Twitter sperrt Polizei-Accounts in NRW

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Twitter sperrt Polizei-Accounts in NRW

Kommentare zum Artikel: 21

Die Accounts der Polizei bei Twitter sind wichtige Kanäle für die Kommunikation in Gefahrenlagen. Die Polizei in Köln hat hier über die Geiselnahme am Hauptbahnhof vor gut einem Jahr informiert, die Polizei in Aachen immer wieder über den Einsatz am Hambacher Forst, die Polizei in Münster 2018 über die Amokfahrt am Kiepenkerl.

Am Samstag hat Twitter eine ganze Reihe von Accounts der Polizei in Nordrhein-Westfalen gesperrt. Betroffen sind die Accounts der Behörden in Borken, Heinsberg, Herford, Höxter, Minden-Lübbecke, Soest, Steinfurt, Wesel sowie im Märkischen Kreis, im Rhein-Erft-Kreis und im Rhein-Kreis Neuss. Einige von ihnen waren zwischenzeitlich wieder erreichbar, andere sind es nach wie vor nicht.

Auf den betroffenen Profilseiten warnt Twitter, die Accounts seien “vorübergehend gesperrt” oder “eingeschränkt”. Die Warnung werde angezeigt, weil von diesen Accounts “einige ungewöhnliche Aktivitäten ausgegangen sind”. Nur, wenn Nutzerinnen und Nutzer zustimmen, erhalten sie trotzdem Zugriff aufs Profil. Über die Suchfunktion von Twitter ist es nicht möglich, die Accounts der Behörden zu finden.

Twitter

Overblocking – Twitter sperrt mehr Inhalte als nötig (Deutschlandfunk)

Die Polizeibehörde in Mettmann, die zwischenzeitlich auch betroffen war, schreibt, sie könne sich das Problem nicht erklären; es habe in den vergangenen Tagen aber “einige technische Probleme” gegeben. Twitter selbst war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Dass Anfragen an die offiziellen Twitter-Accounts oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Plattform in Deutschland ins Leere laufen, ist aber keine Ausnahme.

Der Fall ist nur ein weiteres Beispiel aus einer ganzen Reihe von Sperren, die zuletzt für viel Unmut in der Nutzerschaft gesorgt hatten. Der Schriftsteller Tom Hillenbrand hat wegen eines satirischen Tweets zur Europawahl seit Monaten keinen Zugriff auf seinen Account – und zuletzt im Mai getwittert. Auch viele andere Nutzer wurden deshalb gesperrt. Im Mai hat Twitter das Konto der Jüdischen Allgemeinen blockiert. Die Liste ließe sich fortführen.

Bei den Sperren der Polizei-Accounts in Nordrhein-Westfalen kann es sich noch immer um einen technischen Fehler handeln. Trotzdem: Es ist offensichtlich, dass Twitter ein Problem mit Overblocking hat – und die Frage, wie gut es ist, dass private Unternehmen über Kanäle entscheiden, die für die Öffentlichkeit wichtig sind, bleibt aktuell.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

21 Kommentare

  1. Twitter mag alles mögliche sein, aber es ist mit Sicherheit nicht wichtig. In meinem Bekanntenkreis nutzt das niemand so wirklich. Wie alle anderen (a) sozialen Medien absolut entbehrlich.

    • Dennis Horn am

      @NOhnJ87: Persönliche Empirie ist immer ein wenig schwierig. Dass Twitter “nicht wichtig” ist, halte ich auf jeden Fall für eine steile These, und dass auch alle anderen sozialen Medien entbehrlich seien, ist schon allein durch deren Nutzungszahlen widerlegt.

  2. Christiane am

    Wenn man es aus Sicht von Facebook, Twitter und Co denkt, ist Overblocking ein sinnvolles Mittel, den Zwang, überhaupt etwas löschen zu müssen, ad adsurdum zu führen. Einfach so lange und so viel willkürlich blockieren, bis die Leute unruhig werden und das Blockieren dann als Folge der Gesetzeslage interpretieren.

    • Dennis Horn am

      @Christiane: Wenn dieser Gedanke mal nicht nach hinten losgeht – die Forderungen nach Regulierung machen ja schon die Runde.

  3. Ich verstehe die Aufregung/Hysterie nicht. Twitter erwähnt in den AGB/TOS eindeutig: “Wir können Ihre Accounts sperren oder kündigen oder Ihnen die Bereitstellung der Dienste j e d e r z e i t[!] aus b e l i e b i g e m G r u n d[!] ganz oder teilweise verwehren…”. Deutlicher geht’s nun wirklich nicht! Sollte eigentlich jedem Dienstnutzenden bekannt sein – einer Behörde ganz besonders. Wer seine Pressearbeit schwerpunktmäßig auf einen kommerziellen (d.h. mit dem Primärziel Geld zu verdienen) Kanal (oder auch auf andere Kanäle, mit ähnlichen Nutzungsbedingungen) aufbaut, beschränkt sich letztlich nicht nur selbst, sondern handelt m. E. mehr als nur fahrlässig … insbesondere gegenüber der zu informierenden Öffentlichkeit.

    • Dennis Horn am

      @Hardy: Wodurch sehen Sie denn belegt, dass die Polizei allein durch das Vorhandensein ihrer Accounts bei Twitter „ihre Pressearbeit schwerpunktmäßig“ dort betreibt? Es ist einer von vielen Kanälen. Dass Twitter als privatwirtschaftliches Unternehmen die AGB dafür stellt, ist selbstredend – auch wenn ich es für sinnvoll halte, darüber nachzudenken, ob Plattformen wie Twitter nicht in eine zu regulierende Kategorie an Unternehmen gehören, die heute einen wichtigen Teil unserer Kommunikations- und Informationsinfrastruktur stellen. Und daran wiederum ist die Polizei nicht schuld; sie erkennt mit ihrer Präsenz dort nur die Realität an. Für die Öffentlichkeit handelt es sich also aus meiner Sicht um wichtige und sinnvolle Kanäle. Und allein, dass Twitter die AGB stellt, befreit das Unternehmen ja nicht von Kritik am Umgang mit seinen Nutzerinnen und Nutzern.

      • “Wodurch sehen Sie denn belegt, dass die Polizei allein durch das Vorhandensein ihrer Accounts bei Twitter „ihre Pressearbeit schwerpunktmäßig“ dort betreibt?”. Bitte nicht die Wörter im Munde herumdrehen: ich schrieb oben “(oder auch auf andere Kanäle, mit ähnlichen Nutzungsbedingungen)”, d. h. somit z. B. auch FB, WA. O.K., ich hätte es vielleicht um “digitale” (Pressearbeit) ergänzen sollen.;)
        Und: Ich halte grundsätzlich nichts von polizeilicher Pressearbeit auf kommerziellen SocialMedia-Kanälen. Als (Negativ-)Beispiel sei hier der Amoklauf rund um das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ, 2016) genannt. Vgl. SZ, “Timeline der Panik”. Dazu die SZ (“Werktstattbericht/Rekonstruktion einer aufgeregten Nacht”): “Das Ergebnis ist die Rekonstruktion einer aufgeregten Nacht, die zeigt, mit welch ungeheuerlichen Geschwindigkeit sich Gerüchte verbreiten – von sozialen Medien zu TV-Sendern und Nachrichtenseiten und zurück – und wie aus falschen Informationen echte Panik entsteht.” und “Die Polizei steckt in einer Zwickmühle: Wenn sie Informationen zurückhält, hält die Panik an. Gibt sie aber falsche Informationen raus, untergräbt das ihre Glaubwürdigkeit.”.
        Also egal, was die Polizei in solchen Situationen auf den sozialen Netzwerken tut oder unterlässt: sie tut im Zweifel (und je nach Sichtweise bzw. Erwartungshaltung) eigentlich immer das Falsche, oder!?

        • Dennis Horn am

          @Hardy: Auch mit dem Zusatz der anderen Kanäle habe ich nicht den Eindruck, die Polizei betreibe ihre Arbeit dort schwerpunktmäßig, siehe https://www1.wdr.de/nachrichten/nrw-polizei-twitter-100.html: “Trotz der wachsenden Bedeutung der Kanäle im Internet, habe die Pressarbeit und der schnelle Draht zu den Medien immer noch die ‘größte Breitenwirkung’.”

          Zur Einstufung der Plattform als “kommerzieller Social-Media-Kanal” kann ich nur meinen Punkt wiederholen: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Einstufung allein richtig ist – oder ob man die Plattformen, über die wir hier diskutieren, angesichts ihrer Bedeutung für Kommunikation und Information nicht als kritische Infrastruktur einstufen müsste.

  4. Erst haben alle gefordert, daß die sozialen Netzwerke beim geringsten Verdacht auf Missbrauch oder hate speech Accounts sperren. Am Besten vollautomatisch, mit Filtern. Jetzt tun sie’s (zumindest Twitter). Ist auch wieder nicht richtig. Zeigt aber, daß die Diskussion über Uploadfilter zwecks Copyrightschutz durchaus berechtigt ist.

    • Dennis Horn am

      @hø’ø: Dass die Forderung, es müsse „beim geringsten Verdacht auf Missbrauch oder Hatespeech“ gesperrt werden, von „allen“ kam, stimmt so pauschal nicht. Wir haben zum Beispiel die Diskussion um die Gefahr durch Overblocking hier in Digitalistan durchaus kritisch geführt.

      • @Dennis Horn: Bitte mich nicht falsch verstehen – natürlich waren es nicht wirklich alle, in Fachkreisen, wie hier bei Digitalistan, wurde und wird da durchaus kritisch diskutiert, und mein Beitrag war nicht als Kritik an Deinem Bericht gemeint. Aber gerade viele Behörden und Politiker stehen hinter diesen Forderungen nach automatischen Filtern, sowohl bei sozialen Medien als auch bei Uploads (diese “alle” waren gemeint). Ich finde, es ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Schuß nach hinten losgehen kann.

  5. Rolf Drewes am

    Die Herrschenden privatwirtschaftlichen Unternehmen welche die Macht über die Kanäle wie twitter, TikTok, facebook und diverse andere haben, zeugen dem Staat (den Staaten) doch seit Jahren die kalte Schulter. Sie sind dann letztlich immer die Bestimmer. Und es gibt nun mal ganz unterschiedliche Weltanschauungen und Wertegefüge und ganz unterschiedliche Intelligenzstufen bei den mit der Reinheit der Systeme beauftragten Menschen. Es reicht doch, wenn sich die Politik durch Lobbyismus schon so auffressen lässt, da muss man sich doch das Mediengeschäft und die Instrumente der Meinungsbildung nicht auch noch aus der Hand nehmen lassen. Öffentliche Stellen haben in diesen Kanälen nichts zu suchen wenn es darum geht relevante Informationen zu verbreiten., denn dann sucht dort auch niemand nach relevanten Informationen. Was nicht heißen soll, dass man dort nicht auftritt um für Ordnung zu sorgen. Und das mit Klarheit des Handelns. Bisher lässt sich die Politik / der Staat m.E. dort nur eins: vorführen.

    • Dennis Horn am

      @Rolf Drewes: Da bin ich anderer Ansicht. Öffentliche Stellen haben die Aufgabe, möglichst große Teile der Bevölkerung zu erreichen. Und die Plattformen, über die wir hier diskutieren, stellen heute einen gehörigen Teil unserer Informations- und Kommunikationsinfrastruktur. Das kann man für falsch halten – aber einen Umgang damit müssen wir aus meiner Sicht dennoch finden. Unter dem Kommentar von Julian gehe ich noch etwas weiter darauf ein.

  6. “und die Frage, wie gut es ist, dass private Unternehmen über Kanäle entscheiden, die für die Öffentlichkeit wichtig sind, bleibt aktuell.” Einfache Antwort: Weil es deren Kanäle sind. Die bessere Frage wäre: Warum schafft der Staat oder etwa der öffentlich-rechtliche Rundfunk es nicht, eigene, unabhängige Kanäle aufzubauen? Erst sich jedem neuen privatwirtschaftlichen Netzwerk (aktuell “TikTok”) an den Hals werfen, es damit groß machen – und dann, wenn die Liebe erkaltet, über Regulierungen nachdenken!? Kann man machen. Ist aber falsch.

    • Dennis Horn am

      @Julian: Da bin ich anderer Ansicht. Auftritte öffentlicher Stellen sind auf den Plattformen in meiner Wahrnehmung vor allem dann erst entstanden, als die Nutzerschaft schon dort war. Wir reden hier über Plattformen mit jeweils über einer Milliarde Nutzerinnen und Nutzer; bei Twitter über eine Plattform voller Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die wichtige Meldungen der Polizei in die Breite tragen können.

      Das Problem ist, dass ein gehöriger Teil der Nutzerschaft außerhalb dieser Plattformen nicht mehr so einfach zu erreichen ist – die Polizei mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit aber die Aufgabe hat, möglichst große Teile der Bevölkerung zu erreichen. Die tagesschau übrigens genauso; ich denke, du spielst auf deren Auftritt bei TikTok an. tagesschau-Chef Marcus Bornheim hat uns dazu ein paar Worte in der aktuellen Ausgabe von COSMO TECH gesagt: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/podcast/tech/cosmo-tech-tiktok-100.html.

      Dass gleichzeitig versäumt wurde, eigene unabhängige Kanäle aufzubauen, beispielsweise eine „europäische Plattform“, über die zurzeit oft diskutiert wird, ist genauso richtig. Bei den Auftritten jetzt geht aber zunächst einmal um Realitäten. Das gilt auch für die Diskussion über Regulierung: Die Plattformen, über die wir hier diskutieren, stellen heute einen gehörigen Teil unserer Informations- und Kommunikationsinfrastruktur. Das kann man für falsch halten – aber einen Umgang damit müssen wir aus meiner Sicht dennoch finden.

      • Das ist ein bisschen wie beim Abbau der Warneinrichtungen (Sirenen, etc) Anfang der 90er Jahre. Man hat gemeint, man könne drauf verzichten und über andere Medien (SMS, Rundruf, Warnapp) die Menschen besser erreichen. Letztendlich hat sich gezeigt, daß dem nicht so ist, letztere sind eine nette Ergänzung, aber die meisten Menschen erreicht man offenbar doch mit Sirenensignalen, die unabhängig von mitgeführten Geräten jeder hören und verstehen kann. Im Anschluß an das Signal kann man dann Details über Rundfunk (Radio erreicht immer noch viele, auch zB. am Arbeitsplatz!), App oder soziale Medien verbreiten. Drum baut man die Sirenen jetzt wieder vielerorts auf. Sich bei Warnungen darauf zu verlassen, daß alle ein Smartphone mit sich rumtragen und dazu ein brauchbares Datennetz, sowie einen Account bei ausgewählten Anbietern (facebook, twitter, tiktok) haben, geht IMO in Richtung Fahrlässigkeit, ist aber zumindest ausgesprochen blauäugig.

        • Dennis Horn am

          @hø’ø: Oder wie das nordrhein-westfälische Innenministerium es ausdrückt, siehe https://www1.wdr.de/nachrichten/nrw-polizei-twitter-100.html: “Trotz der wachsenden Bedeutung der Kanäle im Internet, habe die Pressarbeit und der schnelle Draht zu den Medien immer noch die ‘größte Breitenwirkung’. Im Notfall fahre die Polizei auch noch mit Lautsprecherwagen durch die Straßen, um zu warnen.”

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