Twitter beginnt das Spiel mit dem Feuer – und schafft die 140-Zeichen-Grenze ab

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Twitter beginnt das Spiel mit dem Feuer – und schafft die 140-Zeichen-Grenze ab

Kommentare zum Artikel: 14

Noch kennen wir Twitter als „Kurznachrichtendienst“, wie es so schön heißt. Das soziale Netzwerk macht aber offenbar Ernst – und will schon bald die Grenze von 140 Zeichen abschaffen. Es ist wieder einmal das gut informierte Techmagazin re/code, das berichtet, dass es in Zukunft ein Limit von 10.000 Zeichen geben soll – so, wie es zurzeit schon in den Direktnachrichten zwischen einzelnen Twitter-Nutzern möglich ist.

Schon im September gab es erste Überlegungen zu diesem Schritt, den ich für problematisch halte. Twitter selbst geht es darum, den Mainstream zu erreichen, sein Netzwerk aus der Nische zu holen und nicht mehr allzu kryptisch daherzukommen. Denn bisher gibt es einen erschreckend großen Anteil an Nutzern, die sich bei Twitter anmelden – und vor lauter Kurzlinks, Hashtags und Retweets direkt nach ihrer Anmeldung zu Karteileichen werden, weil sie den Dienst schlicht nicht verstehen.

Die Kernnutzerschaft dagegen, die oft aus Multiplikatoren besteht und Twitter liebt und am Leben hält, schätzt die 140-Zeichen-Grenze und die mächtigen Hashtags, @-Replies und anderen Funktionen. Entsprechend sieht das Echo auf die Pläne des Netzwerks aus. Es ist dermaßen negativ, dass sich Chef und Gründer Jack Dorsey in dieser Nacht offenbar dazu gezwungen sah, sich zu erklären – in wesentlich mehr als 140 Zeichen.

„Wir haben viel Zeit damit verbracht, zu beobachten, was unsere Nutzer tun – und merken, dass sie Screenshots von längeren Texten twittern. Was wäre, wenn diese längeren Texte auch echte Texte wären – Texte, die sich durchsuchen lassen. Texte, die sich markieren lassen“, schreibt Dorsey. Und tatsächlich: Sein Tweet sieht nach einer Form aus, die man bei Twitter hin und wieder antrifft, um die 140-Zeichen-Grenze auszuhebeln – aber eben nur hin und wieder und nicht ständig.

Wie genau die 10.000-Zeichen-Tweets dann aussehen sollen, steht noch nicht fest. Wahrscheinlich ist, dass es bei einer Kernlänge von 140 Zeichen bleibt – wer mehr lesen möchte, kann Tweets dann auf ihre volle Länge „ausklappen“. Was natürlich dazu führen könnte, dass die eh schon verworrene Nutzerführung auf der Website von Twitter noch ein bisschen komplexer wird. Ob das also wirklich eine Vereinfachung wäre?

Theoretisch könnte man die 10.000 Zeichen hinnehmen, so wie Daniel Fiene es tut, der heute eine Reihe von Gründen aufführt, warum er „XXL-Twitter“ für eine gute Idee hält: Es bleibe ja bei den Original-Tweets mit 140 Zeichen, bei Facebook funktioniere es ähnlich, Twitter werde heute schon oft gehackt, um mehr Text unterzubringen, und auch aus Business-Sicht mache es Sinn. Die digitale Avantgarde schreibe ständig über den Wandel, aber hasse ihn, wenn er sie selbst betrifft.

Jack Dorsey

Als Gründer und Chef von Twitter muss Jack Dorsey eine Gratwanderung bewältigen und gleichzeitig den extrem aktiven Kernnutzern und den Aktionären gerecht werden.

Ich bin da nicht ganz so optimistisch, denn vermutlich bleibt es nicht bei dem Schritt, die 140-Zeichen-Grenze aufzuweichen. Zuletzt hat Twitter mit einem Facebook-ähnlichen Algorithmus in der Timeline mancher Nutzer experimentiert – was die Timeline, sollte sie zur Pflicht werden, in meinen Augen komplett nutzlos machen würde. Gerüchteweise stehen sogar die Hashtags zur Disposition, zumindest in ihrer jetzigen Form, weil sie je nach Einsatz dazu führen können, dass Tweets unleserlich werden.

Die Gratwanderung zwischen Nerds und Mainstream ist so alt wie Twitter selbst. Jetzt scheint der Dienst bereit, selbst zentrale Funktionen umzubauen, um dem Mainstream entgegenzukommen. Das kann man mutig nennen. Oder als großen Fehler bezeichnen. Zumindest ist es ein Spiel mit dem Feuer. So viele Sorgen wie zurzeit habe ich mir um mein liebstes Netzwerk noch nie gemacht – und ich hoffe sehr, dass Jack Dorsey es schafft, sein eigenes Baby nicht mit voller Wucht vor die Wand zu fahren.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

14 Comments

  1. Wir sollten gar nicht über Twitter reden. Deutschland ist nicht so tief in den Netzwerken verwurzelt, wie es immer berichtet wird. Die eigentliche Frage ist, wieso wir darüber reden müssen, obwohl es kaum jemanden betrifft.

    • @Whey: Das ist ein Totschlagargument, mit dem man relativ viele Themen nicht mehr besprechen dürfte. Mit welchen Zahlen belegen Sie zudem, dass Deutschland „nicht so tief in den Netzwerken verwurzelt“ sei? Twitter ist in der Tat ein Nischennetzwerk. Für Facebook und YouTube ist diese Behauptung dagegen falsch. Abgesehen davon befinden wir uns hier in einem Techblog – da dürfte die Zahl der Twitter-Nutzer auch noch ein Stück höher sein.

  2. Suchtfrei. am

    Es ist mir nach wie vor unbegreiflich, warum eine seriöse Institution wie der WDR, der, als öffentlich-rechtlicher, gebührenfinanzierter Sender zumal, der Aufklärung der Öffentlichkeit verpflichtet ist, Organisationen wie dieses „Twitter“ sowie auch dieses „Facebook“ und deren Spießgesellen nicht allein durch Beiträge wir obigen hoffähig macht bzw. hält, sondern auch noch selbst sogar Mitglied ist: Denn allerspätestens seit den alarmierenden Erkenntnissen des Leiters der Bochumer Medienambulanz, Dr. med. Bert te Wildt („Digital Junkies“), und des Hirnforschers Prof. Dr. Manfred Spitzer (zuletzt: „Cyberkrank!“, 2015) müsste doch zumindest dem WDR klar sein, dass es keine „sozialen“, sondern ausschließlich ASOZIALE NETZWERKE gibt, die nicht nur wie digitales Crystal Meth wirken, sondern auch auf andere Weise menschliche Kommunikation zerstören und durch profitgieriges Zulassen von Hassmails vergiften: Ebenso gut könnte der WDR hier öffentlich zum Konsum von Heroin aufrufen!

    • Dennis Horn am

      @Suchtfrei: Die „Erkenntnisse“ gerade von Herrn Prof. Dr. Spitzer sind enorm umstritten. Ich wüsste gar nicht, an welcher Stelle ich beginnen sollte, dessen krude und populistische Thesen auseinanderzunehmen. Selbst wenn Prof. Dr. Spitzer mit seiner Theorie richtig liegen sollte, dass die Beschäftigung mit digitalen Medien dumm macht: Es gibt kein Leben mehr ohne diese Medien. Also müssen wir uns mit Medienpädagogik beschäftigen, und im Sinne dieser verstehen wir auch Digitalistan als erklärendes Medium.

      Dass der WDR und andere öffentlich-rechtliche Medien diverse Auftritte in sozialen Netzwerken pflegen, schließt eine kritische Begleitung nicht aus.

      Weil Sie auf den Faktor „Sucht“ anspielen und als Beleg dafür Dr. Bert te Wildt anführen, empfehle ich als Lektüre: http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=33251899 – darin widerspricht Dr. te Wildt Ihren Ausführungen, was soziale Netzwerke angeht.

      • Suchtfrei. am

        Sehr geehrter Herr Horn, ich danke für Ihre aufschlussreiche Antwort und werde mir nach einem ersten „Drüberfliegen“ den verlinkten Artikel sicher noch eingehender zu Gemüte führen.
        Was Sie freilich nicht wissen können: Ich habe Lehraufträge an (Fach-)Hochschulen und beobachte, wie immer mehr – z.Zt. sicherlich 80 % – der Studierenden während der Veranstaltungen mit ihrem Suchtmittel „Smartphone“ beschäftigt sind, statt zuzuhören und sich an den Diskussionen zu beteiligen – angesprochen, reagieren sie verwirrt, da aus dem Suchtmittelkonsum herausgerissen. Desgleichen beobachte ich als intensiv die DB und den ÖPNV Nutzender täglich, wie meine Mitfahrgäste völlig weggetreten auf ihre Suchtphones glotzen, beimn Auss- und Einsteigen stolpern und andere Menschen anrempeln. Am schlimmsten: Papas und Mamas sitzen weggetreten, im Suchtphone verschwunden, neben ihren ganz kleinen Töchterchen und Söhnchen, die einsam und alleine dasitzen und von ihren Eltern nicht mehr wahrgenommen werden. Vergleichbares ist in Restaurants pp. zu beobachten. Und da soll man nicht von Sucht sprechen? Und sich nicht gegen die regelrechte Vergottung alles Digitalen wenden (dürfen)?

      • Suchtfrei. am

        P.S.: Herr Horn, ich beziehe mich auch nicht, wie der von Ihnen verlinkte Artikel, auf Spitzers Buch „Digitale Demenz“, sonder auf „Cyberkrank“ von Spitzer, erschienen 2015: Dort belegt er hieb- und stichfest den Internet-Missbrauch als klare Suchterkrankung – dies tut auch te Wildt in seinem Buch „Digital Junkies“, und zwar sehr wohl über die Spiele-Sucht hinaus , sofern der Bild-der-Wissenschaft-Artikel ihn korrekt wiedergibt, widerpspricht er also sich selbst – warum vermag ich natürlich nicht zu sagen…

        • Dennis Horn am

          @Suchtfrei: Ich stelle das von Ihnen beschriebene Verhalten auch fest, und das ist nicht schön. Aber um im Wissenschaftlichen zu bleiben: Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich unter „Sucht“ fällt oder ob es um andere Dinge geht. Für mich ist es eine Frage des guten Benehmens und bei Kindern eine Frage der Erziehung. Womit wir dem aus meiner Sicht auf keinen Fall beikommen, ist mit einer Verteufelung digitaler Medien – und die stelle ich bei Spitzer immer wieder fest.

          • Suchtfrei. am

            Sehr geehrter Herr Horn: Ich bin ziemlich bestürzt und erschrocken, eine solche Verharmlosung einer schlimmen Suchterkrankung, die sich zu einer wahren Smartphone- und Online-Sucht-PANDEMIE zu entwickeln, öffentlich lesbar bei einem öffentlich-rechtlichen Sender lesen zu müssen! Und um im echten Wissenschaftlichen zu bleiben: Sie dürfen als nicht nur von Spitzer bewiesen ansehen, dass der allenthalben anzutreffende Smartphonemissbrauch nahezu alle u.a. von der WHO erarbeiteten Suchtkriterien erfüllt, insbesondere Interessenabsorption, Dosissteigerung und Entzugserscheinungen. Zudem hat die Neurowissenschaft mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen, dass bei den solcherart Online-Süchtigen exakt dieselben Hirnareale aktiv werden wie bei die bei AlkoholikerInnen und Heroinsüchtigen bei Zuführung ihrer Suchtmittel. – Aber diese Wissenschaftler und Wissenschaftler sind ja lediglich promovierte und habilitierte, langjährig praxiserfahrene Fachärztinnen und – ärzte für Neurologie und Psychiatrie – was ist das schon gegen eine echten „Experten für Digitalthemen“….

          • Suchtfrei. am

            P.S.: Sorry, es hatten sich Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen: Der Halbsatz „…die sich zu einer wahren Smartphone- und Online-Sucht-PANDEMIE zu entwickeln…“ ist unvollständig: Am Schluss fehlt das Wort „droht“ – ich bitte um Entschuldigung…!

          • @Suchtfrei: Zunächst, und das ist sehr wichtig: Was Sie hier als „öffentlich lesbar bei einem öffentlich-rechtlichen Sender“ bezeichnen, ist meine Meinung in einer Kommentarspalte. Sie befinden sich in einem Blog, einer journalistischen Darstellungsform, die von den Haltungen ihrer Autoren lebt.

            Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass es Suchtphänomene in der digitalen Welt gibt – Ihre Ausführungen klingen, als wüssten Sie, wovon Sie reden, und ja: Ich bin kein Suchtexperte. Das habe ich ja auch nicht behauptet und Ihnen bereits zugestimmt, dass ich das beschriebene Phänomen grundsätzlich auch feststelle und für eine Herausforderung halte.

            Was Sie in der Konsequenz beschreiben, klingt für mich allerdings, als lebten wir in einer Welt voller auf ihre Displays starrenden Zombies. Das halte ich doch für arg weit hergeholt.

            Abgesehen davon ignorieren Sie mit Ihrer Beschreibung völlig, was die einzelnen Nutzer an Ihren Smartphones denn so tun. Und dass Wissenschaftler promoviert und habilitiert sind sowie langjährige Praxiserfahrung haben, schließt auch nicht aus, dass sie sich populistisch betätigen, um ihr kulturpessimistisches Weltbild zu stützen – siehe Spitzer.

  3. Hallo Dennis, dieses Spiel mit dem Feuer ist ein schönes Bild. Denn Twitter spielt tatsächlich mit dem Feuer. In den letzten Monaten haben sie viele Entscheidungen getroffen die keinen anderen Schluß zulassen. Denn bei diesen Entscheidungen haben sie selten an die Nutzer gedacht. Allerdings zählt für mich die XXL-Tweet Idee nicht zwingend dazu, denn schauen wir uns das mal mit etwas Abstand an: Die normalen Tweets werden wohl bleiben. Die XXL-Tweets kommen als weitere Darstellungsform dazu – wie ein Foto, oder ein Video. Das ist etwas, was viele Nutzer heute schon einsetzen. Nur: Der Text wird auf Fotos per Hand montiert. Wie umständlich. Ich finde: Hier denkt Twitter endlich mal wieder an seine Nutzer.

  4. Der Alte am

    Es ist genau wie im Artikel beschrieben, Kurzlinks, Hashtags und Retweets machen Twitter unübersichtlich. Darum bin auch ich eine Karteileiche und habe die App sofort wieder gelöscht.

    • Als ich mich bei Twitter registriert habe, fand ich es auch sehr unübersichtlich. Aber nachdem ich mich etwas „eingearbeitet“ habe, sehe ich diese Dinge als unverzichtbar an.
      Hashtags, Retweets & Co. sind die Dinge, die Twitter einzigartig machen. Wenn ich einfach nur chatten will, kann ich auch zu Facebook gehen.

  5. Sollte Twitter diesen Schritt wirklich gehen, werden sie sich selber belanglos machen, da man sich fragen wird, was Twitter noch von anderen Sozialen Netzwerken unterscheidet. Welche Alleinstellungsmerkmale hat Twitter dann noch? Keine!

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