Jetzt will auch Twitter genauer hinschauen

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Jetzt will auch Twitter genauer hinschauen

Kommentare zum Artikel: 4

Hass-Kommentare sind im Netz ein riesiges Problem – nicht erst seit der Flüchtlingskrise. Schon lange werden die Sozialen Netzwerke im großen Stil missbraucht: Der IS verbreitet hier ungeniert seine Propaganda, außerdem wird bei Facebook, Twitter, YouTube und Co. immer häufiger gepöbelt und zu Gewalt aufgestachelt. Jetzt hat der Nachrichten-Dienst Twitter angekündigt, mehr gegen Hass-Kommentare unternehmen und entschlossener gegen Verstöße vorgehen zu wollen. Nicht ganz freiwillig, denn der Druck aus der Politik und auch im Netz wurde in letzter Zeit immer größer.

Twitter Logo; Rechte: dpa/Picture Alliance

Twitter will schneller reagieren

Twitter will künftig schneller und konsequenter Twitter-Accounts abschalten, die Hass verbreiten oder zu Gewalt aufrufen. Konkret geht es um hasserfüllte Inhalte, die sich auf Religion, Nationalität und Ethnie beziehen, auf sexuelle Orientierung, Geschlecht und Geschlechts-Identität, Alter, Behinderung oder Krankheit. Bislang hatte Twitter eine allgemeiner gehaltene Formulierung verwendet, die Nutzern untersagte, „Gewalt gegen andere“ zu verbreiten. Man schaut also künftig genauer hin und will schneller aktiv werden.

Das ist auch dringend nötig, denn die Social Media Dienste, auch Twitter, haben ein großes Problem: Doch weil „Meinungsfreiheit“ allzu großzügig verstanden wird, passiert bislang wenig. Eigentlich soll das Internet ein Ort sein, wo man sich mit anderen austauschen kann. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus: Man trifft sich mit Gleichgesinnten und jede fremde Meinung wird unterdrückt, teilweise mit Shitstorms überzogen oder eben auch aggressiv bekämpft. Das ragt nicht selten in den strafrechtlich relevanten Bereich hinein.

Facebooks Europazentrale; Rechte: dpa/Picture Alliance

Hoher Aufwand

Wer Netzwerke sauber halten will, muss einen hohen Aufwand betreiben. Software analysiert die Tweets und kann bei bestimmten Schlüssel-Wörtern, aber auch bei auffälligen Profilen (Standorte, Netzwerk) Alarm schlagen. Außerdem können User auch Tweets oder Accounts melden, die dann untersucht werden – davon sollte man immer Gebrauch machen, wenn man über hasserfüllte Kommentare stolpert. Die Einzelfall-Prüfung müssen dann aber Menschen machen. Sie müssen entscheiden, ob gegen die eigenen Regeln verstoßen wurde und gegebenenfalls Accounts sperren.

Wir reden hier von wirklich gigantischen Dimensionen. Allein bei Twitter gab es in der Zeit September bis Dezember 2014 rund 46.000 Twitter-Accounts, die Unterstützern des IS zugerechnet werden müssen. Das sind wahnsinnige Mengen. Das erklärt auch, wieso die Social Media Dienste so langsam und zurückhaltend sind: Der personelle Aufwand, das alles zu überwachen, ist sehr hoch. Aber Politiker in den USA und in Europa machen Druck, deswegen kommt jetzt was in Bewegung.

Bei Facebook insbesondere wurde der Druck ja schon vor einigen Wochen deutlich erhöht. Justizminister Heiko Maas hat dafür gesorgt, dass sich auch Facebook in Deutschland und Europa bewegen muss. Es wurde eine Task-Force gegründet. Facebook und Google haben darauf hin ihre Regeln verschärft und zugesagt, dass Hass-Kommentare in der Regel spätestens 24 Stunden nach Bekanntwerden gelöscht werden.

Ein Anfang. Aber längst nicht genug.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

4 Kommentare

  1. Hass und Hetze sind weder durch Zensur noch durch Denunziation erfolgreich zu bekämpfen!
    Man stelle sich vor, ein Staat würde das Naseputzen in der Öffentlichkeit verbieten und unter Strafe stellen. Wäre damit etwa die Schnupfen-Krankheit (inklusive Ansteckungsgefahr) besiegt oder wäre vielleicht doch eine neutrale, sachliche, fundierte und wissenschaftlich differenzierte Ursachenforschung die zu bevorzugende Herangehensweise?

  2. Danke dir Jörg. Genau das, was die Onlinewelt gegenwärtig, sowie zukünftig braucht, sind Berichterstatter, die leicht verständlich über das Weltgeschehen rund ums Cybermobbing berichten. Warum sollten Blogs nicht über ein Beurteilungssystem verfügen, bevor man etwas ins Netz stellt? Für den Anfang wäre das doch nicht schlecht, oder?

  3. Klaus Lohmann am

    Aber klar, Herr Schieb, Facebooks personeller Aufwand gegen Hetzkommentare ist ja so unglaublich „hoch“…. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/facebook-in-dublin-das-bisschen-hass-a-1059317.html (*ein* Deutsch-Muutersprachler in Dublin, keinerlei Ahnung von deutschem Recht und Beschwichtigungen über die Bearbeitungs-Anzahl en masse). Der Laden hat es nicht ernst genommen und wird es auch weiterhin nicht ernst nehmen, denn solange keine Umsatzeinbußen drohen, ändert Zuckerzwerg natürlich nix.

  4. Suchtfrei. am

    Die Lösung ist doch ganz einfach: Gäbe es keine „User“, gäbe es auch keinen Resonanzraum für Hetze und Hass. Also sollten die Menschen einfach ihre „Accounts“ / Mitgliedschaften in den nur sogenannt „sozialen“, in Wahrheit aber, wie Hass und Hetze zeigen, nur komplett ASOZIALEN NETZWERKEN einfach aufgeben: Fertig! Denn: Niemand „BRAUCHT“ die asozialen Netzwerke wirklich: Ich bin schon immer viel besser ohne ausgekommen und würde nie auf die Idee kommen, bei den asozialen Netzwerken mitzumachen. NUR: Viele können wohl nicht einfach aussteigen, da wir es mit immer mehr ONLINE-SUCHTKRANKEN zu tun haben, die in Bezug auf ihr Suchtmittel jede Kontrolle und Steuerungsfähigkeit verloren haben: Hier muss dringend etwas geschehen – gegen Nikotin- und Alkohol- und Cannabis-Abusus wird ja doch auch vorgegangen. Zur Problematik bitte unbedingt lesen: Bert Te Wildt, Digital Junkies und Manfred Spitzer, Cyberkrank.
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    Deshalb bleibt es auch völlig unverständlich, warum seriöse, der Aufklärung der Bevölkerung verpflichtete, öffentlich-rechtliche (!) Institutionen wie der WDR immer noch SELBST Mitglied in ASOZIALEN NETZWERKEN sind: Warum geht der WDR nicht mit gutem Beispiel voran und verlässt einfach die ASOZIALEN NETZWERKE? Schließlich wirbt der Sender auch nicht für Crystal Meth, Haschisch oder Nikotin! Der WDR hätte doch die Macht, hier wirklich durch Boykott der ASOZIALEN NETZWERKE ein echtes Zeichen zu setzen…

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