Twitter lässt die Apps verhungern, die den Dienst groß gemacht haben

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Twitter lässt die Apps verhungern, die den Dienst groß gemacht haben

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Nur die wenigsten wissen, dass Twitter ein “Unfall” war. Der Dienst wurde als SMS-Gruppenchat für eine Podcast-Firma entwickelt. Auf die Idee der Hashtags kam einer seiner Nutzer. Und groß geworden ist der “Kurznachrichtendienst”, weil eine lebendige Entwicklercommunity genau die Apps entwickelt hat, die bis heute eine riesige Fangemeinde besitzen. Solche wie Tweetdeck, Tweetbot oder Twitterrific.

Einem großen Teil davon dreht Twitter in dieser Woche den Saft ab. Bisher atmet man mit diesen Apps die Luft des “alten Twitters”: chronologisch sortiert, ohne Algorithmus, der Stunden oder Tage alte Tweets einstreut – und: werbefrei. Das will Twitter offenbar ändern und macht deshalb ab dem 16. August 2018 seine Schnittstellen dicht. Die drastischsten Einschnitte: In externen Apps aktualisiert sich die Timeline nicht mehr automatisch; außerdem kommen dort keine Push-Mitteilungen mehr an – und das, wo es bei Twitter so sehr um Echtzeit geht wie sonst nirgendwo.

Die Entwickler der externen Apps sehen sich in ihrer Existenz bedroht und schreiben auf ihrer Protest-Website, dass Twitter ihnen den Zugriff zwar weiter zur Verfügung stellen wolle. Das koste allerdings 2.899 US-Dollar pro Monat – für jeweils 250 Nutzer. App-Entwickler müssten ihren Nutzern 16 US-Dollar im Monat abknöpfen, um diesen Zugriff plus Betriebskosten zu finanzieren. So viel Geld aber zahlt kein Mensch. Also liegt der Verdacht nahe: Twitter will die Apps, die den Dienst groß gemacht haben, am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Twitter warnt externe Entwickler: Ab Donnerstag werden die Schnittstellen für viele beliebte Funktionen dicht gemacht.

Man muss sich vor Augen führen, was allein Twitterrific geleistet hat: Es hat den Begriff “Tweet” etabliert und zum ersten Mal einen Vogel als Icon eingesetzt. Mit Twitterrific konnten Apple-Nutzer erstmals per App auf Twitter zugreifen. Es war die erste App mit einem Zählsystem, das anzeigt, wie viele der früher 140 und heute 280 Zeichen noch zur Verfügung stehen. Und Twitterrific hat Antworten und Unterhaltungen bei Twitter sortiert angezeigt, bevor andere Apps das konnten. Gegen Profiapps wie diese sind die firmeneigenen Programme – man muss es so drastisch sagen – Schrott. Sieht man von Tweetdeck ab, das aber auch nicht von Twitter selbst entwickelt wurde.

Vor allem Twitter-Profis stößt die neue Welt bitter auf: eine konfuse Timeline, bevorzugte Tweets, Werbung – all das, was ungenießbar wird, sobald ein Algorithmus ins Spiel kommt und aus einem gut sortierten Dienst und einziges Wirrwarr macht. Wer Twitter liebt, weil er Facebook nicht mag, dürfte die Änderungen hassen. Viele Nutzer protestieren deshalb bereits – standesgemäß bei Twitter selbst und genauso standesgemäß mit einem eigenen Protest-Hashtag: #breakingmytwitter.

Aufhalten wird der Protest die Pläne wohl nicht, so verständnislos die hauseigenen Entwickler allein sind, wenn es um die chronologische Timeline geht. Denn so ist wohl der Lauf der Dinge: Solange es ums Wachstum geht, sind externe Apps genehm. Sobald sie das eigene Geschäftsmodell untergraben, geht es ihnen an den Kragen.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

2 Kommentare

  1. Twitter will nicht die Apps, die den Dienst groß gemacht haben, am ausgestreckten Arm verhungern lassen, sondern von Powerusern, wie Verlage endlich Geld sehen. In Form von Gebühren für den Zugang zur Schnittstelle.

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