Gesichtserkennung am Bahnhof bringt nichts

https://blog.wdr.de/digitalistan/gesichtserkennung-am-bahnhof-bringt-nichts/

Gesichtserkennung am Bahnhof bringt nichts

Kommentare zum Artikel: 10

Man stelle sich folgende Durchsage im Zug vor: „Nächster Halt. Bahnhof Südkreuz. Bitte machen Sie ein neutrales Gesicht. Nehmen Sie die Sonnbrille ab. Verdecken Sie Ihren Mund nicht mit dem Schal. Kopfbedeckungen sind zu entfernen. Denn die Polizei möchte sehen, wer ein- und aussteigt.“

Ab heute wird der Bahnhof Südkreuz in Berlin von Hightech-Kameras überwacht. Von Kameras, die in der Lage sein sollen, Gesichter von Passanten zu erkennen – und sie live mit Fahndungslisten abzugleichen. Wird jemand entdeckt, der in der Datenbank gespeichert ist, schlägt das System Alarm. Um die Zuverlässigkeit der Kameras zu testen, haben sich 200 ganz normale Menschen freiwillig gemeldet. Menschen, die immer wieder mal am Südkreuz auftauchen. Sechs Monate soll der Test dauern.

Pilotprojekt: Kamera kann Gesichter von Passanten identifizieren; Rechte: dpa/Picture Alliance

Pilotprojekt: Kamera kann Gesichter von Passanten identifizieren

De Maizière will unser Sicherheitsgefühl erhöhen

Ein gut gewählter Zeitpunkt für so einen Test – wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärt uns auch, was er vor hat: Er will damit das „Sicherheitsgefühl der Bürger“ erhöhen. Ich glaube ihm, dass er das Sicherheitsgefühl erhöhen möchte. Aber es ist eben bestenfalls das Gefühl – nicht die Sicherheit selbst. Und selbst das wird ihm vermutlich nicht gelingen. Denn wozu soll so ein System gut sein? Im ersten Moment denkt man noch: Cool, wenn es solche Kameras gibt, kann sich keiner mehr verstecken. Wer gesucht wird, der wird früher oder später entdeckt – und kann gleich dingfest gemacht werden.

Doch das klappt natürlich auch nur, wenn die Person a) zuverlässig erkannt wird und b) 15 Sekunden später die Polizei vor Ort ist, um die Person festzunehmen. Extrem unrealistisch. Was will man also mit so einer Kamera erreichen? Ein tatsächlicher Straftäter, vor allem einer, der einen akuten Anschlag vorhat, wird sich einfach vermummen. Sonnenbrille auf. Tuch um. Fertig. Das hat doch auch in Hamburg gut funktioniert. Eine derart eingehüllte Person kann kein Kamerasystem identifizieren, egal wie teuer, egal wie gut.

Selbst Apps können mittlerweile Gesichter erkennen; Rechte: dpa/Picture Alliance

Abwehr von Terrorakten? Wohl eher nicht

Und selbst wenn sich jemand nicht verhüllt und tatsächlich in einer Datenbank als „Gefährder“ gespeichert ist: Was bitte soll dann passieren? Wirft die Kamera ein Fangnetz aus? Man muss doch die Kirche mal im Dorf lassen. Den Behörden sind bereits Hunderte von Gefährdern bekannt. Sie dürfen trotzdem frei rumlaufen. Daran hat auch die Tatsache nichts geändert, dass die Mehrzahl der Anschläge der letzten Zeit von bekannten Personen ausgegangen sind, von Personen, die trotzdem nicht verhaftet oder abgeschoben wurden. Was soll also eine alberne Kamera ausrichten?

Es liegen genügend Erkenntnisse vor – sie werden aber schlicht ignoriert. Mehr Erkenntnisse vergrößern das Problem doch eher als es zu verringern. „Abwehr von Terrorakten“? Ein leeres Versprechen. Solche Kameras können im besten Fall eine Hilfe bei der Aufklärung sein. Nachdem mal wieder etwas passiert ist.

Orwell am Südkreuz

All diese frustrierenden Tatsachen könnte man noch ignorieren, wären da nicht auch noch die erheblichen und vor allem absout begründeten Datenschutzbedenken, die mit solchen Kameras einhergehen. Denn moderne Kamerasysteme können in der Tat eine ganze Menge. Sofern sich Personen nicht komplett verhüllen, können sie mühelos Gesichter erkennen und Personen identifizieren. Dem Überwachungsstaat ist damit Tür und Tor geöffnet. Harmlose Menschen verhüllen sich nicht – und werden zuverlässig erkannt. Der Schwarzfahrer. Der Sprayer. Vor allem Du und ich. Es setzt schon eine Menge Vertrauen voraus, davon auszugehen, dass solche Technologien nicht missbraucht werden – jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Dieses Vertrauen habe ich nicht.

Lässt sich zusammenfassen: Die echten Straftäter haben nichts zu befürchten. Alle anderen schon. Klingt nach keinem guten Deal.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

10 Kommentare

  1. Martin Däniken am

    Ich glaube die Überwchungsheinis müssten den Service-Gedanken mal aufnehmen und verwirklichen(ist halb ernst gemeint!)
    Wenn man als Privatperson das Bild der Schwiegermutter an die Überwacher geben könnte und man sich dann vorwarnen lassen könnte,
    wenn diese auf dem heimischen Bahnhof zu einem Überraschungsbesuch anreist…um ein Klischee als Eisbrecher zuverwenden!
    Also den Überwachern Bilder von Leuten zu Verfügung stellt, vor denen man gewarnt werden möchte,wäre doch super Dienstleistung !
    -na denn wäre die ganze ablehnende Haltung Geschischte

  2. Martin Däniken am

    Kann es sein das Minister,ihre Zuarbeiter und dann Beschaffungstellen auf sie und ihre (das heisst unsere?)ausgerichtete „Werbung“ reinfallen,die ihnen von den Hersteller von sicherheitsrelevanter supadupa Hard und Software angeboten wird….
    Nein niemals neverever ,oder!

  3. Michael Stickling am

    Nach jedem Attentat ist das Geschrei groß. Kaum entscheidet sich Politik dafür etwas neues auszuprobieren, und um nichts anderes geht es hier, wird auch schon wieder rumgemotzt.
    Dieser Versuch kann und will nichts bringen. Es gibt ca. 200 freiwillige Testkandidaten anhand derer geprüft werden soll, wie weit Gesichtserkennungssysteme heute sind.
    Und ob solche Systeme erfolgreich sein können, bleibt durchaus abzuwarten.
    Klar, es gibt schon viele Möglichkeiten um den Bürger zu schützen. Aber der Teufel steckt wie immer im Detail und in der Situation. Egal was man macht, es wird immer neue Lücken geben. Wenn ein Mensch andere umbringen will und genügend kriminelle Energie dazu aufbringt, so wird es ihm zweifellos gelingen. Andererseits ist es so, daß jegliche Form der Vorbeugung eine Überwachungsmethode ist. Ob die nun auf elektronische Weise mit Kameras oder durch Beamte in Zivil oder in Uniform durchgeführt wird. Die geforderte Sicherheit bedeutet nun mal Abschied von Freiheit.
    Ich bin allerdings sehr wohl der Ansicht, daß sich ungescholtene Bürger sehr wohl frei und unbelastet überall bewegen können. Da sie nicht im Raster stehen, werden sie nicht erfasst. Für mich ist dies Gehampel so, wie bei Blitzern an der Straße. Alle sind am rumkrakelen „Abzocke“ und was nicht alles. Es gibt immer irgendeinen Grund, warum die Dinger da Blitzen. Verhält man sich Regelkonform, dann kommt auch kein Zahlschein. Genauso ist das bei Überwachungskameras.
    Wichtig ist hier aber noch eines: Daten der Bürger müssen geschützt werden. Bewegungsprofile dürfen nur dann ausgewertet werden, wenn es einen erhärteten Verdacht mit richterlicher Verfügung gibt. Fehler Überwachungen müssen unmittelbar zugegeben und ausgeräumt werden, ohne das der ungescholtene Bürger dabei zu Schaden kommt.
    Leider ist unser Leben heute so. Freiheit und Sicherheit gibt es so nicht mehr.

  4. Jo Beeck am

    Wer einen Eindruck über Orwellsche Ausspähungen und mögliche individuelle Folgen haben will- braucht nur den Film mit Will Smith / Der Staatsfeind Nr.1 (alle 2 Monate in Pro7) anzusehen !
    Mir reicht schon die Gefahr,dass es mich möglicherweise so treffen könnte-auch ohne politische Interessen!

  5. P. Gedoehns am

    Mit Herrn Schieb bin ich einer Meinung, denn das eigentliche Ziel wird mit den Kameras aller Voraussicht nach nicht erreicht.
    Das Kind ist bereits Ende 2015 in den Brunnen gefallen, als man nicht darauf geachtet hat, wer in unser Land kam und mit welcher Begründung er eingereist ist. Merkel sei Dank. :(
    Das geht zu Lasten der Bürger, die man jetzt auf Schritt und Tritt überwachen will und nicht zuletzt zu Lasten der Menschen, die wirklich vor Krieg geflüchtet sind und oft genug mit möglichen Terroristen und sonstigen Kriminellen ungerechtfertigt über einen Kamm geschoren werden.
    Um möglicher Kriminalität und künftig auch der Totalüberwachung aus dem Weg zu gehen, werde ich wie gewohnt mit meinem Auto fahren und keinesfalls mit der Bahn. In meiner Heimatstadt gibt es inzwischen Gegenden, in denen ich sogar meine Autotüren von innen verriegele, wenn ich an einer Ampel stehe.

  6. Ich möchte auf die Studie der Campbell Collaboration on Crime and Justice zum Thema „Die Wirksamkeit der Videoüberwachung“(*) hinweisen und aus deren Fazit zitieren:
    „… Insgesamt zeigten die Meta-Analysen […] ermutigende, aber differenzierte Ergebnisse zur präventiven Wirkung der Videoüberwachung. […] Hinsichtlich der Verhinderung von Gewalt in Stadtzentren oder in der U-Bahnen scheint die Videoüberwachung jedoch weniger geeignet zu sein. […] Selbstverständlich können die empirischen Befunde der dargestellten Meta-Analysen nicht die auf Werte der Liberalität und des Datenschutzes bezogene Diskussion um die Videoüberwachung ersetzen.“.
    (*)Quelle der Studie zum Download:
    kriminalpraevention.de/files/DFK/dfk-publikationen/2005_wirksamkeit_videoueberwachung.pdf
    .
    Ansonsten: guter Artikel, Herr Schieb; inklusive der völlig berechtigten Kritik!

  7. Leo Leonis am

    Wenn Sie den Kommentar von Jörg Schieb gelesen hätten, dann wäre Ihnen aufgefallen, dass genau die Haken und Ösen benannt werden, warum die Kamerraüberwachung so nicht funktionieren wird. Wenn die Polizei nach 5 min auftaucht, ist die erkannte Person mindestens 300 m weiter und nicht mehr wirklich greifbar.
    Auch ich finde es interessant, dass immer vom Sicherheitsgefühl der Bürger gesprochen wird, nie von der tatsächlichen Sicherheit.
    Der Innenminister muss nicht jeden Holzweg beschreiten, wenn klar ist, dass er nicht zum Erfolg führt. Mich erinnert dass an den Betrunkenen, der den Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es dort heller ist. Leider ist das wenig zielführend. Es sei denn, der Innenminister verfolgt eigentlich ein ganz anderes Ziel.
    Jörg Schieb, klären Sie ruhig weiter auf.

  8. Claus Hamacher am

    Tja, dann haben wir ein Problem, wenn auf der einen Seite alle nach mehr Sicherheit rufen und auf der anderen Seite jeder Ansatz, sie zu verbessern, gleich mit der Orwell-Keule bearbeitet wird.

    Ob das am Ende für die Arbeit der Polizei etwas bringt oder nicht, möchte ich gerne nach dem Versuch von Menschen hören, die sich mit Polizeiarbeit auskennen, nicht vorher von Jörg Schieb.

    • Oh, das ist dann aber keine öffentliche Debatte – natürlich möchte eine Polizei möglichst viele Werkzeuge an die Hand. Und diesen Wunsch kann ich auch gut verstehen. Aber welchen Preis man dafür zu zahlen bereit ist, diese Frage müssen eben andere beantworten.

      • Claus Hamacher am

        Aber sicher ist die Debatte öffentlich – warum sollte sie es nicht sein? Und für mich steht auch keineswegs fest, dass am Ende eines solchen Versuchs der mögliche Nutzen höher wiegt als die Gefahren für den Datenschutz, auf die Sie zu Recht hinweisen.

        Aber für eine vernünftige Abwägung müssen erst mal alle Argumente auf den Tisch und ich bezweifle – bei allem Respekt – dass Ihr Wissen über polizeiliche Methoden und den Nutzen der Erkenntnisse aus einer Videoüberwachung so profund ist wie Ihr technisches Wissen.

        Deshalb überzeugt mich der Artikel mit seinem bereits jetzt feststehenden Ergebnis nicht.

        Und @Leo Leonis (warum tun sich die Menschen eigentlich so schwer, mit ihrem echten Namen zu ihrer Meinung zu stehen?):

        Danke, ich habe den Kommentar sehr genau gelesen.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top