Wo bleibt die Aufregung über diese Brille?

https://blog.wdr.de/digitalistan/spectacles-snap-snapchat-google-glass-brille-aufregung/

Wo bleibt die Aufregung über diese Brille?

Kommentare zum Artikel: 13

„Während sich Snap derzeit alle Mühe gibt, die Spectacles als cooles, spaßiges und sogar modisches Accessoire zu positionieren, formiert sich unter Datenschutzbewussten Widerstand. Niemand beachte die denkbare heimliche Überwachung und dass früher oder später alle Videos, die mit den Spectacles aufgenommen wurden, auf den Servern des Unternehmens landen, wo Snap sie für seine Zwecke mit anderen Daten verknüpfen und auswerten oder auch an staatliche Stellen aushändigen könnte.“

Diese Worte stammen aus einem Artikel von ZEIT ONLINE. Ich habe aber eine Kleinigkeit verändert: Statt „Snap“ und „Spectacles“ ging es im Original um „Google“ und „Google Glass“. Der Artikel stammt aus dem Jahr 2013 – dem Hoch des Protestes gegen die Datenbrille. Deren Träger galten damals als „Glassholes“, in einigen Bars hatten sie Hausverbot, und WLAN-Betreiber haben der Brille zum Teil das Login verweigert.

Seit ein paar Tagen gibt es die Videobrille Spectacles aus dem Hause der Snapchat-Mutter Snap auch in Deutschland – und die Berichte klingen beim ersten Blick in Google News oft deutlich positiver. Da stehen dann so Dinge wie: „Die abgefahrene ‚Spectacles‘ ist endlich da!“ „Er wird höchste Zeit!“ „Verrückte Kamera-Brille!“ „Das Warten hat ein Ende!“

Spectacles-Werbung am Times Square

Werbung für die Spectacles am New Yorker Times Square: eine Brille für die Modebewussten, nicht für die Nerds.

Spectacles und Google Glass sind nicht komplett vergleichbar: Der Brille von Snap fehlt das Display, mit dem sich Nutzer Informationen einblenden lassen können, also auch Informationen zu Dingen und Menschen in der Umgebung. Die Spectacles können aber ebenfalls Videos aufnehmen – und so der „heimlichen Überwachung“ dienen. Und die Aufnahmen landen ebenfalls auf den Servern des Unternehmens.

Wo bleibt also die Aufregung über diese Brille? Ich habe die Frage diese Woche bei Facebook etwas ratlos in die Runde gestellt. Und ein paar mögliche Gründe geerntet: dass Snapchat im Gegensatz zu Google zum Beispiel nicht das Datenkraken-Image habe. Einen „harmloseren“ Auftritt und offenbar andere Zielgruppen für die Brille: Modebewusste statt Nerds, Snapchatter statt Techblogger, Coachella- statt re:publica-Besucher.

Wobei das für Datenschützer kein Argument sein sollte: Snapchat hat nach eigenen Angaben außerdem fünf Millionen Nutzer in Deutschland und ist damit auch kein Niemand. Oder liegt es daran, dass auch Datenschützer der eine Datenschutz lieber ist als der andere – weil sie mit dem Hype im Rücken ein größeres Publikum für ihre Positionen finden?

Snapbot

Knuffig und harmlos: An verschiedenen Standorten weltweit – darunter auch in Berlin – verkauft Snap die Spectacles unter anderem über diese Maschine, den „Snapbot“.

Kann es daran liegen, dass die Zielgruppe aus Millenials und Modebloggern und Influencern nicht so bedrohlich wirkt, wenn sie eine Videobrille trägt – im Gegensatz zu eher mittelalten Männern und Techfans? Oder daran, dass Snap den Spectacles einen LED-Ring um die Kameralinse spendiert hat, der aufleuchtet, sobald eine Aufnahme läuft? Also aus den Fehlern gelernt hat, die Google mit seiner Brille und deren Aufnahmefunktion gemacht hat?

Wie auch immer: Es ist seltsam, wie die Diskussion manchmal läuft. Aber vielleicht ist das der Lauf der Dinge, wenn es um gewagte technische Ideen geht: dass der Hass und die Kritik und die volle Breitseite vor allem dem entgegenschlagen, der sich zuerst aus der Deckung wagt. Die Ruhe danach können wir dann wenigstens nutzen – um ganz ohne den Negativhype darüber zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft nun damit umgehen, wenn wir Menschen mit Videobrillen begegnen – oder sie selbst tragen.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem „bösen Internet“ stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

13 Kommentare

  1. Dennis Horn am

    @Nadine: Wir haben deinen Kommentar gelöscht. Wir möchten dich bitten, die Blogregeln zu beachten und auf Bewerbung kommerzieller Angebote in den Kommentaren zu verzichten.

  2. Martin Däniken am

    Die sichtbare Technologie sprich Hardware ist NICHT das Problem,sondern die Software,die es erlaubt Daten mit einander zuverknüpfen,,die Algorithmen…
    Es wird interessant werden ob und wie Menschen das eine sehen und kritisieren aber den Rest des Eisbergs ignorieren…

  3. Thomas Becker am

    Wenn man die Entwicklung im Endausbau nachlesen möchte, empfehle ich Eggers: The Circle oder das Buch Zero

  4. Ich glaube, dass die fehlende Aufregung eigentlich wenig verwunderlich ist. Hinter Glass steht/stand eine weltweit agierende und für die Verarbeitung von Unmengen Daten bekannte Firma, die im kommenden Jahr seit mittlerweile 20 Jahren im Geschäft ist und mit der Google Suche, Gmail, Google Maps, Google Earth, etc. pp. disruptive und das Leben von Abermillionen Menschen tief durchdringende Dienste betreibt. Welche, die, wenn vernetzt und instand abrufbar, eine ungeheuerliche Wissens- und Informationsmacht entfalten. Eben das und nicht der tatsächliche Funktionsumfang wurde von vielen Menschen in Google Glass gesehen. Das Potential, die Gefahr, die informative Omnipotenz.

    Snapchat ist verglichen mit Google hingegen eher ein Polterer, ein Unruhestifter, der vielen Menschen über 35 oder 40 schon kein Begriff mehr ist. Der Service ist gerade mal 8 Jahre alt und hat beweintem nicht die Präsenz im täglichen Leben wie es Google, Facebook oder gar Twitter haben; geschweige denn die informative Allmacht. Selbst ich vergesse gerne, dass es Snapchat gibt. Dazu kommt: Die Generation und der Querschnitt der Menschheit, der Snapchat nutzt, hat kein Problem mit den Spectacles. Und diejenigen, die eins damit haben könnten, werden von den Snapchat-Nutzern nicht tangiert, unterschätzen Snapchat oder kennen es nicht einmal.

    • Dennis Horn am

      @Michael: Was, wenn sich Snapchat nun doch kaufen lässt – und zwar von Facebook oder Google? Dass sich die breite Nutzermasse darüber nun keine Gedanken macht, ist das eine. Was aber ist mit den Datenschützern? Aber ich glaube, dass die Punkte, die du ansprichst, da tatsächlich eine Rolle spielen, ja.

      • Falls Google oder Facebook alsbald Snapchat übernehmen sollten, dann würde das natürlich den Fokus auf diese Firma ändern; ebenso würde es den Service schlagartig bekannter machen und den Pool der potentiellen Informationsverknüpfungen auf gigantische Art vergrößern.

        Und auch Datenschützer fixieren sich auf Themen, die in ihrem und dem der Bevölkerung liegen. Angesichts des im Vergleich zu Google und Facebook in Deutschland eher marginalen Nutzerstamms ist Snapchat da leider wohl für viele einfach zu „unwichtig.“ Hype ist eine Sache und Relation eine andere.

  5. Hm, das wird nicht leicht werden.
    Ob ich selbst es immer mitkriege, wenn mich jemand ungefragt filmt….?!
    Es gibt im öffentlichen Raum schon so vieles, was meine Aufmerksamkeit erfordert.
    Wie alles, auch diese Brille Vor- und Nachteile.
    Da mir die Vorteile nichts bringen (passt nicht zu meinem Lebensstil) fühle ich mich mit den Nachteilen (Möglichkeiten des bequemen Missbrauchs) doch recht unwohl.

    • Dennis Horn am

      @Julia: Was mich interessieren würde: Wie gehst du denn mit dem Unterschied Kamerahandys/Videobrille um? Eigentlich ist das, was du beschreibst, ja mit Smartphones dasselbe: Auch damit können die Leute im Grunde jeden Moment filmen, oder?

  6. P. Gedoehns am

    Den Artikel finde ich sehr interessant und er beweist mir, dass ich mit meinen Befürchtungen in der Vergangenheit nicht falsch lag. Wiederholt habe ich hier die schlimmen Nebenwirkungen der übertriebenen Digitalisierung angesprochen, wobei ich gestehen muss, dass ich mit einem derart entsetzlichen Ergebnis (siehe Artikel) noch nicht so schnell gerechnet habe. Immer wieder wurde ich, wie auch vereinzelte andere, diesbezüglich kritische Kommentatoren durch die Blume als Spinner abgewertet.
    Damit kann ich sehr gut leben und ich verhalte mich so, wie ich es für richtig halte.
    Letztendlich glaube ich, dass auf jede Übertreibung eine Gegenreaktion erfolgt und die Menschen wach werden, sofern sie noch nicht zu sehr „bearbeitet“ wurden. Zumindest erlebe ich in meinem Umfeld, dass mich immer mehr Menschen um meine konsequente Smartphone-Abstinenz beneiden und Datenschutz als sehr wichtig ansehen.

    • Dennis Horn am

      @P. Gedoehns: Wenn Sie von „übertriebener Digitalisierung“ sprechen, sprechen Sie dann auch von „übertriebenem Buchdruck“ und „übertriebener Erfindung der Eisenbahn“? Ich halte das für eine schwierige Formulierung.

      Zu dem, was Sie aus meinem Artikel ziehen, neige ich jedenfalls nicht – siehe letzter Absatz.

      • Dennis Horn am

        @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Wir haben Ihre Antwort auf meinen Kommentar gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Blogregeln und verzichten Sie auf ständige Wiederholungen des immer gleichen Inhalts. Danke für Ihr Verständnis.

  7. Hallooooo, danke für den Artikel und die Einschätzung. Das ist ja erschreckend! Ich finde es höchst bedenklich.
    Ich muss gestehen, ich habe diese Entwicklung nur teilweise mitbekommen. Mir war nicht klar, dass es tatsächlich schon so weit ist, dass diese Brille im Alltag genutzt werden kann. Da haben wir nun den Salat! Das heißt, ab sofort Burka tragen? Oder wie kann ich mich schützen?
    Was nützt es mir zu erkennen, wenn die Brille gerade aufnimmt? Soll ich dann immer jeden darauf ansprechen und bitten die Aufnahmen zu löschen? Das wird lustig! Lernt man bestimmt viele nette Menschen kennen. Können die Partnervermittlungen zu machen!

    • @Jaffra: Naja, auch hier hilft es vielleicht, einfach mal ein anderes Wort einzusetzen: „Mir war nicht klar, dass es tatsächlich schon so weit ist, dass dieses Fotohandy im Alltag genutzt werden kann. Da haben wir nun den Salat! Das heißt, ab sofort Burka tragen? Oder wie kann ich mich schützen? Was nützt es mir zu erkennen, wenn das Fotohandy gerade aufnimmt? Soll ich dann immer jeden darauf ansprechen und bitten die Aufnahmen zu löschen?“

      Für Fotohandys haben wir die Frage, ob man Menschen darauf ansprechen und sie bitten sollte, Aufnahmen zu löschen, wenn man damit nicht einverstanden ist, ja mittlerweile beantwortet. Sie lautet: ja.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top