Fairphone 3 – nachhaltig allein reicht nicht

https://blog.wdr.de/digitalistan/fairphone-3-nachhaltig-allein-reicht-nicht/

Fairphone 3 – nachhaltig allein reicht nicht

Kommentare zum Artikel: 12

Das Fairphone an sich ist eine bestechende Idee: Da schafft es ein europäischer Hersteller, ein möglichst nachhaltiges Smartphone zu produzieren, dessen Akku sich wechseln lässt, bei dem mit etwas Schrauberei auch andere Bauteile getauscht werden können und das sich gegen andere Geräte der Smartphone-Mittelklasse durchaus behaupten kann – und das über mittlerweile drei Gerätegenerationen hinweg.

Doch ein Problem bleibt: Das Fairphone und andere nachhaltig produzierte Geräte wie das Shiftphone aus Deutschland kommen auf keine nennenswerten Marktanteile. Die Platzhirsche sind nach wie vor (und in dieser Reihenfolge) Samsung, Huawei und Apple – und andere, die Geräte herstellen, die so stark verbaut und verklebt sind, dass sie in Einzelfällen noch nicht einmal von Reperaturwerkstätten angenommen werden.

Mein Kollege Jörg Schieb schrieb hier in Digitalistan zuletzt: Wer sich für Nachhaltigkeit interessiere, müsse die Anschaffung eines nachhaltigen Smartphones erwägen – und brummte damit etwas einseitig den Käufern die Schuld für die niedrigen Marktanteile auf. Das finde ich zu kurz gedacht, denn Nachhaltigkeit allein ist kein Kaufgrund. Das Smartphone ist eins der wichtigsten Alltagswerkzeuge. Da geben auch andere Punkte den Ausschlag.

Audioplayer

IFA 2019: Produkte für First World Problems? (Bayern 2 Tagesticket mit Anna Bühler und Dennis Horn)

Auf der IFA hatte ich die Gelegenheit, das Fairphone 3 etwas ausführlicher zu nutzen. Nimmt man es in die Hand, wird auch recht schnell klar, wo das Gerät noch immer seine Probleme hat. Es ist zum Beispiel – auch in der dritten Generation – noch deutlich zu klobig und zu schwer. Das liegt natürlich auch an seiner modularen Bauweise. Trotzdem muss der Hersteller aus meiner Sicht vor allem an Haptik und Optik arbeiten.

Außerdem hat die eingebaute Technik noch immer zu viel Abstand zur Konkurrenz. Ich war zwar überrascht davon, wie gut Display und Kamera mittlerweile sind. Das Display schön hell und scharf, die Kamera mit ordentlichen Fotos mit nur einer Linse. Das aber auch nur, solange die Lichtverhältnisse stimmen. Und die Fotos der Selfie-Kamera fand ich nur wenig überzeugend. (Und das lag nicht an meinem Gesicht!)

Verglichen mit anderen Mittelklasse-Smartphones ist das Fairphone 3 am Ende nicht ganz billig. 450 Euro werden fällig. Dafür tut das Gerät zwar, was es soll – aber das reicht den Käufern ganz offenbar noch nicht aus. Sollen sich mehr Menschen für den Faktor Nachhaltigkeit entscheiden, müssten Fairphone und seine Konkurrenten auch stärker an den Punkten arbeiten, die mit Nachhaltigkeit erst einmal gar nichts zu tun haben.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

12 Kommentare

  1. The Fairphone 2’s 2,420mAh battery can last up to 2 days, but if you are being very active on the phone, downloading files, installing apps, browsing or updating the software, this can drain the battery significantly.

  2. Dennis Horn am

    @OFF_LEINER: Wir haben Ihren Kommentar gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Blogregeln und vermeiden Sie Wiederholungen immer gleichen Inhalts.

  3. Hallo OlliFair,
    die doppelte Nutzungsdauer würde ich pauschal mal in Frage stellen. Wenn im Vergleich mit einem Normalo-Gerät für die gleiche Leistungsklasse der knapp doppelte Preis fällig wird, sollte es auch knapp doppelt so lange halten, das ist richtig. Dazu müsste also beim Normalo-Gerät mindestens ein Akku fällig werden oder ein anderer irreparabler Defekt eintreten. Denn passiert das nicht, kann ich auch mit einem Normalgerät der selben Leistungsklasse ohne große Probleme rund 4 Jahre erreichen (bis es zu langsam wird oder Software aufgrund veraltetem OS nicht mehr nutzbar ist).
    Die Geschwindigkeit wird beim FP3 im Alter genauso abnehmen, da es die selben Komponenten nutzt. Da hat es keinen Vorteil.
    Nur die Softwareaktualisierung macht noch einen Unterschied: wenn ich richtig gelesen habe, ist das Fairphone 2 aktuell immer noch auf Android 7.1 zuzüglich einigen Updates/Patches, das ist okay, aber aktuell würde ich es auch nicht nennen. Immerhin werden 2 Jahre lang Aktualisierungen garantiert, d.h. ab Vorstellung wären das 5 Jahre bei angenommenen 3 Jahren bis zum Verkaufsende. Dann muss man aber Erstkäufer sein, sonst reduziert sich das natürlich.
    Geht mein Normalogerät also aus Versehen _nicht_ unplanmäßig kaputt, hält das FP “nur” knapp 1,5fach so lange und ist folglich immer noch teurer. Dafür hat man halt ein gutes Gewissen, das muss dann jeder für sich selbst wissen.

    • OlliFair am

      Hallo _RGTech,
      ich sehe das im Prinzip genauso.
      Für mich kommt das FP3 jetzt gerade zum richtigen Zeitpunkt, so dass ich es hoffentlich mindestens 5 Jahre (die hat Fairphone zugesagt) mit Sicherheits-Updates nutzen kann .
      Ein Mittelklassegerät für 200€, dass eventuell schon ein Jahr auf dem Markt ist, kommt hingegen in der Regel auf weniger als 2 Jahre Update-Service.
      Wenn man das FP3 in 3 Jahren kauft, wird die Situation anders sein, zumal der Neupreis für ein Fairphone erfahrungsgemäß kaum sinkt.
      Daher halte ich die Fairphone-Philosophie, nur alle 4 Jahre ein neues Gerät auf den Markt zu bringen, für überdenkenswert.
      Man will ja nicht alle 2 Jahre ein neues Phone kaufen, aber wenn man ein neues benötigt, sollte es einigermaßen aktuell sein.

    • Heiko Frieling am

      Man hat nicht nur ein gutes Gewissen, man hat ein Handy gekauft das wesentlich weniger negative Auswirkungen auf Rohstoffverbrauch, Arbeitseinsatz und faire Löhne hatte. Und genau das bezahlt man mit dem Aufpreis. Ist doch genau wie mit Fleisch, billig zu Ungunsten von Tieren und Umwelt oder angemessen teuer und alles in allem schon Mal fairer als das konventionelle (wenn auch ausbaufähig). Ich hab das FP3 allein aus diesen Gründen gekauft.

  4. OlliFair am

    Den Preis des Fairphones mit dem eines anderen Mittelklasse-Smartphones zu vergleichen ist nicht ganz fair. Man müsste es mit dem Preis von zwei Mittelklasse-Smartphones vergleichen, da ich es ja auch wenigstens doppelt so lange nutzen kann.
    Mein jetziges Galaxy S6 kann ich eigentlich nicht mehr verwenden. Nach 3 Jahren werden bereits keine Sicherheits-Updates mehr geliefert. Somit ist es z.B. für Online-Banking nicht mehr geeignet.

    Schön, dass das Faiphone etwas klobig und aus (recycletem) Kunststoff ist. Diese schicken, modernen Dinger sind ja so glatt, dass man sie erst in einem Bumper verstecken muss, damit sie einem nicht aus der Hand fallen.

    Ich freue mich jedenfalls auf mein bereits bestelltes Fairphone3.

  5. Oliver Heun am

    Hallo,
    solange es millionenschwere Werbekampagnen gibt, die uns einreden, Geiz sei geil, wird der Marktanteil klein bleiben. Wenn ich für ein mit Fairnessanstrengungen produziertes Gerät im Schnitt 200 Euro mehr zahlen muss, ist das ein wesentliches Problem. Mit einem Umdenken des Verbrauchers verändert sich aber die Perspektive und die vermeintlich fairen Geräte sind nicht zu teuer, sondern die anderen Geräte zu billig. Und ja, zu billig geht, wenn an der Liefer- und Produktionskette Menschen und Umwelt verantwortungslos ausgebeutet werden, um einen Tiefstpreis überhaupt erst möglich zu machen.

  6. Als Käufer hat man immer eine Zwickmühle. Soll das Gerät nun preiswert, leistungsstark oder fair sein? Sie dürfen sich leider immer nur max. 2 Eigenschaften aussuchen. Und der Fokus der Menschheit (sowohl der großen Hersteller als auch der Konsumenten) liegt deutlich auf den ersten beiden.

    Ein einzelner Hersteller kann an der Umwelttaktik der Großen nicht viel bewegen. Und die Masse setzt die Prioritäten nun mal anders. Genaugenommen ist da also die Politik gefordert.
    Beim Thema einheitliche Ladestecker haben sie es, zumindest theoretisch, geschafft (na ja – 3 Standards haben geräteseitig überlebt, aber auch nur, weil es eher Datenschnittstellen mit zufälliger Ladefunktion sind). Auch beim Leuchtmittelwechsel am PKW-Scheinwerfer sieht es heute besser aus als vor 20 Jahren. Das hat die Industrie auch nicht freiwillig gemacht (obwohl der positive Nebeneffekt, dass die Scheinwerfer gleich eingestellt wurden, nicht ganz verkehrt war).
    Die Austauschbarkeit eines Akkus oder rudimentäre Reparierbarkeit* können sicher auch politisch ins Lastenheft geschrieben werden. Natürlich mit Ausnahmen, z.B. für wassergeschützte Geräte.

    Andererseits ist der Akku allein nicht mal das größte Argument für Nachhaltigkeit. Displayschäden machen den Großteil der Reparaturen oder Tauschgründe aus. Da sind die schickeren Geräte gern anfälliger; was einen Rand hat, sieht altmodisch aus, ist aber besser geschützt. Zudem sind abgerundete Displays fast nur durch Kleben zu befestigen.
    Wer ein paar € in eine (zugegeben optisch manchmal fragwürdige) Schutzhülle steckt, hat da häufig schon vorgebeugt.
    Selbst der wird sein Gerät aber auch irgendwann tauschen – und hier kommen Gründe ins Spiel, wo auch das beste Fairphone versagen wird: Entweder will er dem Provider nichts schenken und bestellt nach jeder Vertragslaufzeit einen Nachfolger (das alte Gerät wandert immerhin oft in der Familie ein- oder zweimal weiter, bis auch da nichts mehr zu reparieren ist), oder die Leistung ist nicht mehr wirklich ausreichend – es wird langsam. Das kostet Zeit und nervt. Das war z.B. (neben einer Displaymacke) mein persönlicher Grund, vor 1 Jahr das alte gebraucht erworbene iPhone 4 doch aufzugeben; der Akku war noch OK. Ein gleich altes Fairphone hätte da trotz Reparierbarkeit keinen Vorteil mehr geboten und wäre genauso ausgemustert worden.

    Das mit der Leistung können wir nicht abstellen. Mehr Inhalte fordern mehr Leistung. Mehr Leistung wird auch ausgenutzt von mehr Inhalten. Diese Schleife ist der IT schon seit den 70ern, noch lange vor Windows, nichts Neues. (Dass diverse Discounter und Supermärkte Geräte verkaufen, die schon neu am untersten Limit der Benutzbarkeit sind, quasi fabrikneuer Elektroschrott, tut mir ebenfalls weh… warum darf sowas produziert werden?) Und – da widerspreche ich dem Herrn NKR aufs Entschiedenste – bei der Zeit, die mit den Geräten heute verbracht wird, egal zu welcher Funktion, ist Verzicht oder Einschränkung auf asketisches Level einfach keine Option mehr. Ich kenne genug Haushalte, wo ein PC oder Laptop nur noch selten genutzt wird, das Smartphone aber ständig*. Und das muss dann einfach funktionieren.

    An den Verträgen hingegen kann man schrauben. Die Bundles, die mit “immer dem neusten Smartphone” locken, sind viel zu beliebt aufgrund der niedrigen Einstiegskosten (man least bzw. finanziert sich sein Gerät quasi, und hat dazu oft sogar Austauschservice). Erst wenn man nach 2 Jahren nicht aussteigt, zahlt man drauf und der Anbieter freut sich. Da könnte man was drehen. Nicht nur politisch im großen Stil, sondern da könnte auch jeder für sich selber was machen. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern bares Geld.

    * = Das wird wohl eine Theorie bleiben, denn die Ersatzteil- und Servicepreise sind bestimmt nicht niedrig genug, um eine “zeitwertgerechte Reparatur” nach 2 Jahren sicherzustellen.

    ** = ich bin da kein Beispiel für; bei mir hält eine Akkuladung 4-8 Tage und ich bin genervt, wenn ich da mehr als 10 Minuten dranhängen muss. Dafür laufen bei mir aber deutlich mehr Laptops und PCs als im Durchschnitt. Aus allen Altersklassen, Ausnahme Pentium 4 (diese Heizkisten sind längst verschrottet).

  7. Jürgen Schier am

    Lieber Dennis Horn!
    Nachhaltigkeit hat nicht nur was Geräten wie dem Fairphone zu tun, sondern auch wie lange aktuelle Geräte von den Herstellern supportet werden. Eine “Lebensdauer” zwischen 6 Monaten und zwei Jahren sind Unsinn und sorgen für rasch wachsende Elektronik-Müllberge und hohen Resourcenverbrauch. Wenn man sich persönlich für Nachhaltigkeit entscheidet, schießt man alle Hersteller samt Google in den Wind und supportet sich selbst. Ergebnis: Ich telefoniere immer noch mit einem Galaxy S. Außer einem zweiten Akku hat dieses Gerät noch keine weiteren Ersatzteile erhalten. Dafür verzichte ich auch gerne auf alle prominente Apps.

  8. Hallo Herr Horn, vielen Dank, dass Sie das Thema nachhaltige Medien anschneiden. Ich stimme völlig zu, dass gerade hier nachgedacht werden muss. Angesichts der knappen Ressourcen, die im Kontext der Smartphone-Industrie scheinends verpulvert werden, fällt es mir jedoch schwer Ihren Standpunkt das Smartphone sei “eines der wichtigsten Alltagswerkzeuge” zu unterstützen. Das ist nicht so und sollte es niemals werden. Vielmehr stellt das Smartphone ein Luxusgut dar, das unangemessen hoch sichtbare und unsichtbare Ressourcen verbrennt.
    In Ihrem Artikel wird meines Erachtens die Werbebotschaft der Industrie allzu brav vermittelt. Jenseits der Vierzig kann sich die Einsicht einstellen, dass nicht jeder Mensch ein Auto besitzen kann. Ebenso wenig kann es erstrebenswert sein, dass jeder Menschen ein Smartphone besäße und 24/7 nutze. Ich halte das für utopistische (und auch eher unreife) Gedanken der Jünger der Smartphone-Industrie und der Werbung.
    Besser wäre es im Konsum des Handys Bescheidenheit anzustreben, z.B. private und berufliche Nutzung zu unterscheiden. Handlungszwänge sind nicht echt, sondern konstruiert. Niemand muss ein Smartphone nutzen. Wir machen das, und hier schließe ich mich ehrlicherweise ein, weil die Bequemlichkeit und Meinungstrends dazu verführen können. Es ist Zeit umzudenken.
    Herzlichst NKR

    • G. Lamsfuss am

      Guten Tag, grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass Smartphones und generell der Umgang mit Hochtechnologie mit Augenmass betrieben werden sollte, um unnötigen Resourcenverbrauch zu verhindern. Smartphones sind aber heutzutage für viele Menschen Ersatz für viele alte Geräte, wie z.B. Radio, Fernseher, Computer nebst Peripherie. Das unsägliche Ausdrucken von Dokumenten hat sich ebenfalls in vielen Privathaushalten reduziert. Smartphones benötigen verglichen mit den veralteten Geräten auch erheblich weniger Energie. Ich sehe daher in der Nutzung des Smartphones nicht nur einen unnötigen Resourcenverbrauch, sondern auch eine Möglichkeit, diesen zu reduzieren. Ein guter Ansatz ist meiner Meinung nach deshalb genau der, diese Geräte so resourcenschonend wie möglich zu machen, und die täglich zu nutzenden Funktionen in einer, eben dieser, Geräteklasse zu konzentrieren.

  9. Hallo Herr Horn,
    als zukünftiger Besitzer eines Telefones von shift möchte ich ich doch widersprechen: die von Ihnen kritisierten Punkte sind grundsätzlich richtig – leider können diese Firmen diese aber selber kaum lösen! Die Stückzahlen sind im Vergleich extrem klein, somit Skaleneffekte nicht vorhanden und alleine die Bauteilkosten deutlich höher. Desweiteren sind diese Hersteller in einem riesen Gewirr von Patenten und Markenrechten gefangen und werden so stark behindert das technisch Machbare aus den Komponenten herauszuholen. Zumal nur ein kleiner – meist älterer – Teil von Komponenten für diese Hersteller überhaupt zugänglich ist! Solange der Gesetzgeber es nicht einmal schafft eine einheitliche Ladetechnik durchzusetzen, so wird es für diese Firmen immer schwer sein auf Augenhöhe mit den Großen dieser Branche zu agieren …

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Solve : *
13 + 4 =


Top