Pegasus: Der Lieblingstrojaner für Schnüffelstaaten

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Pegasus: Der Lieblingstrojaner für Schnüffelstaaten

Kommentare zum Artikel: 4

Wir leben in einer komplizierten Welt. Auf der einen Seite ist den meisten von uns ihre Privatsphäre wichtig. Andererseits bedienen viele rund um die Uhr „Soziale Netzwerke“ und geben damit gleich doppelt ihre Privatsphäre auf: Durch die Inhalte, die sie posten – und vor allem durch die Unmengen an Daten, die sie bei den großen Onlinekonzernen abliefern. Das ist eine allgemein bekannte Bedrohung – und jeder geht damit anders um.

Die NSO Group bietet die Schnüffelaktionen an; Rechte: WDR/Schieb

Die NSO Group bietet die Schnüffelaktionen an

Diffuse Gefahr: Ausspähung durch Trojaner

Dann gibt es aber auch noch diffuse Gefahren. Viele sorgen sich, der Staat könnte sie bespitzeln. In Deutschland tendenziell eine eher unbegründete Sorge – jedenfalls für die meisten Bürger -, aber doch nicht völlig unbegründet. Das belegen die aktuellen Recherchen von WDR, NDR, ZEIT und Süddeutscher Zeitung.

Dabei geht es um den Spitzel-Trojaner „Pegasus“, den die israelische Firma NSO entwickelt und betreibt. Eine – wie es scheint – überaus potente Software, die so ziemlich alles ermöglicht: Mitlesen von Chat-Nachrichten (auch verschlüsselten), Mithören von Gesprächen, unbemerktes Aktivieren von Kamera und Mikrofon (das Handy wird zur fernsteuerbaren Wanze) und vieles andere mehr.

Länder, die Kunden bei NSO sind; Rechte: WDR/Schieb

Länder, die Kunden bei NSO sind: darunter auch EU-Mitglied Ungarn

Ausnutzen von Sicherheitslücken

Betreiber NSO nutzt sogenannte „Zero Day Exploits“ aus, Sicherheitslücken, die noch nicht bekannt, zumindest aber noch nicht gestopft sind, um den Trojaner aus der Ferne aufzubringen. Etwa, durch einen Anruf per WhatsApp oder Facetime. Das Opfer muss den Anruf nicht mal annehmen. Es sind solche Sicherheitslecks, die gnadenlos ausgenutzt werden.

Die israelische Firma arbeitet für viele Behörden in vielen Ländern. Angeblich, um dabei zu helfen, Kriminelle und Terroristen auszuspähen. Doch laut den Recherchen des nicht-kommerziellen Journalistenverbands Forbidden Stories und 16 Medienhäusern bespitzelt NSO auch Politiker, Journalisten, Menschenrechtler, Anwälte und Medienschaffende. Es kursiert eine Liste mit 50.000 Handy-Nummern potenzieller Opfer, darunter auch der französische Staatschef Emmanuel Macron.

Es braucht politischen Druck

Was bedeutet das? Der Aufwand ist vergleichsweise hoch, eine Person zu bespitzeln. Aber es ist machbar – und viele Staaten, darunter Saudi-Arabien, Bahrain, Mexiko oder das EU-Mitglied Ungarn zahlen dafür, dass NSO eigentlich besonders geschützte Menschen ausspäht.

Die Pegasus-Affäre zeigt: Es ist technisch möglich, aus der Ferne Smartphones auszuspähen. Und: Es wird auch gemacht. Wer es sich leisten kann und will, kann die Dienste von NSO nutzen.

Es ist wohl allerhöchste Zeit, politischen Druck auszuüben: Das Ausspionieren von Menschenrechtlern, Anwälten, Journalisten und Politikern sollte tabu sein. Alle Staaten sollten sich verpflichten, so etwas zu unterlassen – und Unternehmen, die derartige Dienstleistungen anbieten, juristisch zu belangen.

Die Recherchen decken auf, wie umfangreich spioniert wurde und wird

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

4 Kommentare

  1. „Das Ausspionieren von Menschenrechtlern, Anwälten, Journalisten und Politikern sollte tabu sein.“
    Ja, klar. Und warum nur exklusiv für diese Gruppen? Sind die, oder halten die sich für, „was besseres“?
    „Abhören unter Freunden, geht gar nicht!“.
    Abhören unter den o.g., geht selbstverständlich auch nicht.
    Aber: Abhören unter Otto-Normalbürgern geht selbstverständlich (Prism, Mails scannen, Polizeigesetze, Eingriffe in grundgesetzlich verbriefte Rechte und Privatsphäre, Staatstrojaner, VDS, Backdoor für Verschlüsselung usw. usw.) und sollte nicht tabu sein, vielmehr noch forciert werden, nicht wahr!? Was kümmert uns der Pöbel!
    Macrons Frankreich hat mit die strengste Telekommunikationsüberwachung im gesamten EU-Raum. Und ausgerechnet der beschwert sich jetzt, weil er evtl. selbst Opfer geworden ist. „PP“, Chef! Persönliches Pech, sag‘ ich nur. Jetzt weiß er (und die ~49999 Verbliebenen) wenigstens, wie es sich anfühlt.
    So lernt man – vielleicht … ;)

    • Florian: Nun, Anwälte, Politiker, Diplomaten, Mediziner, Therapeuten genießen einen besonderen Schutz durch den Gesetzgeber – und das aus gutem Grund. Da sie nunmal auch Ansprechpartner für Menschen sind, die sich darauf verlassen können müssen, in einem geschützten Umfeld zu sprechen. Macht das für Sie Sinn? Es geht also nicht darun, dass sie was „Besseres“ sind, sondern dass sie einem besonderen Schutz unterliegen — und gleichzeitig, wie man sieht, häufiger Ziel von Angriffen und Attacken sind.

      • Durchwinker am

        Aber Sie stimmen schon zu, wenn man sagt, dass grundsätzlich NIEMAND den Anderen ausspionieren sollte, oder? Das war etwas missverständlich formuliert, aber ich denke mal, dass wir hier alle der Meinung sind, dass dem so ist.

        • Natürlich — allerdings schon mit einer deutlichen Einschränkung: Selbstverständlich muss die Polizei die Möglichkeit haben (und das ist ja auch gesetzlich festgelegt), Kriminelle abzuhören, um zu Erkenntnissen zu gelanden und Schaden abzuwenden.

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