Leider gibt es bei den Listen einen Nachteil, nach spätestens 2 Tagen sind die Einträge verschwunden, so ist es schwer, einen Eintrag wiederzufinden, wenn mann ihn nicht gespeichert hat.

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