Liebe, Framing und Archive – Notizen von Tag eins der re:publica 2017

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Liebe, Framing und Archive – Notizen von Tag eins der re:publica 2017

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„Die Welt, auch die virtuelle, wollen wir noch immer nicht den Arschlöchern überlassen. Deshalb: Fuck, yeah! Let’s love out loud!“ „Das Leben ist kein re:publica-Innenhof und das Motto deshalb kein weltfremdes. Wir verstehen ‚Love Out Loud‘ als Aufruf zur digitalen Zivilcourage.“ Mit diesen klaren Worten zur Diskurskultur haben die Macher der re:publica den Startschuss für drei Tage „Love Out Loud“ gegeben.

„Loving Out Loud For Those Who Are Being Silenced“. Den Platz in den ersten Sessions gab es für Menschen, deren Stimmen in manchen Teilen der Welt nicht oder nicht mehr gehört werden. Journalisten und Aktivisten aus Ungarn, Ägypten und Polen berichteten von heftigen Einschränkungen der Pressefreiheit in ihren Ländern. Überraschend mit dabei: Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen „Cumhuriyet“, der von Kollegen berichtete, die seit fast 200 Tagen im Gefängnis sitzen, nur weil sie ihrem Job nachgegangen seien. Dündar warb um Unterstützung und Solidarität.

Reflexion über die Liebe. Auch Carolin Emcke war eine der Rednerinnen an diesem ersten Tag. Sie kam als Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zurück zur re:publica. Aus ihrer philosophischen Reflexion zum Motto „Love Out Loud“ ließen sich ein paar goldene Regeln für den digitalen Umgang miteinander ziehen: „Wer dem Hass mit Hass begegnet, hat sich schon verformen lassen.“ „Manchmal reicht statt Liebe auch höfliche Gleichgültigkeit.“ „Wer gedemütigt und verletzt wird, wer angegriffen und verachtet wird, sollte sich nicht selbst wehren müssen.“

Can Dündar

Die elfte re:publica steht unter dem Motto „Love Out Loud“ und hat zunächst Journalisten und Aktivisten wie dem früheren „Cumhuriyet“-Chef Can Dündar ein Gehör verschafft.

Anständiges Community Management. „Wann verdammt noch mal ist es legitim geworden, dass Medien und Unternehmen Nutzer vorführen“, hieß es bei einem Panel, dessen Teilnehmer ein „anständiges“ Community Management forderten – und keine Witze auf Kosten der Nutzer. Ein durchaus umstrittenes Panel, denn als Negativbeispiel wurden unter anderem Antworten auf Kommentare durch das Community Management der WELT genannt. Den Kollegen dort ist es allerdings mit viel Humor und einer konsequenten Gangart gelungen, einen großen Teil der Trolle und Störer von der eigenen Facebook-Seite zu verbannen – hier die Antwort der WELT-Social-Media-Chefin Niddal Salah-Eldin darauf, inklusive viel Lob der Nutzer.

Ein Blick auf den Facebook-Algorithmus. Serbische Wissenschaftler haben auf der re:publica ihre Forschung zum Facebook-Algorithmus vorgestellt. Dabei ist wenig herausgesprungen, was man nicht schon wusste – außer das Ergebnis nach langer und aufwändiger Recherche: Man werde dem Facebook-Algorithmus wohl nie komplett auf die Spur kommen, zumal es beinahe täglich kleine Änderungen gebe, die es der Forschung schwer machen. Und noch eine interessante Zahl: Bei 90 Prozent unserer Website-Besuche erkenne Google uns wieder, Facebook bei 46 Prozent.

Wie erhalten wir das kulturelle Gedächtnis? „Tontafeln, Pergament, Papier, digitale Speicher – bei jedem Umstieg hat sich die Halbwertzeit rapide verringert“, sagte der Archäologe Luca Giuliani in der Session zur Frage, wie sich in unserer digitalen Welt das kulturelle Gedächtnis erhalten lässt. Die Panelteilnehmer waren sich einig: Zu oft übernehmen ihrer Meinung nach kommerzielle Anbieter wie Google den Job, den eigentlich Museen oder Archive hätten. Gefragt sei vor allem die Politik: Für ein Gesetz, das dafür sorgt, auch Inhalte von Websites, aus sozialen Medien oder von anderen Orten im Netz für die Nachwelt zu erhalten.

Elisabeth Wehling

Highlight des ersten Tages: die Forscherin Elisabeth Wehling über die Macht von Sprachbildern.

Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung. Wer nur Zeit hat, sich eine einzige Session anzugucken, dem empfehle ich dringend die der Sprach- und Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling über „Die Macht der Sprachbilder“. In einer Stunde Vortrag hat sie gezeigt, welche Bilder unser Gehirn beim Einsatz bestimmter Begriffe erzeugt – und wie wir darüber manipuliert werden können. „Framing“ nennt sich das. Bis das Video der Session online ist, empfehle ich das Tagesspiegel-Interview mit Elisabeth Wehling – augenöffnend! Und Wehlings Tipp für die Zukunft: „Der Mensch kann Fakten ohne Frames nicht verarbeiten. Der Diskurs war nie völlig sachlich und faktenorientiert. Für einen ordentlichen Diskurs sollten wir über unsere eigenen Frames nachdenken und diese kommunizieren.“

re:publica-Gründer Markus Beckedahl hat zum Start übrigens die Zahlen der Veranstaltung noch einmal nach oben korrigiert: 1.180 Speaker sind in den kommenden drei Tagen dabei, mit einer Frauenquote von 47 Prozent. 525 Sessions sollen es am Ende insgesamt werden. Das verspricht also auch für die kommenden zwei Tage viel Programm und eine Reihe spannender Eindrücke – wir werden die re:publica hier in Digitalistan weiter begleiten.

(Videos von den einzelnen Sessions der re:publica werden nach und nach veröffentlicht. Sobald sie da sind, werde ich sie hier im Artikel nachreichen.)

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

2 Kommentare

  1. Zu Ihrem Punkt „Anständiges Community Management“:
    „… Den Kollegen dort…“.
    „Kollegen“?
    Die „WeltN24 GmbH“ gehört zum Springer-Verlag (u.a. Bild); dem wohl größten, staatlich (Dank inninger Freundschaft zwischen A. Merkel und F. Springer) legitimierten Verbreiter postfaktischer Neuigkeiten (vgl. z. B. bildblog . de) in diesem Lande.
    So wird z. B. Horst Seehofer NICHT Deutschlands neuer Bundesinnenminister; obwohl dies letzten Dezember noch von jenem Blatt (selbstverständlich aus „Insider“kreisquellen) vermeldet wurde. „Das ist eine totale Falschmeldung“, sagte Seehofer dazu der „Augsburger Allgemeinen“. „Hätten wir solche Falschmeldungen schon unter Strafe gestellt, dann müsste ich jetzt sofort Strafanzeige erstatten.“!
    Es verwirrt mich daher ein wenig, wenn ein WDR/ÖR-Journalist die dort tätigen „Wahrheitsproduzenten“ als „Kollegen“ (s. o.) bezeichnet!
    Ich hoffe sehr, Ihre „Kollegialität“ betrifft nur die gemeinsame, rein physische Tätigkeit des Schreibens und nicht etwa auch die Übernahme des Geisteszustandes bzw. der Gesinnung der Springerbeschäftigten!?
    Bitte nehmen Sie mir, Herr Horn, eine evtl. Enttäuschung – vielen Dank!

    • Dennis Horn am

      @Florian: Mir ist neu, dass die Bezeichnung „Kollegen“ bedeutet, mit diesen in allen Dingen einer Meinung sein zu müssen.

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