Goldgräberstimmung im Virtuellen

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Goldgräberstimmung im Virtuellen

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Eigentlich sollte es am Sonntagabend (21.02.2016) beim großen Event von Samsung in Barcelona um die neuen Smartphones des Herstellers gehen. Für mehr Aufmerksamkeit sorgte aber der Auftritt eines prominenten Gastes: Mark Zuckerberg wurde auf die Bühne geholt und sprach über die gemeinsamen Pläne von Samsung und Facebook. Zusammen will man die Zukunft von Virtual Reality (VR) bestimmen.

Das ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert: Normalerweise ist bei so einer Produktvorstellung das neue Gerät der King und nicht der Chef eines anderen Unternehmens. Zudem räumte Samsung dem Thema VR extrem viel Raum ein. Alle Zuschauer vor Ort hatten eine VR-Brille vor den Augen, eine neue Kamera für 360-Grad-Videos wurde vorgestellt und auch das neu Smartphone S7 hat besonders gute Grafikfähigkeiten, wie man sie eben für Virtual Reality benötigt. VR spielt offensichtlich in Samsungs künftiger Strategie für mobile Geräte eine wichtige Rolle.

Milliarden-Umsätze erwartet

Das Thema VR erfährt gerade eine unglaubliche Beschleunigung. Ständig werden neue Geräte angekündigt und Plattformen für VR-Inhalte starten in die Beta-Phase. Warum das alles? Die US-Bank PiperJaffray glaubt, dass der aktuelle Stand von VR vergleichbar mit dem von Mobiltelefonen im Jahr 2000 ist, heißt es in einer Studie (PDF, Englisch). Für 2025 rechnet das Bankhaus mit einem weltweiten Umsatz von mehr als 60 Milliarden US-Dollar durch den Verkauf von VR-Technik und -Inhalten.

Es herrscht Goldgräberstimmung im VR-Geschäft. Endlich gibt es wieder einen technischen Bereich, in dem der Markt noch nicht gesättigt ist und es noch keine Standards gibt. Unzählige kleine und einige große Firmen versuchen mit ihren Ideen für Kameras und Software eine Vorreiter-Rolle zu übernehmen. Wirklich gelungen ist das bisher aber noch niemandem. Die Produktion höherwertiger 360-Grad-Videos, einem Bereich der VR-Thematik, ist heute noch recht kompliziert und die vermeintlich einfachen Lösung (beispielsweise die Kodak SP 360) überzeugen nicht.

Facebook hat sich zunächst zwei Felder ausgesucht, in denen VR weiterentwickelt werden soll. Eine neue Streaming-Technik soll es einfacher machen, Inhalte in hoher Qualität wiederzugeben. Außerdem – das war abzusehen – will Facebook „Social VR“ vorantreiben. Menschen an verschiedenen Orten sollen sich per VR-Technik zusammenschalten können.

Viele Ankündigungen – wenige fertige Geräte

Mitunter treibt der Wunsch der Firmen, ihre Claims abzustecken, merkwürdige Blüten. So kann die Kamera „Sphericam 2“ zwar ab sofort für 2.500 US-Dollar vorbestellt werden, aktuelle Demo-Videos oder Tests gibt es aber nicht. Man kann also überhaupt nicht einschätzen, ob die Kamera ihren Preis Wert ist. Ähnliches gilt auch für die 60.000 US-Dollar teure Kamera Nokia Ozo: Bestellen ja – angucken nein.

Auch auf Seite der Produzenten scharren alle mit den Füßen. Kürzlich wies mich ein Kollege auf ein Unternehmen hin, dass auf seiner Homepage damit warb, dass es für den WDR 360-Grad-Videos produziert hätte. Ich habe kurzerhand angerufen, um zu erfahren für welche Redaktion produziert wurde und wo das Ergebnis zu sehen ist. Man erklärte mir, das sei ein „Misserständnis“ gewesen. Das WDR-Logo war am nächsten Tag nicht mehr auf der Seite.

Risiko: Konsumenten-Appetit

Die Bank PiperJaffray benennt in ihrer Studie auch Risiken für Unternehmen, die sich durch VR einen Umsatzschub erhoffen. Unklar sei beispielsweise wie groß der Appetit der Konsumenten auf Virtual Reality wirklich sei. Möglicherweise sei der Wert des VR-Erlebnisses nicht groß genug, um sie zu überzeugen eine VR-Brille zu tragen.

Wenn die Prognosen aber doch zutreffen, sieht das Bankhaus Fernsehgeräte- und Smartphone-Hersteller als Verlierer. Vielleicht engagiert sich Samsung auch deshalb jetzt so deutlich in dem neuen Bereich. (Dennis Horn berichtet vom Mobile World Congress übrigens, dass auch LG jetzt in VR macht)

Über den Autor

Elektronikbasteln hat David schon immer fasziniert. Nach BWL-Studium und WDR-Volontariat arbeitet er als Journalist für Fernseh- und Online-Redaktionen. Mit Stefan Domke hat er das Storytelling-Tool Pageflow erfunden, für das er 2014 einen Grimme Online Award bekam.

3 Kommentare

  1. Ich hoffe die Blase wird platzen, so wie Ende der 90er mit den .dot Firmen!
    Das Bild oben ist unfassbar: Wie könnne sich angeblich mündige erwachsene Menschen solch einem Spiele-Hype hingeben?
    Haben die alle Ihren Verstand an der Garderobe abgebeben?

  2. Es wird schon allein deswegen ein Erfolg, weil die Firmen jetzt so viel Geld in die Werbung stecken und die Brillen kostenlos verschenken. Wenn man jetzt noch ein paar Promis mit den Geräten ausstattet und die ihre Brillen-Fotos bei Instagram posten, wird der Absatz ganz schnell steigen.

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