Gipfel der Unsicherheit

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Gipfel der Unsicherheit

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Der nationale IT-Gipfel der Bundesregierung heißt jetzt Digital-Gipfel und hat in diesem Jahr in erster Linie als Wahlkampfveranstaltung der die Große Koalition tragenden Parteien stattgefunden.

Schwerpunktthemen waren gestern und vorgestern im Ludwigshafener Pfalzbau „Industrie 4.0“ und Gesundheit 4.0“. Vor allen Dingen im Themenfeld der sogenannten „Digitalen Gesundheit“ wollte die Bundesregierung punkten.

700 Millionen Euro gibt die Bundesregierung für Big-Data-Projekte im Bereich individualisierter Medizin. 20 Milliarden Euro von der Regierung bis zum Jahr 2025 für den Ausbau von Breitbandinfrastruktur, damit die Datenpäckchen bei Telemedizin-Anwendungen auch mit der richtigen Geschwindigkeit durchs Netz sausen können.

Wem gehören die Patientendaten?

Wahlkampfzeiten sind eben auch immer Zeiten der warmen Geldregen. Auf dem Digital-Gipfel konnte sogar ausgiebig bestaunt werden, wie im intelligenten Operationssaal Roboter dem Chirugen zur Hand gehen und KI-Systeme Diagnose-Hinweise und Therapievorschläge abgeben.

In der Patientencloud sind dann alle Vitaldaten und ständige Auswertungen der Körperflüssigkeiten der Behandlungsbedürftigen rund um die Uhr verfügbar. Und mit Tablet und Pflegeroboter am Krankenbett soll die Gesundheitsindustrie satte Gewinne machen.

Wearables wie Fitness-Armbändchen verkaufen sich schon heute großartig. Künftig sollen dann noch die implantierten Chips dazu kommen, die unsere Körperdaten rund um die Uhr an das fürsorgliche Health-Computersystem funken.

Brave neue Welt der Gesundheit

Solche Technikentwürfe werfen natürlich viele Fragen auf. Wem gehören beispielsweise meine Körperdaten, die da rund um die Uhr von E-Health-Systemen ausgewertet werden? „Das Konzept des Dateneigentums ist da eher schädlich“, meinte der Theologie-Professor Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates.

Noch wichtiger ist für viele die Frage: Wie sicher ist denn so ein intelligenter Operationssaal? Nicht dass sich da während der Operation jemand reinhackt und statt der linken Niere die Leber entfernt. Das wäre fatal.

Nachdem in Großbritannien mehrere Kliniken und zahlreiche Arztpraxen den Betrieb einstellen mussten, sogar Chemotherapien unterbrochen wurden, weil der Wannacry-Virus die Patientendaten verschlüsselt hatte, stellen sich solche Fragen natürlich.

„Für solche Sicherheitsfragen ist der Innenminister zuständig“, meinte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Der hatte seinen Staatsekretär Ole Schröder zum IT-Gipfel geschickt. Und Ole Schröder warb entsprechend: „Die Daten sind sicher!“

In der digitalen Klinik ist der Patient buchstäblich gläsern. Doch wie seine Daten sicher verarbeitet werden können, daran muss noch geforscht werden.

Nur mit welchen Methoden diese Datensicherheit hergestellt werden soll, darüber wurde auf dem Gipfel seitens der Bundesregierung nicht gesprochen. Brauchen wir hier eine Meldepflicht für Sicherheitslücken in E-Health-Systemen? Welche Sicherheitskriterien müssen wir für die sogenannten kritischen Infrastrukturen im Medizinbereich entwickeln und verabschieden?

Mit diesen Fragen mag die Bundesregierung sich nicht auf der mühsamen Fachebene auseinandersetzen. Das ist auf dem Digital-Gipfel in dieser Woche in Ludwigshafen überaus deutlich geworden. Und damit ist auch klar geworden, wo die Risiken der Digitalisierung liegen.

Das Risiko ist die Digitalisierungspolitik, die weder Konsequenzen noch Risiken und konkrete Gefahren systematisch bedenken will.

Über den Autor

Peter Welchering arbeit seit 1983 für Radio, Fernsehen und Print (u.a. Deutschlandradio, ZDF, verschiedene ARD-Sender, FAZ) und hat verschiedene Lehraufträge an Journalistenschulen in Deutschland und anderen Ländern. Online ist Welchering seit 1983.

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