re:publica 2018: Chelsea Manning – von Diskriminierung in der digitalen Welt

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re:publica 2018: Chelsea Manning – von Diskriminierung in der digitalen Welt

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Es ist der wohl größte Coup des re:publica-Teams in diesem Jahr: die Whistleblowerin Chelsea Manning nach Berlin zu holen, die sich heute gut gelaunt einer ganzen Reihe von Fragen gestellt hat. Das geschah nicht in Form eines sterilen Interviews, auch das Publikum konnte seine Fragen stellen. Was der Sache am Ende sehr gut tat, denn so konnte Manning auch ein wenig über sich selbst sprechen – und nicht ausschließlich über wahllos und gefühlt alles andere, was die digitale Welt zurzeit so beschäftigt.

Auch da gab es ein paar interessante Momente. Manning sprach zum Beispiel über Künstliche Intelligenz und Machine Learning und wies darauf hin, dass im Hype zurzeit zwar viel über Algorithmen an sich diskutiert werde, zu wenig aber über die Datensätze, mit denen Algorithmen gefüttert werden. In diesen Datensätzen steckten immer wieder Verzerrungen und Vorurteile, die durch Algorithmen wiederholt und verstärkt würden. Und auch die Verantwortung der vielen weißen und männlichen Programmierer sei ein Thema – dem Silicon Valley fehle es nach wie vor an Vielfalt und ethischer Ausbildung.

Manning sprach auch über die Militarisierung der Polizei, über Massenüberwachung, die Nutzung von Algorithmen für Entscheidungen von Behörden und Unternehmen – und rief zu einem stärkeren Einsatz gegen diese Entwicklungen auf: „Wir haben keine Zeit mehr, um darüber zu sprechen, wie wir damit umgehen. Wir können nicht mehr darum bitten, wir können nicht versuchen, die Entwicklung in eine andere Richtung zu schubsen – wir müssen es einfach stoppen.“

Chelsea Manning im „Opening Fireside Chat“ der re:publica mit Theresa Züger und Geraldine de Bastion

Spannend wurde es vor allem dann, wenn es um Mannings eigene Biografie ging – und sie diese mit der politischen Debatte zusammenbrachte. Zum Beispiel war ihre Zeit erst als Obdachlose, dann im Militär, dann im Krieg, dann im Gefängnis Thema – und ihre Forderung, dass es mehr Entwicklerinnen und Entwickler brauche, die aus vielen Erfahrungen schöpfen können. Oder es ging um Mannings Zeit als Soldatin im Irak, die sie zu der Einsicht gebracht habe, dass es zwar andere Gesellschaften mit ganz anderen Strukturen gebe – Menschen aber oft dieselben Werte, Themen und Probleme hätten. Von diesem Moment an habe Manning begonnen, sich näher mit Diskriminierung auseinanderzusetzen.

Interessant auch ihr persönlicher Blick auf den Stand der Digitalisierung: Manning berichtete davon, wie schwierig es nach ihrer Freilassung aus der Militärhaft gewesen sei, in der digitalen Welt anzukommen. Sie habe zunächst ohne Ausweis und Bankkarte leben müssen – und auch das ist ein Blick auf den Stand der Dinge, den wohl nur jemand wiedergeben kann, der es selbst erlebt hat. „Man kommt nicht in diese Gesellschaft, wenn man all diese Papiere nicht hat. Das zieht lauter Probleme nach sich, zum Teil wird allein deshalb erst einmal des Betrugs verdächtigt, wer digital nicht existiert“, so Manning.

Es hätte mehr dieser persönlichen Fragen gebraucht. Denn wenn jemand mit einem dermaßen reichen Erfahrungsschatz wie Chelsea Manning ihr eigenes Leben auf den Stand der Digitalisierung bezieht und damit offenlegt, mit welchen Problemen wir uns noch viel zu selten befassen, sind wir bei genau dem, was die re:publica immer wieder stark macht – und hoffentlich gibt es in den kommenden drei Tagen noch mehr davon.

Mehr Infos zur re:publica gibt es hier.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

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