Smartphone mit eingebauter Dauerwerbung

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Smartphone mit eingebauter Dauerwerbung

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Werbung nervt – doch wir sehen sie fast überall. Im Internet ganz besonders. Ein Grund, wieso viele Menschen einen Adblocker installieren, um beim Surfen weniger bunte Reklame zu sehen. Doch es gibt auch Menschen, die zahlen lieber weniger für ein Smartphone – und bekommen dann ein Gerät, das bei jedem (!) Entsperren eine Anzeige im Display präsentiert. Tag für Tag, ein Leben lang. Das ergibt Dutzende Werbekontakte pro Tag, Tausende im Jahr. Kein Witz: Bei ausgewählten Wileyfox-Handys ist das genau so.

Wileyfox-Smartphones: Werbung im Lock-Screen; Rechte: Wileyfox

Wileyfox-Smartphones: Werbung im Lock-Screen

Seele zum Verkauf – für 40 EUR

Der Hersteller bietet in Großbritannien seine Modelle Spark+ und Swift 2 Plus als sogenannte Add-X-Varianten an. Wer diese Geräte verwendet, bekommt Werbeanzeigen im Sperrbildschirm des Handys präsentiert. Der Kunde hat die Wahl: mit Dauerwerbung – oder ohne. Wer auf die Reklame verzichtet, zahlt bei beiden Modellen einen Aufschlag. Wer sich erst im Nachhinein gegen die Werbung entscheidet, kann sein Smartphone gegen einen Aufpreis von 40 Euro nachträglich werbefrei machen. So, jetzt wissen wir also, was unsere Seele wert ist: 40 EUR.

Neben der Tatsache, dass es extrem nervig ist, bei jedem ersten Blick aufs Smartphone Reklame präsentiert zu bekommen (nach links wischen: Mehr Infos; nach rechts wischen: Entsperren), sammelt der Betreiber jede Menge Daten über den Nutzer. Denn es sollen natürlich Werbeanzeigen erscheinen, die auf die Interessen des Nutzers zugeschnitten sind, wie der Betreiber auf seiner Webseite erklärt. Man hat also eine Plakatwand in der Hosentasche, die einem ständig personenbezogene Werbung unterjubelt – und auch noch fleißig Daten sammelt. Welche, wird nicht verraten.

Auch Amazon verkauft gesponsorte Hardware

Immer mehr Geräte mit Dauerwerbung

Wer glaubt, auf eine solche perfide Idee wäre noch niemand gekommen, der kennt Amazon schlecht. Zumindest in den USA verkauft Amazon verschiedene Geräte wie seine Tablets günstiger, wenn man Anzeigen zulässt. Gut, wenn man ein Amazon-Produkt kauft (und benutzt), weiß man vorher, dass man komplett durchleuchtet wird – egal, was man macht. Auch in China gibt es Hersteller, die ihre Geräte günstiger verkaufen, wenn sich die Nutzer auf Reklame einlassen.

Für mich ein abstoßender Gedanke.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

5 Kommentare

  1. Klare Antwort: JA. Man verkauft seine Seele, wenn man im Fernsehen Werbung über sich ergehen lassen muss. Im Privatfernsehen ist das die einzige Währung: Die wollen Lebenszeit der Zuschauer haben, um sie mit Werbung zu traktieren. In einer Zeitung/Zeitschrift ist das etwas völlig anderes. Es kostet nur extrem wenig Lebenszeit, eine Anzeige als solche wahrzunehmen und bei Desinteresse zu ignorieren. Bei audiovisuellen Medien ist es anders: Hier gibt es keine Taste zum Vorspulen. Die Lebenszeit ist verloren. Werbung auf einem Smartphone kostet auch Lebenszeit – und darüber hinaus auch einen erheblichen zusätzlichen Verlust an Privatsphäre.

    • Sie können in der Werbepause auch anderweitige Dinge tun, zum Beispiel zur Toilette gehen. Oder noch besser: Sie dürfen frei entscheiden, kein Privatfernsehen zu schauen. Oder kein Smartphone zu besitzen. Oder die Werbeeinblendungen auf dem Lock-Screen einfach nicht zu beachten. Von „Raub“ kann also keine Rede sein. Sie machen eine völlig willkürliche Unterscheidung, entweder Sie verdammen Werbung als Gesamtkonzept, oder sie definieren vernünftig, wo der Unterschied liegen soll. Die Bedenken zur Privatsphäre sind natürlich völlig berechtigt, allerdings: Die Privatsphäre ist längst verloren. Sie ist eine Illusion aus vergangenen Jahrzehnten, so traurig das letztlich ist. Ihre verzweifelten Versuche, Empörung hervorzurufen, ändern daran auch nichts. Viel mehr stört mich aber die völlig überzogene Redewendung „seine Seele verkaufen“. Im Volksmund verkauft man seine „Seele“, wenn man sich mit dem „Teufel“ einlässt. Es lässt auf ein sehr einfaches Weltbild schließen, wenn werbetreibende Konzerne für Sie der Teufel sind.

  2. Wieso verkauft man seine „Seele“, wenn man für einen Nachlass von 40 Euro mit Werbe-Einblendungen leben kann? Der Hersteller generiert offenbar damit Einnahmen im Gegenwert von 40 Euro, eine ganz einfache Rechnung. Wen die Werbung nicht st Inhalte mit Werbung zu bezahlen ist auch keine neue Erfindung, im Gegenteil. Verkauft man auch seine Seele, wenn man im Privatfernsehen die Werbe-Einblendungen über sich ergehen lässt oder durch die Anzeigen in einer Zeitung blättert? Für einen Mann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mag das „abstoßend“ sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich befürworte das Modell.

    Aber sparen Sie sich doch diesen reißerischen Tonfall.

    • Nehmen Sie sich doch einfach mal 5 Minuten Zeit und lesen Sie folgenden Artikel:
      privacy-handbuch.de/handbuch_19a.htm
      Vielleicht geht Ihnen danach ein kleines Lichtlein auf!?
      Herr Schieb liegt mit seiner Aussage -„Seele zum Verkauf“- definitv richtig!

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Auch ich kann Herrn Schieb und damit C.Z. nur zustimmen – jedenfalls überwiegend.
        Das einzig wirklich wirksame Mittel gegen die Werbe- und andere Pestilenzen, welche aus einem solchen Suchtphone (vulgo: Smartphone) quellen, ist SuchtphoneABSTINENZ.
        Ich bin bisher trotz aller Unkenrufe aus dem Bekanntenkreis („Du verlierst den Anschluß!“, „Du wirst keine Aufträge mehr bekommen!“, „Du bist ‚draußen‘!“)ganz ausgezeichnet ohne dieses Sucht- und Überwachungsmittel aus und werde mir auch in Zukunft niemals eines zulegen.
        Folglich lebe ich ruhiger und zufriedener als all‘ die Suchtgetriebenen und bleibe von Werbung komplett verschont.
        Übrigens: Ich habe NICHT irgendeinen Anschluß verloren, und die Zahl meiner Aufträge hat sich in den letzten Jahren verdreifacht – wahrscheinlich deshalb, weil ich ohne Einarmigen Banditen und die eigene Stasi-Zentrale in der Hosentasche effektiver und konzentrierter arbeite als die Getriebenen und Überwachten…

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