Russland und der US-Wahlkampf

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Russland und der US-Wahlkampf

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Da wurde immer behauptet, Russland hätte versucht, mit Hackerangriffen in den US-Wahlkampf einzugreifen – dabei war so viel Aufwand offensichtlich gar nicht nötig. Mittlerweile wissen wir: Die Russen haben einfach Anzeigenplätze auf Facebook, Google und Twitter gekauft. Sie haben ihre manipulativen Postings und Fotos ganz einfach und bequem über die sozialen Netzwerken verteilt – und bei Facebook, Twitter und Co. haben die Kassen geklingelt. Eine Praxis, die den US-Konzernen nun erhebliche Kritik einbringt. In Anhörungen des US-Senats werden die IT-Companys gerade gegrillt – und die Manager werden kleinlaut.

Einige der Anzeigen, die bei Facebook und Co. geschaltet wurden; Rechte: dpa/Picture Alliance

Einige der Anzeigen, die bei Facebook und Co. geschaltet wurden

126 Mio. Amerikaner haben Anzeigen gesehen

Denn die Verantwortlichen wissen: Es wird eng. Es kann durchaus passieren, dass die Politik die Geduld verliert und strengere Regeln einführt. Bislang dürfen die Onlinekonzerne mehr oder weniger tun, was sie wollen. Dass sich daran etwas ändert, wollen Facebook, Google, Twitter und Co. mit aller Macht verhindern. Doch es dürfte zu spät sein. Denn diesmal hat die branchenübliche Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit Leuten geschadet, die Macht haben. So viel Macht, dass sie die ebenfalls sehr mächtigen US-Konzerne bändigen könnten. Das könnte eine Zeitenwende einleiten. Denn bisher ist es das Silicon Valley gewohnt, selbst die Spielregeln vorzugeben – und nicht, nach den Regeln anderer zu spielen.

Nun aber haben Facebook und Co. einen schweren Regelverstoß begangen. Denn es ist Ausländern verboten, finanziell in den US-Wahlkampf einzugreifen. Genau das ist aber passiert – im großen Stil. Deshalb gibt es nun Ärger. Und das vollkommen zu Recht: Aktuellen Untersuchungen zufolge sahen beispielsweise 126 Millionen Facebook-Nutzer manipulative Polit-Postings aus Russland – ohne zu wissen, dass es sich um Wahl-Werbung handelt, die von Ausländern bezahlt wurde. Doch genau das hat Facebook ermöglicht und daran kräftig verdient. Doch nicht Facebook allein hat sich damit regelwidrig verhalten. Offensichtlich wurden auch im Google-Werbenetzwerk entsprechende Anzeigen geschaltet. Das Ziel der Kampagnen: Spannungen anheizen, Hass schüren.

Facebook126 Millionen Menschen haben auf Facebook Anzeigen aus Russland gesehen

Verantwortungslosigkeit muss ein Ende haben

Das Grundproblem: Insbesondere Facebook ist sich seiner Verantwortung nicht bewusst. Als vor einigen Monaten die ersten Vorwürfe laut wurden, Facebook könnte womöglich den Wahlerfolg Trumps durch die Verbreitung von Fake News begünstigt haben, hatte Zuckerberg das noch als „irre Idee“ bezeichnet. Mittlerweile ist klar: Der Verdacht ist alles andere als irre, sondern im Gegenteil sehr begründet. Und wir wissen jetzt: Entweder, Mark Zuckerberg hat seinerzeit gelogen – oder aber er war ahnungslos. Beides wäre fatal.

Medien haben Einfluss. Und deswegen ist es wichtig, dass sich Medienschaffende ihrer Verantwortung bewusst sind. Doch vor allem Facebook versucht immer wieder, den Eindruck zu erwecken, kein Medium zu sein – auch um eben dieser Verantwortung zu entgehen. Dass wir das zulassen, ist ein riesiger Fehler. Denn was im US-Wahlkampf passiert ist, ist nur ein Beispiel für die Verfehlungen der mächtigen US-Konzerne. Dieselbe Verantwortungslosigkeit herrscht auch in vielen anderen Bereichen.

Undenkbar, dass solche Anzeigen, wie sie im US-Wahlkampf zu sehen waren, in der New York Times, der Washington Post oder bei USA Today abgedruckt worden wären. Weil es dort Menschen gibt, die aufpassen. Bei den sozialen Netzwerken dagegen gibt es diese Kontrollmechanismen offenbar nicht mal ansatzweise. Das sagt alles.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

2 Kommentare

  1. Wenn Russen ganz normale, ordnungsgemäß bezahlte, und als solche gekennzeichnete Anzeigen in aufgeben, dann ist das böse. Wenn deutsche Berufspolitiker für eine mehrfach überführte Gewohnheitslügnerin dasselbe tun, aber nicht mit Anzeigen sondern unter Einsatz des per GEZ-Steuer zwangsfinanzierten Staatsfunks, dann ist das gut und verantwortungsbewußt. Gut, daß mir das endlich einmal erklärt wurde.

  2. Wenn man den neuesten Berichten glauben darf, so scheint die „gute“ Frau Clinton doch mehr für den Wahlausgang verantwortlich zu sein, als der „böse“ Russe via angeblicher Facebookkampagnen:
    bluewin.ch/de/news/ausland/2017/11/3/ex-parteichefin-richtet-schwere-vorwuerfe-gegen-hillary-clinton.html
    dazu die Originalquelle:
    politico.com/magazine/story/2017/11/02/clinton-brazile-hacks-2016-215774
    Egal, Politik ist immer ein dreckiges Geschäft – auch in Deutschland, siehe z. B.:
    faktenfinder.tagesschau.de/inland/schulz-gegen-fake-tweet-101.html
    Wie war das noch gleich, mit „frei von Sünde“ und dem „ersten Stein werfen“ und so? ;)

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