Ich bewerte, also bin ich

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Ich bewerte, also bin ich

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Für das Ärzte-Bewertungsportal Jameda war das BGH-Urteil eine herbe Schlappe. Für alle anderen Portale, die mit Bewertungen ihr Geld verdienen, könnte das Urteil auch zu einem Problem werden – je nach konkretem Geschäftsmodell. Denn die Portale können sich nicht mehr ohne Weiteres auf den Standpunkt stellen, dass jeder lustig alles bewerten darf. Dabei stellt sich kaum einer die Frage, wieso wir eigentlich so gerne bewerten – und ob es am Ende wirklich nützlich ist, die Bewertungen anderer zu lesen?

Bewertungsportale haben mitunter fatale Folgen für die Bewerteten; Rechte: dpa/Picture Alliance

Bewertungsportale haben mitunter fatale Folgen für die Bewerteten

Wer bewertet eigentlich?

Klar, wenn wir ein Buch kaufen, die Anschaffung eines Fernsehers in Erwägung ziehen oder ein Hotel interessant finden, dann schweift der Blick zweifellos über die bereits hinterlassenen Bewertungen. Manche sind heiter, einige lobend, andere bitterböse. Wir nehmen die Bewertungen wahr und lassen uns unweigerlich beeinflussen. Das hat auf den ersten Blick einen enormen Nutzen. Wir fühlen uns informiert. Komischerweise fühlen wir uns aber nie manipuliert, dabei geschieht genau das auch – vielleicht sogar in erster Linie.

Denn niemand weiß, wer da bewertet. Klar, es kann nicht nur der Familien-Clan sein, der die traditionelle Pizzeria lobt, nicht nur das Personal des Hotels die eigene Anlage lobpreisen (oder die der Konkurrenz runtermachen). Aber am Ende kennen wir die Motivation jedes Einzelnen, der da bewertet, nicht. Vor allem Frust-Bewertungen dürften weit verbreitet sein: Ein, zwei Sachen schief gelaufen – dann wird online drauf los gefeuert. Alles runtergemacht. “Denen werde ich es zeigen!” Bewertungsportale als Machtmittel.

WDR Aktuell über das BGH-Urteil in Sachen Jameda; Rechte: WDR

WDR aktuell über das BGH-Urteil in Sachen Jameda (Bild anklicken)

Eine Macht, die oft missbraucht wird

Der Konsument hat eine Macht, die er früher nicht hatte – und die leider häufig missbraucht wird. Unzutreffende Bewertungen können Existenzen zerstören. Früher ist man einfach ferngeblieben, hat vielleicht den Freunden von seinen Erfahrungen berichtet. Heute weiß es die ganze Welt. Das Problem: Die Bewerter müssen sich für ihre Bewertung nicht verantworten. Bei TripAdvisor bekomme ich Punkte, wenn ich viel bewerte – und noch mehr Punkte, wenn diese Bewertungen eifrig gelesen werden. Das wertet einen auf – und motiviert, noch mehr zu schreiben. Im Zweifel auch dann, wenn ich gar keine Ahnung habe.

Apropos Ahnung: Profi-Kritiker verstehen in der Regel ihr Handwerk. Sie sind schon aus professionellen Gründen zur Fairness verpflichtet. Sie haben schon eine Menge gesehen oder probiert – und können daher sehr gut vergleichen. Das können Privatleute in der Regel nicht. Deshalb sollte man das, was in Bewertungsportalen steht, vielleicht nicht immer so ernst nehmen.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

2 Kommentare

  1. Bewerungsportale als Machtmittel

    Ich spendiere ein kleines t.

    Meinung Bewertungsportale als Machtmittel

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