Internetabhängigkeit – die Krankheit, die es vielleicht gar nicht gibt

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Internetabhängigkeit – die Krankheit, die es vielleicht gar nicht gibt

Kommentare zum Artikel: 25

Wenn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ihren Drogen- und Suchtbericht vorstellt, sorgt auch die „Internetabhängigkeit“ immer wieder für Schlagzeilen. Pünktlich vor der gamescom, die in der kommenden Woche in Köln steigt, legt Marlene Mortler der Bundespressekonferenz heute ihren Jahresbericht für 2017 vor. Darin widmet sie der „Computerspiel- und Internetabhängigkeit“ ein eigenes Kapitel.

„Wenn es an Medienkompetenz mangelt“, heißt es in dem Bericht, „können digitale Anwendungen eine Vielzahl gesundheitlicher Beeinträchtigungen hervorrufen, Online-Spiele genauso wie soziale Netzwerke.“ Der Bericht zitiert vor allem die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Laut dieser wiesen zuletzt rund sechs Prozent aller Jugendlichen eine behandlungsbedürftige internetbezogene Störung auf.

Die Zahlen hätten sich bei den 12- bis 17-Jährigen außerdem deutlich erhöht. 5,3 Prozent der Jungen seien zuletzt betroffen gewesen, unter den Mädchen sogar 6,2 Prozent – hier habe sich die Zahl gegenüber der ersten Erhebung 2011 fast verdoppelt. Die aktuellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2015 – sie liegen also heute möglicherweise noch einmal höher.

Jugendliche mit Smartphones

Mitglieder einer ganzen Generation sehen in ihrem Smartphone einen der wichtigsten Tagesbegleiter – und werden dafür mitunter zu Süchtigen erklärt.

„Hier ist der Internetkonsum völlig außer Kontrolle geraten“, schreibt die Drogenbeauftragte. Wenig anderes im Leben habe noch Bedeutung – nicht die Schule, nicht die Arbeit, häufig nicht einmal die eigene Familie.“ Ihre Forderung deshalb: mehr Prävention, ein wirkungsvollerer Jugendschutz im Netz und klare Orientierung für die Eltern in Sachen Medienkonsum.

Internetabhängigkeit? Da gibt es eine Diagnoseproblematik!

Was der Drogen- und Suchtbericht allerdings auch erwähnt: dass es eine „Diagnoseproblematik“ gibt. Das fängt schon bei den Computerspielen an: Der Drogen- und Suchtbericht zieht die „Internet Gaming Disorder“ heran, die seit 2013 im „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ enthalten sei, einer Art Diagnose-Bibel für psychische Erkrankungen.

Der Bericht der Drogenbeauftragten verschweigt allerdings, an welcher Stelle die „Internet Gaming Disorder“ in dem rund 1.000 Seiten dicken Handbuch aufgenommen wurde: im Anhang – zur weiteren Prüfung, weil sich die Autoren nicht einig darüber waren, ob die aufgeführten Symptome nicht auch Ausdruck anderer Krankheiten sein könnten. Das Handbuch steht seit langem in der Kritik, es trage zu einer Inflation von Diagnosen bei.

"World of Warcraft"

Das MMORPG „World of Warcraft“ gilt in der Diskussion um „Computerspielabhängigkeit“ als eins der potenziell gefährlichsten Spiele.

Die Fragen beginnen schon beim Begriff „Internet Gaming Disorder“: Was hat eine Computerpielabhängigkeit mit dem Netz zu tun? Fällt die Sucht nur aufs Netz zurück, wenn es einen Onlinezwang für ein Computerspiel gibt? Oder wenn es nicht mehr auf DVD gekauft, sondern über Steam bezogen wird? Macht „World of Warcraft“ als MMORPG süchtig, ein beliebiger Egoshooter im Offline-Single-player-Modus aber nicht?

Noch schwieriger wird es beim Thema „Internetabhängigkeit“: Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Jemand, der seinen Freundeskreis vernachlässigt und stattdessen jeden Tag stundenlang tindert, um nach Sexdates zu suchen – hat der ein Problem mit dem Internet oder mit seinem Sexleben? Jemand, der sauviel Geld verliert, weil er die Finger nicht von Sportwetten im Netz lassen kann – ist der internetsüchtig oder wettsüchtig? Jemand, der sich von Amazon und Zalando das Konto leerräumen lässt – geht es bei ihm um eine Internetabhängigkeit oder eine Shoppingabhängigkeit?

Sind Jugendliche, die mitunter exzessiv kommunizieren, internetsüchtig? Oder sind sie „kommunikationssüchtig“? Und ist ein solches Verhalten in diesem Alter nicht sogar recht normal? – vor allem bei Mädchen, die unter den 12- bis 17-Jährigen in der Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tatsächlich die Nase vorn haben.

E-Sport-Turnier

E-Sport – oder Computerspielabhängigkeit? Wenn die gamescom nächste Woche beginnt, werden auf der Messe in Köln sogar Politiker zu Gast sein, die im Wahlkampf versprechen, E-Sport stärker fördern zu wollen.

Das Internet ist ein eigenes Medium. Es ist keine Tätigkeit. Wir gehen nicht mehr an unseren Schreibtisch, schalten den Computer ein und starten den Einwählvorgang des Modems, um anschließend stundenlang „im World Wide Web zu surfen“. Online sind viele von uns heute rund um die Uhr – schließlich ist das Smartphone in unserer Hosentasche ständig auf Empfang. Allein die Frage, wie viele Stunden man am Tag denn so im Internet verbringe: Sie lässt sich fast gar nicht mehr beantworten.

Computerspielabhängigkeit? Einspruch aus der Wissenschaft!

Natürlich ziehen einige Menschen ihr Smartphone zu oft aus der Tasche – übrigens wesentlich problematischer als die stundenlange Nutzung an sich. Natürlich prüfen einige Menschen zu häufig, ob ihr Like-Status im sozialen Netzwerk noch zufriedenstellend ist. Und natürlich lassen einige Menschen Dinge liegen, weil sie zu viel Zeit mit Computerspielen verbringen.

Seit Jahren aber macht das Thema die Runde, als hätten wir es mit fertig erforschten Krankheitsbildern zu tun. Mal ist von „Internetabhängigkeit“ die Rede, mal von „Onlinesucht“, mal von „pathologischer Internetnutzung“. Dabei kommen aus der Wissenschaft auch Warnungen, Menschen dürften für ihre alltägliche Mediennutzung nicht zu Süchtigen erklärt werden.

Matrix-Bildschirmschoner

Eine Welt, in der wir online Freunde und Feinde finden, lernen und Prüfungen ablegen, Gronkh- und LeFloid-Fans werden, uns verlieben und wieder trennen – ist das schon die Matrix oder einfach nur ganz normal?

Ein Teil der Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigen, zweifelt daran, dass es solche Krankheitsbilder überhaupt gibt. Einer von ihnen fragt in der Süddeutschen Zeitung sogar, ob es überhaupt um eine ernsthafte Debatte gehe: „Vielmehr wirkt vieles so, als wolle eine Hardliner-Fraktion […] mit politischen Mitteln ihre Überzeugungen weltweit durchsetzen.“

Der polnische Dichter Piotr Czerski schrieb für DIE ZEIT vor fünf Jahren über seine (und damit auch meine) Generation: „Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit.“ Kann es sich um eine Verhaltenssucht handeln, wenn es gar kein „Verhalten“ ist, das Internet zu nutzen?

Es gibt sie, die Menschen, die exzessiv Facebook nutzen, Spiele zocken, in Apps versinken. Aber die Volkskrankheit „Internetabhängigkeit“ – gibt es die auch? Bevor der Begriff wie selbstverständlich Schlagzeilen macht, wäre eigentlich noch etwas mehr Forschung nötig – und noch ein paar mehr differenzierte Worte in den Berichten der Drogenbeauftragten.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

25 Kommentare

    • Dennis Horn am

      @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Das ändert nichts an meiner Kritik. In der ersten von Ihnen verlinkten Meldung über die Kritik an der Spielewirtschaft finden Sie einen Link zum Artikel „Computerspielsucht – Wenn das Daddeln kein Spiel ist“ von Planet Wissen.

      Darin lesen Sie: „Auch wenn Computerspielsucht nicht offiziell als eigenständige Krankheit anerkannt ist, können Betroffene dennoch Hilfe erhalten – über Umwege. Damit die Ärzte einen Patienten behandeln können, müssen sie ein psychisches Leiden diagnostizieren. Die Auslöser für eine Sucht können etwa Minderwertigkeitskomplexe, ein zu großer Leistungsdruck und Depressionen sein.“

      Genau das ist der Punkt: Auslöser ist nicht das Spiel an sich, sondern es sind Prädispositionen der Spielerinnen und Spieler. Ähnlich gilt es für Internet und Smartphone. Kritikerinnen und Kritiker der Krankheitsbegriffe „Computerspielabhängigkeit“ und „Internetabhängigkeit“ führen als Argument ja vor allem die Frage an, ob sich dahinter nicht eigentlich ganz andere Krankheitsbilder verbergen.

  1. Natürlich sind viele Leute abhängig von Apps und Smartphones. Das zu leugnen, ist geradezu irrwitzig. Tausende der fähigsten Designer dieses Planeten arbeiten ja genau daran, Leute abhängig zu machen. Das heißt dann z.B. „Persuasive Design“ oder „Habit Forming Products“. Wirf doch einfach mal einen Blick in das Buch „Hooked“, des auf der Bühne geradezu mephistophelisch wirkenden Nir Eyal. Oder lies dir die Interviews des iPone-Designers Tony Fadell durch. Oder sind die auch alle „nicht ernstzunehmend“, Dennis?
    http://www.sueddeutsche.de/digital/netzkolumne-warum-einer-der-erfinder-des-iphones-vor-seiner-schoepfung-warnt-1.3579703

    • Dennis Horn am

      @Graf E.: Für nicht ernstzunehmen halte ich in erster Linie – wie bereits in der Antwort auf den Nutzer SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG formuliert – den Ansatz von Manfred Spitzer.

      Alle anderen Punkte sind zunächst einmal Beiträge zur Debatte. Es gibt da ein Für und Wider, und ich schreibe im Artikel ja bereits, dass es das Problem exzessiver Nutzung durchaus gibt. Die Frage ist aber: Ist eine exzessive Nutzung mit einer Krankheit gleichzusetzen? Ist es also korrekt, von „Computerspiel- und Internetabhängigkeit“ zu sprechen? Zieht man dafür den Gradmesser der Medizin heran, nämlich die Frage, ob diese mutmaßlichen Krankheitsbilder in ICD-10 oder DSM-5 aufgeführt sind, lautet die Antwort: nein.

      • Im Artikel steht hauptsächlich, dass es kein Problem gibt. Der eine Absatz, in dem kurz darauf eingegangen wird, dass manche Menschen ihr Smartphone zu oft herausholen, wird danach sofort komplett relativiert.
        Wir sehen gerade das Phänomen, dass sehr viele Menschen Geräte und Anwendungen, die eigentlich zu ihrer Befreiung gedacht waren, zunehmend als Belastung empfinden.
        Ich könnte jetzt dutzende von Beispielen für dieses Unbehagen aufzählen, wie z.B., dass Facebook gerade das offensichtliche Unbehagen, das Leute mit ihrem Produkt haben, mit einer riesigen Anzeigenkampagne einzufangen versucht. Oder von meiner Bekannten erzählen, die kürzlich meinte, dass es sich für sie „wie Urlaub anfühlt“, wenn sie draussen merkt, dass sie das Smartphone daheim vergessen hat.
        Ich finde es erstaunlich, dass einem „Digitaletexperten“ des WDR zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung nichts anderes einfällt als dieser Artikel, der im grossem und ganzen behauptet, dass es gar kein Problem gibt. Die Frage, ob das in irgendwelchen medizinischen Fachkompendien als offizielles Krankheitsbild aufgenommen wird oder nicht, ist ein winziger Teilaspekt, der eigentlich vollkommen uninteressant ist. Oder ist das hier ein medizinischer Fachblog?

        • Dennis Horn am

          @Graf E.: Im Artikel steht nicht, dass es kein Problem gibt, sondern dass es ein Problem ist, in einem offiziellen Bericht und der damit verbundenen öffentlichen Debatte eine Krankheit als gegeben zu betrachten, die so gegeben überhaupt nicht ist. Und das ist kein winziger Teilaspekt, denn von der Einstufung und Benennung ist abhängig, wie eine ganze Gesellschaft mit diesem Thema umgeht.

          Wie wäre es, wenn wir statt von „Computerspiel- und Internetabhängigkeit“ schlicht von „exzessiver Nutzung“ sprächen? Dann hätte ich schon weitaus weniger Probleme damit.

          • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

            „Graf E.“ hat vollkommen recht:
            Selbstverständlich versuchen Sie, Herr Horn, permanent, das Suchtproblem entweder komplett zu leugnen oder herunterzuspielen oder zu verharmlosen.
            Und wenn jemand, wie ich, dieser unverantwortlichen Leugnung und Verharmlosung dennoch immer wieder widerspricht, dann werden seine Kommentare von Ihnen einfach gelöscht mit der Begründung, es handle sich um „Wiederholungen“ – solche sind also dem Normal-User verwehrt, Ihnen hingegen offenbar erlaubt, denn was tun Sie anderes als alles Digitale unentwegt zu verherrlichen und seine Gefahren zu leugnen – in ständigen Wiederholungen?
            Und Sie verharmlosen in Ihrer jüngsten Antwort auf „Graf E.“ schon wieder:
            „Exzessive Nutzung“ ist eben NICHT dasselbe wie das überall und täglich vermehrt zu beobachtende SUCHTVERHALTEN:
            Die Krankheit gibt es eben doch, und sie verschwindet ganz sicher nicht deshalb, weil Sie sie einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
            Und selbstverständlich ist es vollkommen korrekt und war längst überfällig, daß sie auch von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung endlich ernstgenommen und in ihrem Bericht das Kind endlich beim Namen genannt wird.

          • Dennis Horn am

            @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Selbstverständlich ist exzessive Nutzung keine Krankheit – und die Begründung für diesen Benennungsvorschlag finden Sie im Artikel.

            Gelöscht wird, was den Blogregeln widerspricht; diese finden Sie hinter dem Link unter dem Kommentarfeld. Es gab mehrfach Nutzer, die sich durch Ihre Kommentare gestört fühlten.

  2. Wer etwa jene App, die Digitalistanblogger Müller in seinem Artikel (vgl. blog.wdr.de/digitalistan/binky-eine-app-die-nichts-kann ) beschreibt, wirklich ernsthaft braucht oder „nutzt“, scheint m. E. tatsächlich einer gewissen „Internetabhängigkeit“ verfallen zu sein oder hat (wie es der Volksmund lapidar formulieren würde) wohl „einen an der Waffel“ – jedoch in ziemlich harmloser Ausprägung.
    Dies entspräche etwa, um das genannte Buchleserbeispiel aufzugreifen, jemandem, der z. B. in einem 300 Seiten umfassenden Buch „stöbert“, dessen Inhalt nur aus weißen Blättern besteht. Wer sich allerdings derart „ablenkt“, kann zumindest keinen sonstigen Unfug anstellen, der anderen schaden könnte.
    So gesehen, ist es wiederum völlig egal und vielleicht sogar begrüßenswert.

    • @C.Z.: Vielleicht sieht wer diese App „nutzt“, die Dinge ähnlich kritisch – und hält „Blinky“ für eine gute Möglichkeit, Menschen darauf hinzuweisen, was für eine Übersprungbewegung manche Tipperei auf denn Smartphone auch ist? Oder: Er hat einfach einen Humor, den Sie schlicht nicht teilen?

  3. suchtversauftagter am

    Und das ist ab wann ein Problem? Und wenn es denn dann ein Problem ist, wäre es auch eins, wenn sie anstelle im Internet zu surfen ein Buch lesen würden?

  4. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Wer noch nicht überall und jederzeit im Suchtphone versunken ist und deshalb mit offenen Sinnen und wahrnehmungsfähig durchs Leben geht, kann nicht ernsthaft an der Existenz von Internetabhängigkeit und -sucht zweifeln:

    Man fahre – nur eine Woche lang! – täglich morgens und abends Bus, U-Bahn und Zug oder gehe auf den Straßen umher und beobachte, wie viele Menschen komplett weggetreten in ihren Suchtphonen weggetreten sind, unfähig, noch irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb dieses Suchtinstruments wahrzunehmen – eingeschlossen leider immer öfter ihre eigenen kleinen Kinder, die völlig verloren neben ihren suchtkranken Mamas und Papas sitzen…

    Man unterrichte – wie ich – an einer Hochschule und bekomme täglich (!) mit, wie von Studierenden im Hörsaals mindestens 80 komplett weggetreten in ihren Suchtphonen verschwunden sind und nicht einmal durch körperliches Anstupsen durch ihren Dozenten aus dem Drogenrausch aufwachen…

    Die Existenz von Internetabhängigkeit als gesellschaftlich zunehmend bedrohlichem Phänomen anzweifeln oder negieren – das kann eigentlich nur tun, wer selbst so nah daran – oder: darin – ist, daß man an den Spruch des Talmud gemahnt wird: „Das Auge sieht sich nicht.“
    So jemand ist zuallerletzt berufen darüber zu urteilen, ob es Internet- und insbesondere Smartphoneabhängigkeit gibt.

    Es gibt insoweit wahrlich Berufenere wie renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – und zwar keineswegs nur den von Dennis Horn, wenn auch stets ohne einen einzigen Grund dafür zu nennen, als angeblich „unseriös“ geschmähten Neurobiologen Manfred Spitzer:

    Man lese nur die vom Büro für Technikfolgen des Deutschen Bundestages in Auftrag gegebene Studie von

    Michaela Evers-Wölka und Michael Opielka:
    Neue elektronische Medien und Suchtverhalten, Forschungsbefunde und politische Handlungsoptionen zur Mediensucht bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsene, Baden-Baden 2016

    oder DIESE Bücher:

    Bert te Wildt, Digital Junkies – Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder, München 2015

    AlexanderMarkowetz:
    Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone- Nutzung gefährlich ist; Mitarbeit: Ann-Kathrin Schwarz u. Jan F. Wielpütz, München 2015

    Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich:
    Digitale Depression – Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern, München 2016

    sowie, natürlich, das Buch des alles andere als unseriösen

    Manfred, Spitzer:
    Cyberkrank! – Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert, München 2015

    Um dies zu tun, muß man natürlich bereit und fähig sein, (noch) richtige Bücher aus richtigem Papier anzufassen und sich darauf einzulassen, daß hier Informationen versammelt sind, die mehr als 140 Zeichen umfassen und sogar noch länger sind als Digitalistan-Artikel und -kommentare.
    Wer diese Bereitschaft mitbringt und die Geduld, eines oder sogar mehrere richtige Bücher zu lesen, wird schnell gewahr werden, daß die Annahme, es gebe womöglich keine Online-, Internet- oder Smartphonesucht, jeder Grundlage entbehrt und womöglich von interessierten Datenkrakengangstern wie Google und den asozialen Medien wie Facebook lanciert wird, denen daran gelegen ist, die Menschen in Abhängigkeit zu halten und immer noch mehr Menschen anzufixen…

    Diese Wahrheit erschließt sich auch durch Aufsuchen einschlägiger Internetseiten wie z.B.:
    Fachverband Medienabhängigkeit e.V. (mit zahlreichen weiteren Literaturnachweisen und Verlinkungen)
    HSO e.V. – Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht! (mit zahlreichen weiteren Literaturnachweisen und Verlinkungen)

    Die in etlichen Digitalistanartikeln ungeachtet aller vorliegenden Erkenntnisse immer wieder anzutreffende Apologetik alles Digitalen ungeachtet von dessen Gefahren ist nach allem schwer erträglich, dürfte es doch viele Abhängige darin bestärken zu glauben, sie seien ja gar nicht abhängig, da im seriösen WDR zu lesen sei, es gebe ja gar keine Abhängigkeit und Sucht…

    • Dennis Horn am

      @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Ich begegne in Bus, U-Bahn oder Zug regelmäßig Menschen, die in Bücher und Zeitungen vertieft sind, komplett weggetreten, unfähig, noch irgendjemanden oder irgendetwas außerhalb dieses Suchtinstruments wahrzunehmen.

      Man unterrichte – wie ich – an Hochschulen und bekomme immer wieder mit, dass der überwiegende Teil der Studierenden in Medienstudiengängen, die auf einen Beruf hinarbeiten, in dem Smartphones elementar sind, hochkonzentriert mitarbeiten, ohne im Seminar auch nur einmal auf ihre Smartphones zu schauen. Vielleicht gibt es ja andere Faktoren, die in Ihrem Unterricht dazu beitragen, dass die Studierenden auf ihr Smartphone zurückgreifen?

      So sehr Sie die Wissenschaft in Ihren Kommentaren bemühen, so bewusst sollte Ihnen doch sein, welchen argumentativen Wert persönliche Empirie hat, oder?

      Dazu berufen, darüber zu urteilen, ob es eine „Internetabhängigkeit“, geschweige denn eine „Smartphoneabhängigkeit“ gibt, fühle ich mich nicht. Wohl aber dazu, meinem Job als Journalist nachzugehen und Dingen wie dem Drogen- und Suchtbericht auf den Zahn zu fühlen, wenn darin Krankheiten als gegeben beschrieben werden, die so gegeben nicht sind.

      Zu den von Ihnen zitierten Wissenschaftlern haben wir an anderer Stelle schon diskutiert. Sowohl über den populärwissenschaftlichen und aus meiner Sicht nicht ernstzunehmenden Ansatz von Manfred Spitzer, als auch darüber, dass zum Beispiel Alexander Markowetz und Bert te Wildt durchaus differenziertere Standpunkte vertreten, als Sie mit Ihren Kommentaren den Anschein erwecken. Übrigens gibt es all deren Bücher auch als E-Book-Version. Haben Sie sich insbesondere bei Manfred Spitzer über dieses Paradoxon schon beschwert? ;)

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Sehr geehrter Herr Horn,
        mit Ihrer anscheinend ernstgemeinten Gleichsetzung einer konventionellen, also richtigen, Zeitung aus Papier mit einem Smartphone haben Sie sich in meinen Augen endgültig als derjenige „Experte“ für die Digitalwelt disqualifiziert, als der Sie vom WDR immer bezeichnet werden – zu Unrecht, wie Sie nun bewiesen haben:
        Denn wie kann jemand ein „Experte“ sein, dem nicht einmal der augenfälligste und entscheidende Unterschied auffällt, und der besteht – selbstverständlich – darin, daß einer richtigen Zeitung aus Papier im Gegensatz zum Smartphone jedwede Möglichkeit zur Interaktivität und zur Mehrdimensionalität völlig fehlt.
        Und genau deswegen kann eine richtige Zeitung niemals zu einem Suchtmittel werden, wohingegen ein Smartphone exakt dieses von vornherein ist:
        Digitales Heroin und nichts mehr. Punkt.
        Ein Motiv, dies zu leugnen, kann nur haben, wer selbst abhängig ist UND dies nicht wahrhaben will.
        Ach ja, dies noch: Natürlich sind auch Automobile schlimme Suchtmittel, dienen sie allzu vielen doch dazu, ihre Neurosen, Psychosen und Minderwertigkeitskomplexe auf Kosten aller anderen Menschen und der allen dienenden Umwelt auszuleben (lesenswert: Micha Hilgers, Total abgefahren. Psychoanalyse des Autofahrens; Freiburg, Basel, Wien 1992).

        • Dennis Horn am

          @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Ich habe nicht Smartphone mit Papier gleichgesetzt, sondern Beschäftigung mit Beschäftigung. Ich darf Sie noch einmal auf dieses Bild hinweisen: https://cdn-images-1.medium.com/max/540/1*U36hBj8i-C7JJJxS4MP2HQ.jpeg. Weit und breit kein Smartphone.

          Ihre weiteren Punkte haben Sie unter diversen Kommentaren mittlerweile hinreichend klargemacht. Ich möchte Sie noch einmal an die Blogregeln erinnern und darum bitten, Kommentare immer gleichen Inhalts zu vermeiden, um den übrigen Nutzerinnen und Nutzern eine möglichst fruchtbare Diskussion zu ermöglichen. Danke für Ihr Verständnis.

    • Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Sie, Herr/Frau „Suchtfrei und unabhängig“ danach süchtig sind, Digitalistan-Artikel zu kommentieren – denn unter fast jedem Artikel kann ich einen Beitrag von Ihnen lesen, der inhaltlich immer in die gleiche Kerbe schlägt.
      Vielleicht ist Ihr Versuch, zu missionieren, selbst zu einer Art Suchtverhalten geworden?

  5. P. ONYSDEUM am

    Je schwächer die Selbstkontrolle und der eigene Willen ausgeprägt ist, desto stärker treten im Zusammenspiel mit Langeweile und Kein-Bock-Einstellung neue Süchte auf. Das stete Soufflieren von „Experten“ hilft sicherlich. Der „Vorteil“, an diesen Süchten zu leiden ist (vereinfacht), statt Selbstverantwortung ist bei der „Sucht“ das Milieu schuld und es kann Verständnis gefordert werden. Wahrscheinlich gibt es diese Süchte, solange eine „Behandlung“ für „Experten“ und Selbsthilfebuch-Autoren lukrativ ist.

    Wobei PC-Spielsucht in meinen Augen nur Ausdruck eines Minderwertigkeitsgefühls ist, dass mit „Erfolgen“ im Spiel kompensiert werden soll. Am stärksten ausgeprägt bei Menschen, die im Mehrspielermodus betrügen, um toll dazustehen.

  6. Oppa Ali am

    Eines ist doch klar: „süchtig sind immer die Anderen!“
    Nicht etwa jene, die den Breitbandausbau vehement fordern, immer und überall genügend Kapazitäten im Netz finden müssen – egal ob in der Bahn, dem Bus oder auf der Strasse (offene Hotspots).
    Mein Vorschlag: Zuerst eine passende Beschwerdestelle einrichten und kommunizieren, und dann für 4 Wochen das Internet komplett abschalten. Wer sich dann meldet und mault, ist süchtig, eben, weil er/sie sich mit der Vergeblichkeit der Suche nicht abfinden kann. Das Ergebnis dieser „Befragung“ ist eindeutiger als jede „Expertise“.

      • Oppa Ali am

        Wirklich schwer ist doch die Bewertung, was ist Sucht?
        Beispiel: Alki
        Hardliner sagen: Kein Mensch braucht Alk, also ist jeder Tropfen überflüssig und somit Sucht.
        Realität: Wir gönnen uns hin und wieder den Luxus eines guten Tropfens.
        Sucht: Ohne nicht mehr zurechtkommen (notfalls Rasierwasser trinken)
        Irgendwo dazwischen sitzt der Schwellwert: noch nicht oder doch schon….
        Internetzugangszeiten: Jeder Mensch auf der Welt sollte das Recht haben, seine Freitzeit selbst zu gestalten, also auch surfen, chatten usw, solange er/sie weder sich selbst (übermäßiger Schlafentzug) noch andere damit beeinträchtigt.punktum.

        Und damit bleibt auch hier die Frage, wo denn der Schwellwert anzusiedeln sei, offen. Einen Schwellwert wird es aber geben.

    • Interessanter Ansatz. Dann sollten wir mal allen für 4 Wochen das Auto fahren verbieten und wer sich beschwert ist „KfZ-Süchtig“ und sollte dringend den Führerschein abgeben, oder wie?

      Vielleicht sollten sich diese Beauftragten lieber mal fragen warum diese Jugendlichen ein solches exzessives Verhaöten zeigen und was dieses auslöst. Ist aber natürlich einfacher die Schuld in „dem Internet“ zu suchen, als über Wertschätzung, Leistungsdruck und psychische Belastungen unserer Zeit zu reden.

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Selbstverständlich ist das Auto ebenso ein Suchtmittel wie das Suchtphone, und viele Autosüchtige sind gleichzeitig auch smartphonesüchtig.
        Nur Suchtkranken kann es einfallen, unentwegt weiter Auto zu fahren, trotz mehr als 10.000 Dieselabgastoten und womöglich noch mehr Benzinabgastoten im Jahr, trotz 3.500 totgefahrenen Menschen jedes Jahr wieder, trotz durch das Auto verseuchter Luft, verseuchten Bodens und verseuchter Gewässer und trotz nicht zählbarer Autolärmherzkranker und -toter….

        • Dennis Horn am

          @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: So langsam nimmt’s Ausmaße von Satire an, was für Sie alles Sucht ist. Vielleicht sind Sie ja auch kommentarsüchtig und sollten Blogs meiden!?

          Ich darf Sie beide an dieser Stelle bitten, wieder aus dem Auto auszusteigen und sich mit Ihren Kommentaren aufs Thema des Blogartikels zu beziehen – siehe Blogregeln. Danke!

  7. Ja, es gibt sie, die Internetsucht und sie ist nicht auf ein Thema begrenzt, sondern Hauptsache, man ist online! Und Ich zähle mich selbst zu den Süchtigen…

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