NRW will Messenger-Überwachung

https://blog.wdr.de/digitalistan/nrw-will-messenger-ueberwachung/

NRW will Messenger-Überwachung

Kommentare zum Artikel: 3

Signal ist die Lieblings-App von IS-Terroristen, wissen Fahnder. Doch im Grunde ist es fast egal, welche Chat-Apps Kriminelle, Gefährder oder Terroristen benutzen: Für Polizei und Strafverfolgungsbehörden ist es schwer bis unmöglich, Chats mitzulesen – weil sie in der Regel verschlüsselt sind. Deshalb kommen in Nordrhein-Westfalen neue Sicherheitsgesetze, die den Behörden mehr Möglichkeiten an die Hand geben: Chat-Apps wie WhatsApp und Co. sollen auch in Verdachtsfällen überwacht werden können und nicht erst, nachdem etwas passiert ist.

Messenger verschlüsseln heute alles - und sind für die Polizei deshalb eine harte Nuss; Rechte: Pixabay

Messenger verschlüsseln heute alles – und sind für die Polizei deshalb eine harte Nuss

Auch in NRW: Überwachung an der Quelle

So weit, so nachvollziehbar. Stellt sich allerdings die Frage: Wie soll das gehen mit dem Abhören? Bekanntlich verschlüsseln heute nahezu alle Chat-Apps die Kommunikation sicher per Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Da die Schlüssel zum Ver- und Entschlüsseln in den Geräten selbst erzeugt und weder zentral generiert, noch auf Servern gespeichert werden, ist es unmöglich, eine derart verschlüsselte Kommunikation mitzulesen. Es sei denn, man schafft es, in ein Gerät der Gesprächsteilnehmer vorzudringen.

Genau das erlaubt künftig die Quellen-Telekommunikationsüberwachung. Bedeutet konkret: Polizei und Behörden aus NRW können künftig versuchen, die noch nicht verschlüsselte oder bereits entschlüsselte Kommunikation in den Geräten “abzuhören”. Das klappt am besten mit einem Trojaner, der auf das zu überwachende Gerät eingeschleust wird. Manchmal versuchen die Beamten auch, ein zweites Gerät unter dem Account des Überwachten anzumelden (parallel) und die Kommunikation so unbemerkt mitzuschneiden. Aber dieser Trick klappt nur unter bestimmten Umständen.

https://vimeo.com/266633293

Jörg Schieb im Interview mit Professor Hartmut Pohl über die Gefahr von Cyberangriffen durch den IS

Staat im Interessenkonflikt: Lücken bleiben offen

Es gibt allerdings auch Kritik an den Methoden. Wer Trojaner einsetzt, ist auf Sicherheitslücken angewiesen – denn anders bekommt man solche Schnüffelprogramme nicht in die Geräte. Verena Schäffer, innenpolitische Sprecherin der NRW-Grünen meint: “Der Staat macht sich zum Hacker, nutzt dafür Sicherheitslücken im IT-System.” Das trifft zu. Denn wenn staatliche Behörden Trojaner einsetzen, führt das dazu, dass der Staat kein sonderliches Interesse hat, solche Sicherheitslücken (Exploits) schnell zu stopfen. Der Staat nutzt sie ja selbst.

Ein erheblicher Interessenskonflikt, der dazu führt, dass unsere Geräte und damit das Netz insgesamt unsicherer sind. Das ist der Preis, wenn man zulässt, dass Bund und Länder sogenannte Staatstrojaner einsetzen dürfen.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

3 Kommentare

  1. Dieses abschreckend-anschauliche Beispiel für hundsmiserable Arbeitsbedingungen, bietet einen kleinen Vorgeschmack auf die “Reformation” der EU-Arbeitswelt bei Zustandekommen eines Transatlantischen Freihandelsabkommens (aka “TTIP”).

  2. Ich kann es total nachvollziehen und finde es völlig in Ordnung, wenn Chats mitgelesen werden. Da ich nichts zu verbergen habe, bzw. nichts illegales mache können die meine Chats gerne lesen, aber dann auch die von potentiellen (IS-)Terroristen. Was ist wichtiger, Datenschutz oder Anschläge verhindern?
    Ich finde (menschliches) Leben steht vor dem Datenschutz.

  3. “Das ist der Preis, wenn man zulässt, dass Bund und Länder sogenannte Staatstrojaner einsetzen dürfen.”

    “… wenn man zulässt…” ?!
    Welche Möglichkeiten hat “man” (= der Bürger, der Nutzer, die Medien, die “Opposition”, alle gemeinsam oder wer genau ist gemeint?) denn überhaupt, um sich gegen dieses Zulassen (ohne straffällig zu werden) erfolgreich zu wehren?
    Ich sehe nur zwei Alternativen:
    – entweder
    durch politische Abwahl der überwachungsbeschlussfassenden Akteure, die auf Bundesebene eigentlich ja auch erfolgte, aber aufgrund der steinmeierschen Ermahnung sowie aus Angst vor Neuwahlen nicht erfolgte bzw. nicht erfolgen durfte,
    – oder
    durch konsequente Nicht-mehr-Nutzung der überwachten (somit sämtlicher) Messengerdienste.
    Weder das eine noch das andere will aber offensichtlich der überwiegende Teil der deutschen Wähler- bzw. Nutzerschaft (bequem?, egal?, naiv?, gutgläubig?).
    Also werden die “Sorglosen” gefälligst auch diese Kröte – die, nebenbei bemerkt, massiv in die immer wieder so bejubelten, grundgesetzlich verbrieften, freiheitlich-demokratischen Werte und Rechte eingreift – schlucken (müssen) und sich munter überwachen lassen (müssen) – schließlich hat “man” ja sowieso nichts zu verbergen!
    Aber, andererseits, wird bundespolitikseitig (wie auch von vielen Medienschaffenden und dauertwitternden Möchtegerninfluencern) eine staatliche Regulierung von Facebook gefordert, weil das in jetziger Form “demokratiegefährdend” sei und grundgesetzliche Persönlichkeitsrechte verletzt.
    So fordern auch die Springerverlagsanwälte ein Totalverbot von diesen “rechtswidrigen” Ad-Blockern; mit Berufung auf Artikel 5 Grundgesetz, sehen sie die Interessen der Allgemeinheit verletzt oder kurz: auch das ist “demokratiegefährdend”. Ja, nee, is’ klar! Wo kämen wir denn auch hin, wenn sich die Menschen ihre Meinung werbebefreit bild-en könnten? ;)
    Und so jagt ein Paradoxon munter das nächste, im (perspektivisch) freiheitlich-demokratischen Überwachungsstaat; mit eigenem Netzwerkdurchsetzungsgesetz für’s Internetneuland.
    Was bleibt, ist Resignation! Ihre Aussage stimmt also leider: “Das ist der Preis, wenn man zulässt, dass …”.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Rechenaufgabe: 25 + 18 =


Top