Ich habe die neue ARD/ZDF-Onlinestudie gelesen, damit ihr es nicht müsst

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Ich habe die neue ARD/ZDF-Onlinestudie gelesen, damit ihr es nicht müsst

Kommentare zum Artikel: 6

Wenn man wissen möchte, wie das deutsche Internet und seine Bewohner so ticken, dann hilft am besten ein Blick in die ARD/ZDF-Onlinestudie. Sie blickt seit mittlerweile 20 Jahren auf die Internetnutzung in Deutschland.

In dieser Zeit hat sie uns zum Beispiel verraten, dass die Internetnutzer im Schnitt 4.621 D-Mark für ihre Computer ausgegeben haben (1997), dass ein Drittel von ihnen schon mindestens einmal online eingekauft hatte (1999) oder dass erstmals mehr „Silver Surfer“ ab 60 Jahren im Netz waren als 14- bis 19-Jährige (2007). Und seit heute gibt’s eine neue Ausgabe der Studie.

Weil es sich dabei um ordentlich Blattwerk handelt, dicht beschrieben, voller Statistiken und Erläuterungen, habe ich mich durch die wichtigsten Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie in diesem Jahr gekämpft und euch die wichtigsten Punkte in diesem Blogartikel zusammengefasst.

WDR Mediathek

Junge Nutzer sind im Schnitt 274 Minuten am Tag online – und führend in der Mediennutzung im Netz. Für sie spielen deshalb auch die Mediatheken der Sender eine größere Rolle.

Erstens: 90 Prozent der Deutschen sind online. 62,4 Millionen Menschen ab 14 Jahren in Deutschland sind Internetnutzer. Das entspricht 90 Prozent. Täglich gehen 50 Millionen Nutzer ins Internet. Das sind 72 Prozent. Beide Zahlen sind gegenüber dem Vorjahr noch einmal gestiegen, und wenn man die Studie so liest, scheint es, als wäre da noch immer Luft nach oben.

Zweitens: Die „jungen Leute“ nutzen das Netz viereinhalb Stunden am Tag. Wer 14 bis 29 Jahre alt ist, kommt im Schnitt auf 274 Minuten am Tag. Das ist ganz schön ordentlich – und zeigt gleichzeitig die Relevanz der digitalen Welt für „junge Leute“. Diese Generation wird zu Hause und im Job schon in kurzer Zeit auf eine ordentliche digitale Breitband-Infrastruktur angewiesen sein, die es in Deutschland nach wie vor nicht gibt.

Drittens: Die „jungen Leute“ sind im Netz vor allem Konsumenten. Fast alle Generationen nutzen das Netz vor allem zur Kommunikation, zum Surfen, Einkaufen oder Spielen. Nur die 14- bis 29-Jährigen nicht: Bei ihnen gehen von den 274 Minuten am Tag ganze 116 Minuten und damit rund 42 Prozent der Online-Zeit für die Mediennutzung drauf – aus Sicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für mich ein weiterer Beleg dafür, warum es einen zeitgemäßen digitalen Auftrag braucht.

Spotify

Musikstreamingdienste wie Spotify lassen die Zahlen für die Audionutzung steigen – vor allem Audiopodcasts bleiben aber eine Nische.

Viertens: Streaming explodiert. Sowohl beim Videostreaming als auch beim Audiostreaming haben die Nutzungszahlen ordentlich zugelegt. 23 Prozent der Nutzer nutzen mindestens einmal die Woche Videostreamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime, 19 Prozent Musikstreamingdienste wie Spotify oder Deezer. Die Nutzung von YouTube oder Mediatheken dagegen hat sich nicht groß weiterentwickelt.

Fünftens: Audio bleibt Nische. In meiner Filterblase spielte seit dem Hype um „Serial“ die Welt der Audiopodcasts wieder eine riesige Rolle. Die neue ARD/ZDF-Onlinestudie ist für Fans des gesprochenen Wortes aber leider wieder ernüchternd: 3 Prozent der Deutschen hören mindestens einmal die Woche zeitversetzt Radiosendungen. 4 Prozent hören mindestens einmal wöchentlich Podcasts, 3 Prozent Hörbücher oder Hörspiele im Netz.

Sechstens: Social Media stagniert – bis auf WhatsApp. 33 Prozent der Deuschen loggen sich mindestens einmal die Woche bei Facebook ein – im Jahr vorher waren es noch 34 Prozent. Auch die anderen sozialen Netzwerke verändern sich in ihren Reichweiten kaum: Instagram lag zuletzt bei 9 Prozent, Snapchat bei 6 Prozent wöchentlicher Nutzung. Nur WhatsApp baut weiter aus – und hat sich von 58 auf 64 Prozent gesteigert.

Twitter

Twitter ist und bleibt das soziale Netzwerk mit der größten Fallhöhe zwischen öffentlicher Wahrnehmung und tatsächlicher Nutzung.

Siebtens: Twitter ist für Nerds. Bei all der öffentlichen Wahrnehmung für Twitter – zuletzt vor allem dank der Tweets von Donald Trump – darf man nie vergessen, wie wenige Nutzer dort eigentlich aktiv sind. Nur 3 Prozent der Deutschen loggen sich mindestens einmal wöchentlich ein. Die Zahl ist gegenüber 2016 sogar um einen Prozentpunkt gesunken. (Aber nicht vergessen: Das gilt für Deutschland; in den USA zum Beispiel sieht die Lage etwas anders aus.)

Wenn ihr jetzt noch Lust habt, tiefer ins Zahlenwerk einzusteigen: auf der Website der ARD/ZDF-Onlinestudie findet ihr die Komplettversion.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

6 Kommentare

  1. Naja, irgendwer muss wohl schon „geschlafen“ haben – sonst wären wir ja, was Versorgung mit schnellem Internet für alle betrifft, nicht dort, wo wir heute sind, sondern schon viel weiter.

    Das Problem sind nicht die Wählermassen, sondern die Versäumnisse der Regierungsparteien der vergangenen acht bis zwölf Jahre.

  2. Tilo Barz am

    Achtens:

    Während die 14-29-Jährigen fast zwei Stunden täglich im „medialen Internet“ verbringen, kommen die 50-69-Jährigen hier nur auf 11 Minuten. Das sind aber die, die klassische Medienunternehmen lenken und Gesetze über Medienangebote im Internet machen – die sie selbst kaum kennen, geschweige denn nutzen. Die neue Studie zeigt, dass in dieser Dimension das krasseste „Digital Divide“ erkennbar wird (Faktor 11!), während es bei Betrachtung der Gesamtnutzung mit Faktor 3 geradezu moderat wirkt.

  3. Die BRD hat klar den Zug verpasst. Es ist daher höchste Eisenbahn mit dem digitalen Auftrag!
    Es wurde ja wie immer viel versprochen vor den Wahlen. Mal sehen, was nun kommt, wenn dem Bürger aus drei völlig unterschiedlichen Ansichten bald eine jamaikanische Einheitsmeinung präsentiert wird. Die CDU schläft (digital) immer noch etwas, die FDP würde am liebsten Top 1 of the www werden und die Grünen schaffen alles ab und übermitteln Infos ab 2020 nur noch auf Buschtrommeln (Rauchzeichen sind einfach zu umweltschädlich). Zusammen ergibt das: Jetzt!
    toll

    • Ich möchte ja nicht „parteiisch“ sein und für die Grünen in die Bresche springen, aber ich verstehe nicht ganz wieso Sie an Ihren ansonsten relativ neutralen Kommentar am Ende so eine völlig unsachliche Polemik anschließen. Man könnte meinen man befinde sich an einem CSU-Stammtisch. Die Grünen sind doch keine Primitivisten, die zurück zur Jäger- und Sammlergesellschaft wollen.
      Ich glaube, dass in der Führungsspitze und vor allem den wissenschaftlichen Beiräten kaum einer Partei, mit Ausnahme vielleicht der AfD, digital „geschlafen“ wird. Das Problem sind die Wählermassen, die keinerlei eigenen Zugang zu digitalen Themen haben und daher für die enormen Umbrüche der heutigen Zeit nicht zu sensibilisieren sind. Das könnte noch ein böses Ende nehmen.

      • Der digitale Umbruch ist kein Selbstzweck. Stell‘ dir vor, es gibt einen Fetisch der Konkurrenz und keiner geht hin. Die „Wählermassen“ haben ein gutes Recht darauf, sich dem digitalen Wandel zu entziehen.

        Und wo ist Ihre Schelte der Frauen? Die Audio-Nutzung durch Frauen im Internet ist sehr viel geringer als bei Männern. Das ist deren gutes Recht. Das Internet ist kein Selbstzweck, Konkurrenz und Innovation auch nicht.

        Porsches und SUVs sind das perverse Gegenstück zum Trabi. Unserer Gesellschaft täte es besser, wenn man von diesem Konkurrenz- und Innovationswahn abließe. Das Leben wäre viel entspannter.

        Aber: Dann sind wir nicht mehr „konkurrenzfähig“!

        Nur, wenn man davon ausgeht, daß alle anderen (Länder und Kulturen) unvermindert ebenfalls weiter dem Konkurrenzwahn huldigen.

        Das geschieht leider – und auch nicht. Denn auch anderswo werden die Menschen klüger.

        Paranoia und Feindschaft haben sich im 20. Jahrhundert von der militärischen in die wirtschaftliche Sphäre verlagert. Ein Fortschritt, aber noch nicht das Ende der Geschichte.

      • Ihr oben erwähntes „böses Ende“, ist allerdings völlig losgelöst bzw. unabhängig von der Digitalisierungsentwicklung, sondern wird vielmehr bestimmt durch die beiden größten Probleme dieses Planeten: Klimawandel und Überbevölkerung – das sind tatsächlich „die enormen Umbrüche der heutigen Zeit“, um Sie zu zitieren!
        Der Verlauf des Weltklimas lässt sich (wie man heute schon sieht) nur sehr begrenzt, in extrem langwierigen Prozessen beeinflussen; die Überbevölkerung ließe sich durchaus steuern, aber KEINE einzige Partei des europäischen Kontinents traut sich an dieses Thema; allein schon aus religiösen Gründen nicht!
        Also bleibt nur die Akzeptanz des Status Quo: Die Weltbevölkerung ist allein 2016 um rund 80 Millionen (ca. BRD-Population) gewachsen – Tendenz stetig steigend! Das ohnehin schon überstrapazierte Erdklima macht nicht nur ganze Kontinente absehbar unbewohnbar, sondern verträgt auch nur eine gewisse Populationsgröße, die heute schon nicht mehr ausbalanciert werden kann! Man bräuchte somit dringend einen „zweiten Planeten“; ob der vielumjubelte Mars dies sein wird oder überhaupt sein kann, sei dahingestellt.
        Um es abzuschließen:
        Das perspektivische Problem sind also nicht digitalblockierte, sensibilisierungsresistente „Wählermassen“, sondern vielmehr künftige Überlebensmassen (bedingt durch Arbeitslosigkeit, Hunger, Klima, Krieg), die man heute schon in den weltweiten Massenfluchtbewegungen erkennt und die sich ganz sicher nicht mit pseudoaktionistischen „Fluchtursachen bekämpfen!“-Floskeln wegdiskutieren lassen. Ob mit oder ohne Seehofer-Obergrenze, ob mit oder ohne Orban-Grenzzaun:, ob mit oder ohne grüngefärbter „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Ideolologie oder sonstigem (Links-Mitte-Rechts-)“Populismus“ oder was auch immer: abseh- und berechenbar stehen alle diese Menschen (dann in Milliardengrößenordnung!) vor den Toren Europas (und auch vor Trumps Amerika) und werden sich mit allen Mitteln Zutritt verschaffen. Das könnte (und wird vermutlich auch) für ALLE „noch ein böses Ende nehmen“, um Sie letztmalig zitieren zu dürfen…

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