Schluss mit der Zerstörung, Airbnb

https://blog.wdr.de/digitalistan/schluss-mit-der-disruption-airbnb/

Schluss mit der Zerstörung, Airbnb

Kommentare zum Artikel: 5

Wir leben in wilden Zeiten. Die Geschicke der Digitalen Gesellschaft, in der wir alle leben, werden mittlerweile nahezu ausschließlich in Kalifornien bestimmt. Hier entscheiden Investoren, welcher Branche es als nächstes an den Kragen geht. Wir alle wissen mittlerweile: Selbst die lange als unangreifbar geltende Autobranche ist nicht davor gefeit, aus dem sonnigen Kalifornien heraus attackiert und womöglich zerstört zu werden. Das Zittern in Wolfsburg, Stuttgart und München ist unüberhörbar. Und es ist zu Recht so laut.

Airbnb zertört Hotels und Wohnraum gleichermaßen; Rechte: dpa/Picture Alliance

Airbnb zerstört Hotels und Wohnraum gleichermaßen

Airbnb: Musterbeispiel für unmoralisches Angebot

Manchmal wehren sich Branchen, die attackiert werden. Die Hotelbranche zum Beispiel führt aktuell eine Art PR-Kampagne gegen Airbnb. Das 2008 in Kalifornien gegründete Unternehmen ist ein Online-Reservierungssystem, über das man bequem Wohnungen und Häuser in aller Welt buchen kann. Anfangs ging es um Zimmer und Privatunterkünfte. Das mag man noch charmant finden. Mittlerweile aber bekommt man bei Airbnb vor allem Wohnungen, Ferienwohnungen und sogar ganze Häuser, die (nahezu) ausschließlich für Vermietungen gedacht sind. Eine echte Alternative zum Hotel.

Diverse Investoren haben schon eine Menge Geld in das Unternehmen investiert. Airbnb ist mittlerweile mehr als 30 Milliarden Dollar wert – und man fragt sich: Warum? Denn mehr als eine schnöde Plattform ist Airbnb nicht. Airbnb schafft keine Werte, sondern zerstört sie – im Blitztempo, ebenso wie bestehende Strukturen. Ein typischer Fall von Disruption: Die Hotelbranche ist in ernsthafter Gefahr. Die Branche argumentiert völlig zu Recht: Airbnb investiert nichts. Nicht in Gebäude, nicht in Infrastruktur, nicht mal in Personal. Bei Airbnb ist alles unverbindlich. Es werden Gebühren für Vermittlungen kassiert – das war’s. Das Risiko und die Verantwortung haben ausschließlich andere.

Airbnb vermittelt Wohnungen, die anderen gehören; Rechte: Airbnb/WDR

Airbnb vermittelt Wohnungen, die anderen gehören

Zerstörung von Wohnraum und Strukturen

Natürlich: Man kann über Airbnb Glück haben und gute, im wahrsten Wortsinne preiswerte Zimmer bekommen. Auch schon mal bessere als im Hotel. Aber darum geht es nicht. Es geht um die zerstörerischen Seiteneffekte: Wohnungen und Häuser werden zu Airbnb-Immobilien umfunktioniert, weil es dort mehr Geld zu verdienen gibt. Ein Hotel müsste genehmigt werden – und würde kontrolliert. Eine Wohnung auf Airbnb wird im Zweifel von den Behörden nicht entdeckt. Es geht immer mehr Wohnraum verloren, weil eigentlicher Wohnraum umfunktioniert wird. Der Wohnraum wird knapper – und teurer, damit Touristen in den Metropolen der Welt in vermeintlichen Privatwohnungen hausen können. Möglicherweise werden nicht mal Steuern gezahlt, geschweige denn Versicherungen etc.

Traumhafte Renditen

All das interessiert Airbnb nicht die Bohne. Ein unmoralisches Unternehmen. Aus Sicht von Investoren klingt „Disruption“ vielversprechend: Eine ganze Branche über den Haufen werfen, alles in Schutt und Asche legen und selbst komplett den Markt übernehmen. Da winken traumhafte Renditen. Doch kaum jemanden interessiert es, welche Konsequenzen das hat. Arbeitsplätze werden zerstört. Kapital flüchtet. Steuern fallen weg. Dem allem achselzuckend mit einem „Ist halt so“ oder „Globalisierung“ zu begegnen, bedeutet, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen und das Unheil geschehen zu lassen.

Es reicht nicht, immer nur zu beklagen, dass Amazon, Apple, Google und Co. bei uns keine Steuern zahlen. Man muss auch mal etwas dagegen unternehmen. Die Politik muss – und wir selbst müssen auch. Airbnb zerstört überall auf der Welt Wohnraum, Arbeitsplätze und Strukturen – und das Kapital fließt ausschließlich ins sonnige Kalifornien. Das passt zu Trumps „America First!“. Zweifellos. Aber das muss uns nicht gefallen. Ich jedenfalls werde nie bei Airbnb buchen. Ich kann es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren – und erst Recht nicht mit meinen Verstand.

 

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

5 Kommentare

  1. T.Schneider am

    Der Autor hat nichts begriffen. Tipp: Zero marginal Cost. Und, BTW: wieso muss eine ‚Zerstörung‘ von was, was schlechtes sein? Sind Hotels und Konsorten denn so super? Eher nicht. Ausserdem gehen nicht nur Jobs verloren, es entstehen auch andere (bessere – auch für die Welt im Ganzen – siehe ‚Tipp‘). Und die ’nicht Steuer zahlen Keule‘; brrrr. Erstens werden eh schon immer mehr Steuern über das bezahlt, zweitens staatlich (immer mehr) Steuern abverlangen ist eher verwerflich. Fakt ist: das System ändert sich. Und das ist gut so. Weil es nämlich so absurd nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Wer das nicht (ein)sieht, ist notorisch Veränderungsresistent. Einbilden muss sich darauf niemand was.

  2. Hotels, Airbnb, Wimdu und andere nutze ich sehr gerne für Reisen. Hier liebe ich die Vielfalt und Wahlmöglichkeit. Airbnb… Gastgeber sind sehr herzlich, hilfsbereit und dienen eindeutig der Völkerverständigung. Selber vermiete ich auch einen nicht genutzten Raum in meinem Haus und habe sehr interessante und nette Personen kennengelernt. Es läuft alles übers Finanzamt. Vermietungsplattformen sind eine Bereicherung für die Welt.

  3. Ein ineteressanter Blogeintrag. Solche Gedanken habe ich mir auch schon öfters gemacht. Weniger wegen ‚America first‘, eher grundsätzlich vom Prinzip her. Man hat gewachsene Strukturen wie Taxiunternehmen, Hotels – alle sind in gesetzlichen Rahmen organisiert, die auf Grund diverser Erfahrungen in diesen Branchen sich über Jahrzehnte weiterentwickelt haben, zum Wohle aller. Zum Beispiel, Betriebe sind versichert dem Kunden gegenüber, die Mitarbeiter sind steuerpflichtig angestellt, und so weiter. Jetzt kann man ja leicht mit der ‚innovativen Idee‘ kommen – machen wir es einfach so dass Privateleute die Arbeit übernehmen, das volle Risiko tragen, und ich mache Kasse da ich ‚vermittele‘ (sprich – ich kassiere Unsummen dafür das Leute auf meiner Webpage herumklicken dürfen).

    Ich stelle mir seit einigen Monaten dazu grundsätzlich folgende Frage: Was ist der Marktwert für die Erlaubnis des Klickens auf einer Webpage? Meiner Ansicht sind es 0 Euro – man nehme als Beispiel Google, wo man eine Menge internetbasierter Dienste kostenfrei nutzen kann.

    Ein weiteres Beispiel: Bekannte schlugen mir vor mich auf einer Dating-Website anzumelden. ‚Registrierung kostenlos‘ – stimmt, der Vorgang der Registrierung ist kostenlos, heißt aber nicht dass ich auf der Seite etwas machen kann, es sei denn ich werde ‚Gold-Mitglied‘ für 30 €/Monat.
    Was bekomme ich sonst so für 30 €? Das Beispiel eines Internetanschlusses mit Telefonflatrate verdeutlicht die Kaufkraft von 30 €.
    Was bietet mir der Datingseitenanbieter? – Im Kleingedruckten stehen Sachen wie 1. ‚Wir garantieren nicht, dass Sie tatsächlich einen Partner finden‘, und 2. ‚Wir nehmen keine Identitätsprüfung der Teilnehmer vor, es können daher Fake-Profile vorhanden sein‘.
    Ich bekomme also für 30 € die Leistung der Erlaubnis auf einer Seite herumzuklicken, und bekomme eine Dienstleistung ohne Garantie.
    In dieselbe Kerbe schlagen Internetauktionshäuser – ich soll pro erwirtschaftetem Dollar einen Prozentsatz an das Auktionshaus überweisen, und finde dass dies die wahren Kosten der Bereitstellung weit übersteigt (Serverkosten hängen nicht vom % Umsatz ab, sondern eher von der Anzahl der eingestellten Angebote). Ferner soll ich ‚Paypal‘ nutzen und so noch einen Prozentsatz des vom Käufer bezahlten Betrages abführen – für eine Dienstleistung, welche Banken kostenfrei anbieten, wohlgemerkt (d.h., Geld von Konto A nach Konto B schieben).

    Ich kann mir vorstellen, dass diejenigen die Geld an Airbnb, Uber und Co. überweisen, merken könnten, dass sie ebenfalls ähnlich eine Dienstleistung weit über Wert einkaufen. Dadurch werden diese Unternehmen dann schnell reich. Ich denke das Bewusstsein darüber sollte man auch mal in der Gesellschaft schärfen.

  4. R.Freitag am

    Airbnb zerstört nur Werte, weil es in Amerika beheimatet ist? Würde das Unternehmen in Deutschland seinen Sitz haben, wäre es doch genauso.

    In der Marktwirtschaft werden überkommene Strukturen immer durch andere Struikturen zerstört. Meiereien und Kurzwarenhändler gibt es nicht mehr, weil sich Kunden an neuen Strukturen namens Discount orientieren. Und das ist eben im Hotelmarkt genauso.

    Ich sehe das Airbnb-Prinzip als vorteilhaft an, wenn es durch den Kunden angenommen wird. Und das ist anscheinend der Fall. Von wo es betrieben wird, ist egal. Und mehr Wohnraum wird in beiden Fällen nicht gebaut. Wenn wirklich Wohnraum durch Airbnb knapp wird, wäre das eine zwingende Notwendigkeit. Amerika oder nicht, das macht keinen Unterschied.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top