Schämt Ihr Euch nicht? Wie Werbung Kinder manipuliert

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Schämt Ihr Euch nicht? Wie Werbung Kinder manipuliert

Kommentare zum Artikel: 7

Mit Werbung ist das so eine Sache. Sie scheint zum Leben dazu zu gehören – wir sind von ihr umgeben. Vor allem im Netz. Besonders dreist finde ich Werbung, die nichts mit dem Thema zu tun hat, mit dem ich mich gerade beschäftige. Und natürlich Werbung, die mir meine Zeit klaut. Etwa bei YouTube: Bevor ich das ausgewählte Video anschauen kann, werde ich von Google und YouTube dazu verdammt, mir eine sogenannte Pre-Roll-Werbung anzuschauen. Und die kann man oft nicht mal wegklicken. Unzumutbar.

Kinder spielen am Tablet und werden häufig mit Werbung konfrontiert; Rechte: dpa/Picture Alliance

Kinder spielen am Tablet und werden häufig mit Werbung konfrontiert

Werbung unterbricht das Spiel

Doch es gibt noch schlimmere Werbung – und die zielt auf die Kleinsten ab. Werbung in Computer- und Videospielen. Probiert es selbst aus und ladet mal Spiele-Apps herunter. Die meisten sind zwar kostenlos, doch unentwegt wird Werbung eingeblendet. Vom einen Moment zum nächsten. Werbung für andere Spiele, Werbung für Spielzeug, Werbung für Konsumgüter. Und diese Werbung erscheint nicht etwa zusätzlich zum Spielinhalt, sondern ersetzt ihn vollständig – und erfordert damit die volle Aufmerksamkeit.

Die Kinder werden gezwungen, sich diese unverfrorene Werbung anzuschauen – denn erst im Anschluss daran, oft muss noch auf ein „x“ getippt werden, geht es im eigentlichen Spiel weiter. Das kommt einer Nötigung gleich, finde ich – ist aber Alltag. Selbst wenn sie YouTube für Kids benutzen, um sich Videos anzuschauen, wird Ihnen Werbung präsentiert. Skandalös.

https://vimeo.com/243307849

Jugendschutzgesetz verdient seinen Namen nicht

Leider ist das nach Jugendschutzgesetz Paragraf 6 erlaubt. Es gibt nur wenige Ausnahmen für Werbetreibende, etwa Werbung für Alkohol oder Kinder in quälenden Situationen zu zeigen. Meiner Ansicht nach verdient das Gesetz daher nicht seinen Namen, denn es schützt die Jugend nicht. Es schützt die Werbetreibenden, die den Kindern rund um die Uhr Werbung zumuten – auf kommerziellen Fernsehsendern für Kinder in Videos, im Netz und auch in Spiele-Apps.

Damit muss unbedingt Schluss sein. Das sogenannte Jugendschutzgesetz muss erheblich überarbeitet und auf das IT-Zeitalter angepasst werden. Was wir brauchen, ist ein komplettes Werbeverbot für jede Form von Werbung, die von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen werden könnte. Das gilt also vor allem für Werbung im Umfeld von Inhalten, die sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche richten oder von Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Insbesondere für Werbung, die die totale Aufmerksamkeit fordert – also nicht nur in Apps oder in Videos, sondern selbstverständlich auch im Fernsehen.

Wir können doch nicht zuschauen, wie unsere Kinder von morgens bis abends mit Werbung konfrontiert werden.

Spiele-Apps: Man sieht den Apps nicht an, ob sie Werbung enthalten oder nicht; Rechte: WDR/Schieb

Spiele-Apps: Man sieht den Apps nicht an, ob sie Werbung enthalten oder nicht

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

7 Kommentare

  1. G. Mathey am

    Guten Morgen,

    persönlich kann ich Herrn Schieb nur beipflichten und muss meinen Vorrednern in Teilen widersprechen. Verantwortungslos in der heutigen Zeit ist es Kinder NICHT mit digitalen Medien in Kontakt zu bringen, da Wissen und Erfahrung im Computerbusiness in deren Erwachsenenalter absolut notwendig im Berufsalltag sein wird. Meine Kinder haben zwar weder Smartphone noch Tablet, aber das was sie fernsehen ist zumindest werbefrei.
    Es geht darum die Kinder zu „parken“ sondern vielmehr um einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien jeglicher Art und da sollte absolute Werbefreiheit vor allem im Kindesalter unbedingt dazu gehören, als Erwachsener ist man in der Lage die Werbung mental auszublenden, aber der Hypothalamus von Kindern hat die Fähigkeit noch nicht erlernt, was zu Reizflutung führt.

    • G. Mathey am

      Hat sich doch glatt ein „Freud’scher“ eingeschlichen!
      >> …Es geht NICHT darum die Kinder zu „parken“ sondern…

    • Wenn Kinder vor irgendwas „geparkt“ werden, also unbegleitet am Fernseher, Tablet oder Smartphone sitzen, ist das schon einigermaßen verantwortungslos. Ansonsten gebe ich Ihnen Recht; Es ist eine Frage von Medienkompetenz, den sorgfältigen und verantwortungsvollen Umgang mit diesen Geräten zu erlernen. Dreiste Werbung, die sich in unser Leben schiebt und die unserer Kinder, gehört ganz sicher nicht dazu. Wer sagt, „ein bisschen Werbung hat noch niemanden geschadet“, hat einfach keine Ahnung. Ich finde es unverantwprtlich, wie ungehemmt die Werbeindustrie vorgehen kann.

      • G. Mathey am

        Vielen Dank Herr Schieb,

        wie bereits korrigiert war das ein „Freud’scher Versprecher“, oder Verschreiber viel mehr – leider konnte ich meinen Beitrag nur als Antwort ergänzen und nicht editieren.

        Ergo sind wir vollkommen einer Meinung.

      • Hi liebe Leser,
        Hi Lieber Jörg,

        du hast es auf den Punkt gebracht. Man sollte Verantwortungsvoller mit der Thematik umgehen. Was aber nicht bedeutet das Seitens der Eltern geschlafen werden sollte. Die Sind ebenso in der Pflicht wie die Medien auch.

        LG
        Karin

  2. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    „Schämen“ sollten sich die verantwortungslosen Eltern, die Computer- und Videospiele auf ihre armen Kinder loslassen und oftmals sogar bereits Kinderwagen mit Tablets oder ihre Kleinkinder mit Smartphones versehen – beides habe ich selbst in Straßenbahn und Supermarkt sehen müssen!
    Um selbst ihre Ruhe zu haben oder weil sie selbst bereits suchtkrank sind, treiben solche Eltern ihre Kinder ihrerseits in die Online-, Computerspiel- und Smartphonesucht.
    Die Werbung wird zwar von Herrn Schieb zu Recht angegriffen, doch lenkt diese Attacke vom eigentlichen Problem ab: Denn wenn Kinder schon gar nicht mit den Suchtmitteln in Kontakt kommen, entrinnen sie ohnehin der Werbung.
    Nicht die Werbung ist das eigentliche Problem, sondern Kinder viel zu früh die digitalen Suchtmittel aufzuzwingen.
    DAS wäre doch mal eine Aufgabe für einen Blog wie diesen in einem öffentlich-rechtlichen Sender: Über Suchtgefahren, Ausstiegshilfen und Prävention aufzuklären, und zwar beharrlich und kontinuierlich.

  3. Inzwischen weiß wohl jeder, womit diese Portale ihr Geld verdienen.
    Schämen sollten sich also vielmehr die Eltern, die ihre Kinder vor diesen Portalen bzw. in diesen Apps sorglos „parken“, um u. a. mehr Zeit für ihren eigenen Digitalkonsum zu haben.
    Schämen sollten sich übrigens auch jene mutmaßlich neutralen „Nachrichten“sender (egal, ob werbe- oder zwangsfinanziert), die ihren „erwachsenen Kindern“ in unterschwelliger Beharrlichkeit politische Werbung (z. B. für die GroKo, Merkel, Macron oder die EU) präsentieren.

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