Peach – der komplette Hype-Zyklus an nur einem Wochenende

https://blog.wdr.de/digitalistan/peach-der-komplette-hype-zyklus-an-nur-einem-wochenende/

Peach – der komplette Hype-Zyklus an nur einem Wochenende

Kommentare zum Artikel: 0

Das habe ich auch noch nicht erlebt. Nicht bei Yo, nicht bei Ello, nicht bei Beme. Wer dieses Wochenende offline war, der hat das Auf und Ab einer kompletten App verpasst. Das soziale Netzwerk Peach hat von Freitagabend bis Sonntagvormittag den kompletten Hype-Zyklus durchlaufen – und ist mittlerweile gefühlt wieder bei Null angekommen.

Es gibt einen Grund dafür, dass Peach so schnell steil gegangen ist: Es stammt von Dom Hofmann, einem großen Namen der Szene, seit er sein Sechs-Sekunden-Video-Netzwerk Vine an Twitter verkauft hat. Und weil in der Techszene ja ständig alle nur auf das „next big thing“ warten, schauen auch Techmagazine wie The Verge oder Aggregatoren wie Product Hunt genauer hin, wenn jemand wie Hofmann eine neue App am Start hat.

Peach gibt es – wie so viele Apps – zum Start nur für iOS-Nutzer. Die App ist in ihren Grundzügen ein klassisches soziales Netzwerk: Auf der „Startseite“ laufen die Inhalte meiner Freunde zusammen – die dafür ihre Profile mit Statusmeldungen, Fotos, Videos und anderen Dingen füllen. Das allerdings fühlt sich mit Peach nicht so an wie einen Beitrag bei Facebook zu posten – sondern eher so, als würde ich eine kurze Nachricht per Messenger an meine Freunde verschicken.

Peach-Screenshots

Ein soziales Netzwerk, einfach wie ein Messenger, durch seine „magic words“ aber sehr mächtig – so wirbt Peach für sich.

Was Peach aber spannend macht, sind die „magic words“, die man sich wie Kurzbefehle vorstellen kann, die man eingibt, während man postet – inspiriert vor allem von Slack, einem Messenger für Unternehmen. Über diese Kurzbefehle wird es möglich, mehr als nur klassische Statusmeldungen, Fotos, Videos und Links zu posten.

Gebe ich „draw“ ein, kann ich damit zum Beispiel etwas zeichnen und posten. Gebe ich „gif“ ein, kann ich mich auf die Suche nach animierten GIFs machen. Mit „song“ verhält sich Peach wie Shazam und identifiziert über das Mikrofon des Smartphones die Musik, die gerade zu hören ist. Und gebe ich „battery“ ein, kann ich meinen Freunden den aktuellen Ladestatus meines Smartphone-Akkus mitteilen – warum auch immer.

So unsinnig sich einige Kurzbefehle anfühlen: Beim Blick auf die komplette Liste der „magic words“ von Wetterdaten über Kalendereinträge und Fünf-Sterne-Bewertungen bis zum aktuellen Aufenthaltsort wird schnell klar, dass die Funktion Potenzial hat. Nach zwei Tagen mit Peach wünsche ich mir diese Möglichkeiten auch für WhatsApp oder Facebook – und vermutlich wäre es ein Leichtes, sie einfach nachzurüsten.

Die Wahrheit ist: Peach wird vermutlich dasselbe Schicksal wie Yo, Ello, Beme und all die anderen Hype-Apps ereilen, die wir schon längst wieder vergessen haben.

An dieser Stelle endet die Faszination für Peach allerdings. Die App war ein riesiger Spaß fürs Wochenende. Die Negativliste aber ist lang: Peach verrät zum Beispiel nicht, wie es mit all den Daten umgeht, die man der App anvertraut. Und das können viele sein, denn je mehr „magic words“ man nutzt, desto mehr Berechtigungen benötigt Peach – vom Zugriff aufs Mikrofon des Smartphones bis zum aktuellen Aufenthaltsort.

Hier in Deutschland ist es außerdem schwierig, Freunde zu finden. Peach bietet zwar eine Suchmöglichkeit über die eigene Mobilfunknummer – das funktioniert zurzeit aber nur in den USA. Nervig ist außerdem, dass Beiträge der Freunde nicht in einer Timeline angezeigt werden, so wie wir es von Facebook oder Twitter kennen – sondern man die Profile der Freunde besuchen muss, so wie man es noch zu Zeiten von studiVZ und MySpace tun musste. Und so verrückt das klingt: Selbst den Algorithmus vermisse ich, der mir relevante Inhalte bereitstellt und mir nicht jedes unsinnige Posting anzeigt.

Was Peach also vor allem nicht ist: ein Facebook-Killer. Auch diese Frage kam am Wochenende wieder auf. Sie ignoriert aber, dass Facebook mittlerweile so viel mehr ist als nur ein klassisches soziales Netzwerk. Also kommt man mit einem solchen auch nicht gegen Facebook an. Am Ende bleibt wohl auch Peach nur ein kurzweiliger Spaß für die Techszene – die aber jetzt schon wieder Ausschau nach dem nächsten Hype hält.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top